Kritik zu Rosebush Pruning
Regisseur Karim Aïnouz (»Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão«) channelt einen Film von Marco Bellocchio und führt eine Familie superreicher Nichtsnutze in grotesker Dekadenz vor. Mit Starensemble und tollen Kostümen
Schon das erste Bild spricht Bände: Am Strand fläzt sich Ed (Callum Turner), ein echter »heartthrob«, neben einen Liebhaber in den Sand. Eds Kleidung, sein Ring deuten an, was für den Spross der in Spanien lebenden schwerreichen US-Familie zählt – Statement-Schmuck, Designerkleidung, Luxussonnenbrillen.
Von Anfang an lässt Regisseur Karim Aïnouz, der mit diesem Werk Marco Bellocchios Filmtragödie »Mit der Faust in der Tasche« von 1965 channelt, keinen Zweifel an der moralischen Verderbtheit seiner Protagonist:innen. Da ist jener Ed, der im Off die dysfunktionale Familie kommentiert; da sind seine ebenso attraktiven Geschwister, der den Bruder begehrende Robert (Lukas Gage) und die latent unbefriedigte Anna (Riley Keough); da ist der älteste Bruder Jack (Jamie Bell), dem langsam dämmert, wie toxisch diese egozentrische Sippe wirkt, und der sich darum an eine Beziehung mit Gitarristin Martha (Elle Fanning) wagt. Und natürlich ist da der Kern allen Übels, der Millionärsvater (Tracy Letts), der einst durch die strahlend weißen Zähne der angeblich verstorbenen Mutter (Pamela Anderson) so sehr geblendet wurde, dass er blind wurde.
Die Absurdität letzterer Behauptung und vieler anderer – der Mutter, die, wie sich herausstellt, nicht tot ist, sondern mit einer Frau zusammenlebt, wird regelmäßig ein geschlachtetes Reh »geopfert«, das dann von Wölfen verspeist wird – nimmt Aïnouz' Film einiges an inhärenter Bitterkeit. Seine in gesättigten Farben wie ein Werbeclip leuchtende Satire bleibt dennoch innerlich pechschwarz. Szenen wie die, in der die Söhne ihren Vater, dessen Besessenheit mit weißen Gebissleisten pathologisch ist, während seines Zähneputzens oral befriedigen müssen, wären ohne ironische Distanzierung auch kaum aushaltbar. Und dass Jacks Freundin Martha beim Familiendinner beleidigt wird, funktioniert ebenfalls nur als Sinnbild – in Wirklichkeit würde eine so selbstbewusste Frau naserümpfend abziehen.
Doch Aïnouz, der ein Drehbuch des Yorgos-Lanthimos-Kollaborateurs Efthimis Filippou verfilmt, möchte nicht real sein – er möchte übertreiben, möchte die Keimzelle der Gesellschaft ebenso vorführen wie die menschliche Triebhaftigkeit und Geldgier. Und ist der filthy rich-Zustand an sich nicht schon ein Affront gegen die Realität? Kann man wirklich so reich, skrupellos, oberflächlich, kaputt und egoistisch sein – und gleichzeitig das Schöne, das Ideale so sehr suchen?
Da sich diese Frage für die meisten schwer beantworten lässt, funktioniert Aïnouz' Film zuweilen gut. Die Opulenz der Haute Couture verwandelt ihn darüber hinaus in einen Stofftraum: Die Schauspieler:innen wurden von der preisgekrönten Kostümdesignerin Bina Dageler in großartige Vintage- und aktuelle Kleidung gesteckt, allein wegen Annas leuchtend blauer Lederstiefel und ihrer roten Mules lohnt sich ein Kinobesuch.
Im Rachen bleibt allerdings bei all den ausgespielten Defekten der gallige Nachgeschmack einer dekadenten Party, die über der Kloschüssel endete. Aïnouz möchte so gnadenlos sein, dass er die Liebe zu seinen Figuren komplett ignoriert. Und das ist dann doch unangenehm.




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