Amazon: »Das Geisterhaus«
© Amazon MGM Studios
Die chilenische Neuverfilmung von Isabel Allendes Besteller als achtteilige Miniserie besticht neben authentischem Lokalkolorit durch ihre übersinnliche Atmosphäre
Im Jahr 1982 erschien mit »Das Geisterhaus« ein Debütroman, der, 1984 in deutscher Übersetzung veröffentlicht, mit 70 Millionen verkauften Exemplaren rasant zum internationalen Bestseller aufstieg. In seiner Mischung aus Familiensaga und chilenischer Geschichte von der Jahrhundertwende bis in die siebziger Jahre galt der Roman für die lateinamerikanische Literatur als ähnlich bedeutsam wie die Saga »100 Jahre Einsamkeit« von Nobelpreisträger Gabriel García Márquez. Dass Autorin Isabel Allende, aus der Oberschicht stammend, mit dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, der sich beim Militärputsch von General Pinochet 1973 das Leben nahm, verwandt ist, verlieh ihrem literarischen Gesellschaftspanorama zudem autobiografisches Flair.
Im Zentrum des vier Generationen umfassenden Epos steht Clara del Valle, Tochter eines großbürgerlichen Rechtsanwaltes, die den verarmten, aber ehrgeizigen Esteban Trueba heiratet. Esteban macht aus seinem maroden ererbten Gut Las Tres Marías einen Musterbetrieb und steigt zum politisch einflussreichen Oligarchen auf. Seine Ehe mit Clara ist so lange glücklich, bis sie erfährt, dass er einst per Gewohnheitsrecht die Töchter seiner Landarbeiter vergewaltigte. Uneheliche Söhne, Gewalt, Jähzorn, Inzest, verbotene Leidenschaft, blinde Liebe, patriarchalische Grausamkeit und Willkür: Das von prallen Emotionen befeuerte klassenkämpferische Szenario mündet in einen Bürgerkrieg zwischen besitzlosen Landarbeitern, Bürgertum und Feudalherren.
Der dem Welterfolg des Romans angemessen protzigen Verfilmung von 1993 von Bille August fehlte trotz Starbesetzung die rechte Würze. Der Grund war nicht allein die durch die Filmdauer bedingte inhaltliche Raffung, bei der eine ganze Generation gestrichen und manche Charaktere verschmolzen wurden. Es fehlte vor allem die übersinnliche Tönung der Romanvorlage – jener Zauber, der als »magischer Realismus« zum Markenzeichen lateinamerikanischer Literatur wurde. So wird in vorliegender Serie, mit Isabel Allende und Hollywoodstar Eva Longoria als ausführenden Produzentinnen, die Herkunft des Romanstoffs nicht allein durch ein ibero-amerikanisches Ensemble betont.
Im Kinofilm war Claras Hellsichtigkeit, die ihr – da sie Dinge vorhersehen, aber nicht verhindern kann – viel Kummer bereitet, ein launig inszeniertes Kuriosum. Nun sind die medialen Fähigkeiten von Clara, aber auch ihrer geliebten Schwester Rosa und ihrer Enkelin Alba, der Kitt, der alles zusammenhält, was schon der Vorspann mit animierten Tarotkarten verrät. Zumindest in den ersten drei vorab sichtbaren Folgen der Serie poltergeistert es allenthalben. Als Kind lebt Clara mehr in der Welt liebenswürdiger Toter als in der Gegenwart. Nach dem Tode von Rosa verstummt, wird sie, schreibend, zur Wahrsagerin ihrer Umgebung. Auch Enkelin Alba, im Kinofilm kaum existent, hat permanent Gesichte der verstorbenen Großmutter. Sie verrät Alba sogar, wo sie ihre Tagebücher aufbewahrt. Die zyklische Romanstruktur wieder aufgreifend, sind Claras Aufzeichnungen der Leitfaden der von Alba in Rückblenden erzählten Familiengeschichte.
Wich man bei den Dreharbeiten des Kinofilms wegen der damals herrschenden Diktatur nach Portugal und Dänemark aus, so kehrt die Serie nun nach Chile zurück. Schwelgerische Landschaftspanoramen, pittoreske Gassen, Innenräume, Kostüme und Folklore bieten viel Augenfutter. Die ersten drei von acht Folgen betonen leider auch die Frauenklischees der Romanvorlage. Clara und Co. werden ausschließlich als – vom reichen Ehemann unterjochte und vom Hauspersonal umsorgte – Opfer dargestellt. Ihr Aufbegehren hat jene passiv-aggressive Note, die der Familiendynamik mehr performatives Drama verleiht, aber weder den Charakteren mehr Tiefe verleiht noch Anleitung zur Selbstermächtigung bietet. Diese leicht schnulzige Komponente aber sollte einem den Spaß an diesem schön anzusehenden Epos nicht verderben.
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