Kritik zu Nürnberg
Der Nazi und sein Psychiater: In seiner Rekonstruktion des ersten Nürnberger Prozesses konzentriert sich James Vanderbilt auf das fatale Verhältnis zwischen Hermann Göring und dem Psychologen Douglas Kelley.
Vor rund 80 Jahren begann in Nürnberg der Prozess gegen die Nazi-Hauptkriegsverbrecher, der vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 dauerte. Das Militärtribunal war ein Novum in der internationalen Rechtsprechung, da es zum ersten Mal die Führung eines Angriffskriegs, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahndete, ein Vorbild auch für die Etablierung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.
Das runde Jubiläum dürfte das Movens für die Entstehung des Films Nürnberg gewesen sein, der seine Premiere im September 2025 in Toronto und San Sebastián feierte und termingerecht im November letzten Jahres in den USA startete. Er versucht mit großem Aufwand eine Geschichtslektion unter neuer Perspektive, was ihm hoch anzurechnen ist – auch wenn er diesen Anspruch nicht immer einlösen kann.
Im Jahr 1945 kommt der amerikanische Militärpsychologe Douglas M. Kelley (Rami Malek) nach Mondorf in Luxemburg, wo die 22 Angeklagten des ersten Nürnberger Prozesses im ehemaligen Palast-Hotel einsitzen. Seine Aufgabe: ihren geistigen Zustand zu begutachten und ihre Verhandlungsfähigkeit sicherzustellen. Douglas Kelley gab es wirklich, er hat seine Erfahrungen mit den Nazis veröffentlicht (»22 Cells in Nuremberg«), und der Wissenschaftsjournalist Jack El-Hai hat über Kelleys Lebensgeschichte und sein Wirken vor, während und nach dem Prozess ein Buch geschrieben: »Der Nazi und der Psychiater«.
Auf dieses Buch stützt sich auch »Nürnberg«, und wie es der Titel nahelegt, konzentriert sich James Vanderbilt in seinem Film mehr und mehr auf das fatale Verhältnis zwischen Hermann Göring, dem prominentesten Nazi des Prozesses, und Kelley. Schon zu Beginn des Films lernen wir Göring kennen, wie sein frisch geputzter Mercedes durch eine Flüchtlingskolonne pflügt, wie er in seiner taubenblauen Fantasie-Uniform dem Wagen entsteigt – und den verblüfften amerikanischen Soldaten, die ihn festnehmen, die Anweisung gibt, das Gepäck im Kofferraum doch schon mal auszuladen. Es ist die vielleicht beste Szene des Films, gerade weil sie an einer Karikatur vorbeischrammt.
Denn im weiteren Verlauf des Films wird Göring sehr, sehr ernst genommen – obwohl er doch, historisch gesehen, eine eher lächerliche Figur war, in der Bevölkerung soll er den Spitznamen »Lametta-Heini« gehabt haben. Und er war skrupellos, hat den Startschuss für die von den Nazis euphemistisch so genannte »Endlösung der Judenfrage« gegeben. Vanderbilt gewährt ihm eine fragwürdige Größe, die Russell Crowe durchaus beeindruckend ausfüllt, jovial und charmant, abgefeimt und manipulativ, souverän und auftrittssicher. Und er spricht sogar gutes Englisch (das des echten Göring soll eher holprig gewesen sein). Russell Crowe spielt, man kann es nicht anders sagen, Rami Malek schlichtweg an die Wand. Zwischen dem Nazi bigger than life und dem Psychiater entwickelt sich eine – ebenso fragwürdige – emotionale Beziehung und Bindung, ohne dass es dem Film gelänge, eine differenzierte Täterpsychologie zu entwerfen. Und wieso Kelley dem Nazi auf den Leim geht, bleibt leider auch im Dunkeln.




Kommentare
Film Nürnberg
Dieser Film sollte verbindlich allen zugänglich sein, vor allem der jüngeren Generation, um die Nazi-Greuel nicht vergessen zu lassen; insbesondere in der jetzigen politischen Situation
Fim Nürnberg
Toller Film!! Warum es so schlecht bzw verhaltene Kritiken gibt, kann ich nicht nachvollziehen?
Ein junger Psychiater, der anfangs eher sorglos zu seinem neuen Aufgabengebiet gereist ist und sich im Laufe des Geschehens natürlich in eine Beziehung zu Göring begeben hat, ist nachzuvollziehen. Auch, dass sich das Geschehen auf Göring konzentriert hat - wenn Göring fällt, fallen alle!!! Das war immer der Tenor in diesem Film!
Dass es ein Mainstreamfilm geworden ist, ist doch eher gut, denn die heutige Generation ist nicht mehr ins Kino zu locken mit spannungslosen Faktenaufzählungen. Deshalb finde ich es schade, dass die Mainstreamkritik den Film eher schlecht gemacht hat!!! Schlussendlich war auch die Mahnung am Ende, dass dieses Problem kein typisch deutsches war, sondern ein Problem von Machtmissbrauch, wie es sich jederzeit und überall wiederholen kann, eine hochaktuelle Warnung in der heutigen Zeit!!!
Nürnberg
In welcher Beziehung soll denn Kelly dem Nazi auf den Leim gegangen sein??
Dass der Psychologe das Unternehmen am Anfang wohl eher als ehrgeizige Aufgabe ansah, was sein psychologisches Können ansah und sich aus den Gesprächen eine Beziehung Beziehung entwickelt hat, ist nachvollziehbar. Dass sich der Film auf Göring fokussiert hat, ist auch einleuchtend. Niemand hätte ein 4 Stunden Drama sehen wollen und der Satz: wenn Göring fällt, fallen alle, - ist Begründung genug.
Für mich war es ein toller Film! Ein Mainstreamfilm - das stimmt wohl, aber die jetztige Generation würde sicher nicht mehr Interesse an andersgearteter Geschichtsaufarbeitung aufbringen. Wobei es sicher Ausnahmen gibt, diese allerdings keine Kinosäle und -kassen füllen!!
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