Kritik zu Eldorado

© Majestic Filmverleih

Markus Imhoof verbindet in seinem filmischen Essay das Thema Flüchtlingskrise mit der ganz persönlichen Erinnerung an ein italienisches Mädchen in Not, das seine Familie 1945 für kurze Zeit bei sich aufnahm

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Schon in den ersten Bildern ist klar, dass sich die Verheißungen des sagenumwobenen Eldorado für die wenigsten der Flüchtlinge erfüllen werden. Was von den Hoffnungen und Träumen bleibt, ist nichts, worauf sich eine Existenz bauen lässt, sondern nur knittrige Goldfolie als notdürftiger Schutz gegen die Witterungseinflüsse. Nachdem Gianfranco Rosi in ­»Fuocoammare«, dem Berlinale-Sieger von 2016, von außen auf die Flüchtlingskrise geschaut hatte, an den  Berührungspunkten zwischen italienischen Bewohnern und Geflüchteten auf der Insel Lampedusa, und der Künstler Ai Weiwei in »Human Flow« den Flüchtlingsströmen auf der ganzen Welt durchs ganze Jahrhundert gefolgt war, dringt der Schweizer Markus Imhoof jetzt tiefer in die Strukturen und Zusammenhänge ein. Zum Beispiel zwischen subventionierten Milchlieferungen und zwei afrikanischen Milchkühen, die ihren Besitzer in dieser unlauteren Konkurrenz nicht ernähren können. Zwischen einem Teller Spaghetti in Italien und den Tomatendosen in afrikanischen Supermärkten, zwischen den Flüchtlingslagern und der Mafia, die hier für Dumpinglöhne Arbeitskräfte für die Tomatenernte abzieht. Imhoof verfolgt die Wege der Flüchtlinge von Schiffen und ­Rettungsbooten über die Erstaufnahme und -versorgung zu notdürftigen Unterkünften und Lagern, in denen keine Kameras erwünscht sind, er also nur heimlich und verdeckt mit der Handykamera aus der Hüfte drehen kann.

Beharrlich macht er sichtbar, was niemand sehen will, angetrieben von einer ganz persönlichen Perspektive, die schon 1981 seinen Spielfilm »Das Boot ist voll« befeuerte. Als er ein kleiner Junge war, nahm seine Familie 1945 in der neutralen Schweiz das italienische Mädchen Giovanna auf, dessen Mutter zu krank war, um es zu versorgen. Nach wenigen Monaten wurde ihre Rückschickung verordnet, damit sich nur ja keine starken emotionalen Bindungen entwickeln konnten. Auch ein weiterer Besuch Jahre später musste zwangsweise gegen den Willen von Imhoofs Eltern abgebrochen werden, kurz darauf starb Giovanna. In seinem dokumentarischen Essay nutzt Imhoof diesen persönlichen, offenen Kinderblick als intimen Zugang zu einem globalen Problem, von dem sich die meisten Menschen nur zu gerne distanzieren würden. Mit seinem imaginären Dialog über die Jahrzehnte hinweg färbt Imhoof seine Dokumentation und nimmt jeden Zuschauer persönlich in die Pflicht für die Schicksale der Menschen aus weniger privi­legierten Teilen der Erde.

»Eldorado« ist ein starkes Plädoyer für eine gerechtere Verteilung des Wohlstands in der Welt, aber wie jeder Film über die Flüchtlingskrise kann auch dieser kaum mehr als Probleme aufzeigen, ­Zusammenhänge erhellen und Aufmerksamkeit mobilisieren, ohne praktikable langfristige Lösungen anzubieten. Wenn die Ankömmlinge von Menschen in weißen Schutzanzügen und Mundschutz untersucht und nummeriert werden wie Stückzahlen im Viehtransport, dann zerschellen herzzerreißende Schicksale an der quälend langwierigen Bürokratie der Asylgesetz­gebung.

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