Kritik zu Landrauschen

© Arsenal Filmverleih

2018
Original-Titel: 
Landrauschen
Filmstart in Deutschland: 
19.07.2018
L: 
101 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Zwischen Intoleranz und Langeweile, Flüchtlings- und Homosexuellen­feindlichkeit belebt Lisa Miller das Genre Heimatfilm neu

Bewertung: 3
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Wenn man in einen Ort wie Bubenhausen zurückkehren muss, dann ist im Leben vielleicht das eine oder andere schiefgelaufen. Toni (Kathrin Wolf) hat es in Berlin nicht geschafft. Trotz zweier Hochschulabschlüsse und einigen Praktika findet sie als Journalistin keinen Job mehr. Eine Erbschaftsangelegenheit ruft sie zurück in ihr Heimatdorf Bubenhausen und dort bleibt sie erst mal. Sie wohnt im Haus ihrer Eltern und arbeitet als unterbezahlte Lokalreporterin bei der örtlichen Zeitung. Dann lernt sie Rosa (Nadine Sauter) kennen, die so ganz anders ist als die übrigen Dorfmädchen, und durchlebt mit ihr einen turbulenten Sommer, an dessen Ende sich die existenziellen Fragen nicht mehr aufschieben lassen.

Zwischen dümmlichen Dorfpolizisten, engstirnigen Pfarrern, die Homosexualität bei ihren Mitarbeitern nicht dulden und Flüchtlingen in einer bierseligen Oktoberfestatmosphäre hat Lisa Miller das Genre des Heimatfilms neu gefasst. Sie zieht eine politische Ebene ein und macht aus der Konfrontation von urbaner Wildheit und ländlicher Langeweile einen Film, der nicht in Stereotypen stecken bleibt. Immer wieder wechseln sich slapstickartiger Witz und triefgreifende Dialoge ab. In der improvisierten Inszenierung, mit zahlreichen Laiendarstellern, hat sie einen erstaunlich authentischen Ton getroffen. Die lesbische Rosa, die sich selbst lange in Begriffen von Einzigartigkeit und Perversion verortete, kann ihrer Heimat, die sie prägte, nicht entfliehen. Selbst wenn sie mit pinker Farbe »fuck the system« auf die Mauer eines alten Hauses sprüht, bleibt das System stabil. In einem Milieu mit wenig Austausch sind die Vorurteile nach wie vor lebens­bestimmend. Und dass Toni sich nach ­einer rebellischen Anfangsphase schließlich an die kniestrümpfige Spießigkeit anpasst, gehört ebenso dazu.

Dabei kommt Lisa Miller immer wieder zu unglaublich treffenden Aussagen. Als Tonis Mutter voller Verbitterung sagt, wenn diese Menschen zu uns kommen, müssen sie sich an uns anpassen, entgegnet sie mit pinker Frisur und zerrissener Hose, ja, aber an wen, an dich oder an mich? Und an anderer Stelle fragt sich die Mutter, ob es sich gelohnt hat, ein halbes Leben in dieses Kind investiert zu haben. Ein Flüchtling aus Somalia hingegen sagt ganz cool, wie wichtig es ist, seine Mutter zu ehren. Vor allem wenn diese 12.000 Kilometer weit weg ist. Zwischen solchen bravourösen Szenen aber entstehen oft ­Lücken atmosphärischer Beliebigkeit. Partyszenen, Trinkgelage, Autofahrten und der Versuch, aus einer halb verfallenen Kneipe wieder eine »Goldgrube« zu machen, sind kaum in der Lage, die so unterschiedlichen gesellschaftlichen Konflikte zusammenzuhalten. So wirkt der Film auf der einen Seite durch seine vielen Problemlagen fast überfordert, auf der anderen aber mangelt es ihm etwas an Struktur und Stringenz. Nicht ganz ohne Mühe hält er trotzdem ­seine Spannung. Der Sieger des diesjährigen Max-Ophüls Preises ist ein starkes Debüt, das sich als Versuch eines neuen, anderen Heimatfilmes durchaus sehen lassen kann.

Meinung zum Thema

Kommentare

Wie kommt der Verfasser des Berichtes"Landrauschen" zu dem Ergebnis,dass die in keinster Weise zu verdächtigende Lisa "fuck the system" an die marode Hausmauer gesprüht haben soll???
Wir,die beiden Dorfpolizisten,haben völlig andere Verdachsmomente.
Außerdem verbieten wir uns als trottelig benannt zu werden.(das ist ja die Masche!!!)
Ein Verfahren gegenüber dem "Verfasser" ist unsrererseits bereits eingeleitet aber eigentlich überflüssig.
MfG
Sletchig und Radomski

Herr Radomski,
who the fuck ist Lisa? Ich fand den Film richtig gut, und die beiden Polizisten würzten die Geschichte mit witzigem Humor.
Sie wirkten trotz ihres systemtreuen Auftretens nicht unsympathisch. Gut gemacht! Sehr sehenswerter Film.

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