Festival des deutschen Films Ludwigshafen

Alles für die Masse
»Tatort – Murot und das Murmeltier« (2018)

»Tatort – Murot und das Murmeltier« (2018)

Das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen ist inzwischen, gemessen an der Besucherzahl, das zweitgrößte Filmfestival Deutschlands. Das Programm ist noch einmal bunter geworden – und vielleicht auch beliebiger

»Salon internationaler Film« lautet der Name für die Reihe, in der nun erstmals dezidiert nichtdeutsche Produktionen gezeigt wurden. Werke wie »Loving Vincent«, »Der Buchladen der Florence Green«, »Félicité« oder »Eldorado« waren darunter, thematisch wie künstlerisch also höchst diverse Filme, die hier mit windelweicher Begründung in eine Reihe gepresst wurden: Indem man dem Ludwigshafener Publikum mit dieser Reihe »das Fremde« näherbringe, tue man etwas gegen ­Fremdenfeindlichkeit.

Ein bunter Gemischtwarenladen war abermals auch das deutsche Programm, das dem Publikum nun zudem mit Etiketten à la »Klassisch erzählt«und »Kriminell gut« verdauungsfördernd vorsortiert wird. Künstlerisches Profil zeigte immerhin der Wettbewerb – beziehungsweise die Reihe »Stilbewusst und intensiv«… – mit künstlerischen Höhepunkten des Kinojahrs wie Wolfang Fischers »Styx«, Robert Schwentkes »Der Hauptmann«, Christian Petzolds »Transit« und Emily Atefs »3 Tage in Quiberon«. Doch zumindest für Fachbesucher und informierte Filmfans sind in Ludwigshafen leider kaum noch Entdeckungen zu machen. Eine der wenigen hat die Jury zu Recht mit dem Hauptpreis, dem »Filmkunstpreis«, ausgezeichnet: Im »Tatort – Murot und das Murmeltier« des ja immer wieder experimentierfreudigen Hessischen Rundfunks glänzen Hauptdarsteller Ulrich Tukur und Regisseur Dietrich Brüggemann mit einer traumhaft-verspielten, sehr komischen Variante des »Und täglich grüßt das Murmeltier«-Motivs. Ebenfalls vom Hessischen Rundfunk, ebenfalls außerhalb des üblichen Fernsehspielrahmens – und mit dem Medienkulturpreis gewürdigt: »Frankfurt, Dezember 17« von Petra K. Wagner, der geschickt Klischees über Obdachlose dekonstruiert.

Abgesehen vom Wettbewerb aber: überwiegend gefällig Erzähltes, Berechenbares. Auch die Anzahl der Premieren war in diesem Jahr überschaubar und auf TV-Filme beschränkt. Warb das Festival in früheren Jahrgängen noch sehr offensiv und gern auch in Bezug auf TV-Filme mit seinen »Weltpremieren«, so erklärt Festivaldirektor Dr. Michael Kötz jetzt, ein Festival habe nur darin seine Bedeutung, möglichst viele Menschen ins Kino zu bringen und ihnen dort ein Gemeinschaftserlebnis zu verschaffen. Welche Filme in Ludwigshafen Premiere feierten, will er seltsamerweise nicht mal mehr auf Anfrage verraten. Die Rechnung auf das Publikum geht immerhin auf, mit inzwischen stabil über 100.000 Besuchern.

Fragen des Fremden und des Eigenen waren in zahlreichen deutschen Filmen dieses Jahrgangs virulent. So liefen mehrere intelligente Heimatfilme, neben dem Max-Ophüls-Preis-Gewinner »Landrauschen« beispielsweise Lola Randls »Von Bienen und Blumen«, der höchst unterhaltsam und voller Selbstironie als Dokumentarfilm mit spielerischen Anteilen von einer Gruppe junger hipper Berliner erzählt, die tief im Brandenburgischen nach Sinn – und Heimat? – im gemeinsamen Bewirtschaften eines Bauernhofs suchen. Eine von ihnen ist die Regisseurin selbst, die im Film zudem eine nicht konfliktfreie Dreierbeziehung thematisiert.

Ebenfalls dokumentarisch, ebenfalls eine persönliche Geschichte erzählt Esther Zimmering in »Swimmingpool am Golan«: So neugierig wie behutsam verfolgt sie die Spuren ihrer jüdischen Familie zwischen DDR und Israel, Sozialismus und Zionismus, und spürt dabei aber weit über das Familiäre hinausweisend den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts nach. Dabei entdeckt sie in manchen Widersprüchen erstaunliche Gemeinsamkeiten.

Auch zwei Fernsehfilme, die auf den ersten Blick nur konventionell und glatt wirken, überraschten mit ungewöhnlichen Aspekten. Schöne heile Welt von Gernot Krää verläuft trotz schlimmer Klischees erstaunlich nah an den gegenwärtigen Bruchlinien unserer Gesellschaft. Ganz offensiv märchenhafte Züge trägt die Degeto-Produktion »Liebe auf Persisch«. Zu musikalischen Anklängen an »Lawrence von Arabien« reist da ein leicht überforderter junger Deutscher (Felix Klare) auf der Suche nach seinem Vater in den Iran und erlebt einen Culture Clash, der vor allem dank der schönen Perserin Shirin (Mona Pirzad) höchst romantisch ausfällt. In der Regie von Florian Baxmeyer und mit wunderbar aufgelegten Darstellern ist das ein sehr gut getimtes und erstaunlich charmantes Spiel mit und gegen Vorurteile geworden.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns