Mubi: »My Undesirable Friends: Part I«

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2024
Original-Titel: 
My Undesirable Friends: Part I – Last Air in Moscow
Heimkinostart: 
02.04.2026
V: 
L: 
324 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der Dokumentarfilm von Julia Loktev zeigt Geschichte, die noch nicht zu Ende geschrieben ist, und war auf der Oscar-Shortlist

»Die Welt, die Sie hier zu sehen bekommen, gibt es nicht mehr.« Mit diesen Worten aus dem Off leitet Julia Loktev ihren eigenen Dokumentarfilm ein. Ihr Hinweis gilt nicht nur dem Inhalt, sondern auch der Form. Gerade weil das spezielle Milieu, das sie 2021 und 2022 in Moskau filmte, von heute aus gesehen Geschichte ist, sind ihre Aufnahmen von historischer Bedeutsamkeit. Die Länge des Films belegt mit 324 Minuten, dass es Loktev schwerfiel, allzu viele Teile des historischen Materials dem Schnitt zu opfern und damit eventuell dem endgültigen Vergessen zu überlassen.

Einerseits ist das natürlich schön. Wer will, kann sich mit Loktev mittenmang in die oppositionelle Journalistenszene Moskaus im Jahr 2021 begeben, in die Diskussionen am Küchentisch, bei den Vernissagen und in den Redaktionsräumen. Als sehr angenehm fällt auf, dass Loktevs Aufmerksamkeit hauptsächlich Frauen gilt. Anna Nemzer, eine der wichtigen Moderatorinnen und Autorinnen bei TV Rain, wo Loktev am meisten filmt, steht im Mittelpunkt. Aber auch für das große, sichtlich erschöpfende Engagement von jüngeren und zurückhaltenderen Mitarbeiterinnen hat die Regisseurin ein Auge.

Die Corona-Krise ist gerade erst vorbei, die Repressionen gegenüber der kritischen Presse in Russland nehmen zu. Das Gesetz über »ausländische Agenten«, mit dem das Regime seit 2011 die Tätigkeit von NGOs reglementierte, war bereits 2017 auf Medien ausgeweitet worden. Seit 2019 konnten auch Einzelpersonen zu »ausländischen Agenten« erklärt werden. In freitäglichen Listen gab das Justizministerium die entsprechenden neuen Namen bekannt.

Loktevs Filmtitel bezieht sich unmittelbar darauf: Während Journalisten als »ausländische Agenten« unter bestimmten Bedingungen noch arbeiten konnten, war das unter dem Label »Unerwünscht«, der nächsten Stufe, nicht mehr möglich. Die Auflage in Bezug auf soziale Medien war: Wen das russische Justizministerium auf seine Liste gesetzt hatte, der musste sämtliche seiner Nachrichten, Messages, Tweets und Posts mit dem Label versehen: »Diese Nachricht (dieses Material) wurde erstellt und/oder verbreitet durch ein ausländisches Massenmedium, das die Funktionen eines ausländischen Agenten erfüllt, und/oder durch eine russische juristische Person, die die Funktionen eines ausländischen Agenten erfüllt.«

In Loktevs Aufnahmen sieht man, wie die Mitarbeiter von TV Rain sich über die Sperrigkeit des Disclaimers ärgern, wie sie versuchen, Witze zu machen, und doch auch darüber verzweifeln, wie bürokratisch geschickt dieses Hindernis gestaltet ist. Wer will schon weiterlesen, wenn er sich erst durch diesen Satzsalat arbeiten muss? Welche Nachricht wird noch ernst genommen, welche geistreiche Bemerkung kommt noch an?

Aber im Nachhinein waren das noch die guten Zeiten. Ein gewisser Humor war noch möglich! In einer Szene sieht man, wie die Gründerin von TV Rain, Natalja Sindejewa, ihre wichtigsten Redakteure zusammenruft zu einem Fotoshooting, bei dem sie sich als 007-Agenten darstellen sollten, im satirischen Bezug auf das Gesetz. Doch man meint, das Unwohlsein bei diesem Scherz den Mienen ablesen zu können. Tatsächlich wird das Foto nie erscheinen. Spätestens da erübrigt sich auch der viel zu oft bemühte Vergleich zu Trumps Amerika. Was in Russland bereits 2021 gang und gäbe war, davon sind die USA auch 2026 noch sehr weit entfernt.

Womit man beim Andererseits wäre: »My Undesirable Friends: Part I – Last Air in Moscow« endet mit den Tagen des russischen Überfalls auf die Ukraine. Es dauert keine Woche, und der Großteil der TV-Rain-Mitarbeiter erkennt, dass sie ins Exil gehen müssen, wovon der angekündigte zweite Teil handeln soll, der sicher erneut sehr interessant werden wird. Dennoch: Mit mehr Mut zum Weglassen und zur Zuspitzung könnte Loktev ein so viel breiteres Publikum erreichen und einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung leisten. So aber sind die 324 Minuten vor allem etwas für diejenigen, die sich eh schon ein bisschen auskennen.

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