Kritik zu Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão

© Piffl Medien

Zwei Frauenleben im Rio de Janeiro der 50er Jahre: Karim Aïnouz, brasilianischer Regisseur mit ­algerischen Wurzeln, verfilmt Martha Batalhas Roman mit engerem Focus, einer geänderten Handlung, aber der ­Inspiration nach treu als »tropisches Melodrama«

Bewertung: 5
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Ein gelungenes Melodram macht uns im doppelten Wortsinn sensibel – wir werden empfindsam für das Leid der Figuren auf der Leinwand; und wir werden empfindlich, lassen unsere emotionalen Schutzschilde herunter und öffnen uns für das gemeinsame Weinen. Am Ende des brasilianischen Films »Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão« geschieht genau das: Man fühlt sich roh und verletzlich, aber auch irgendwie wie geheilt nach dem Durchlaufen der Gefühlsachterbahn, auf die Regisseur Karim Aïnouz sein Publikum schickt.

Aïnouz stand hierzulande zuletzt mit einem ganz anderen Projekt im Rampenlicht: Sein Dokumentarfilm »Zentralflughafen THF« folgte in nüchternen Bildern dem Kommen und Gehen in der Geflüchtetenunterkunft im Tempelhofer Flughafenkomplex. Mit seinem neuen Film zelebriert er eine komplett gegensätzliche Bildsprache: »Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão«, als »tropisches Melodram« beworben, orientiert sich visuell an drei internationalen Größen des melodramatischen Kinos – Douglas Sirk, Rainer Werner Fassbinder, Pedro Almodóvar – und versetzt diese Stilimpulse nach Rio de Janeiro.

Wie viele der Werke dieser drei Vorbilder scheint Aïnouz' Film in einer Welt zu spielen, die der Realität zwar ähnelt, sie aber auch sanft entfremdet: Die Farben sind satt, die Geräuschkulisse klangvoll und dicht. Man scheint förmlich durch die Leinwand greifen zu können, so haptisch und sinnlich wirkt der Filmkosmos. Dieser Stil passt zu der im besten Sinne sentimentalen Story, die Aïnouz, basierend auf dem Roman von Marta Batalha erzählt: Alle narrativen Register werden hier gezogen, um das Publikum emotional zu involvieren. Dank Aïnouz' gekonnter Inszenierung und zwei exzellenten Hauptdarstellerinnen entsteht so ein nahezu perfekter Genreeintrag, der eine überzeugende Balance zwischen Drastik und Ambivalenz findet.

Der Film beleuchtet die komplexe Geschichte zweier Schwestern, beginnend mit ihrer dramatischen Trennung. Die eher schüchterne, musikalische Euridice (Carol Duarte) und die rebellische, aber naive Guida (Julia Stockler) wachsen im Rio de Janeiro der 50er Jahre auf – der Vater ist ein strenger, traditioneller Mann, die Mutter fügt sich in das restriktive Familienbild. Als Euridice 18 und Guida 20 Jahre alt ist, verliebt sich die Ältere in einen Seemann und macht sich klammheimlich mit ihm auf und davon; Euridice will auch weg, zum Klavierstudium ans Konservatorium nach Wien. Der konservative Vater aber hat andere Pläne; er will die verbleibende Tochter an den Sohn eines Geschäftspartners verheiraten.

Der Film folgt nun dem herzzerreißenden Schicksal der getrennten Schwestern in einer hervorragend ineinander verschachtelten Doppelstruktur. Verbunden sind die beiden Erzählstränge durch die Briefe, die sich Guida und Euridice gegenseitig schreiben – ohne allerdings jemals eine Antwort zu erhalten. Denn wie es die Ironie des Plots will, befinden sich die Schwestern beide in Rio, ohne aber vom Verbleib der jeweils anderen zu wissen. So leben sie über die Jahre nebeneinander her, jede auf ihre Weise mit den Zwängen einer illiberalen, patriarchalen Gesellschaft konfrontiert, und sehnen sich nach der verlorenen Gefährtin.

Trotz seiner narrativen und visuellen Wucht lässt der Film gebührend Raum für kleine Details, die ihn mit Leben füllen. Das äußert sich etwa in dem wiederkehrenden, inszenatorischen Motiv des Spiegels, das immer wieder an den zentralen, tiefgreifenden Verlust erinnert, sowie in der Charakterisierung der männlichen Figuren, die zwar durchweg egozentrisch und ignorant, aber auch keine eindimensionalen Bösewichte sind. Die Coda des Films schafft es schließlich, mit kleinen, subtilen Gesten ein vollgepacktes Kino in kollektives Schluchzen zu stürzen. Dem Regisseur gelingt mit seinem »tropischen Melodram« eine kunstvolle Gratwanderung zwischen Kitsch und Authentizität.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns