Kritik zu Transit

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In der mittlerweile dritten Verfilmung des gleichnamigen Romans von Anna Seghers erzählt Christian ­Petzold vom Exil als einer Zwischenzeit der moralischen Ungewissheiten und untilgbaren ­Sehnsüchte. ­Historie und Gegenwart verstrickt er dabei in ein verblüffendes Zwiegespräch

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Es ist erstaunlich, wie viele Möglichkeiten Georg noch offen stehen. Sein Glück mutet, verglichen mit dem Los der anderen Flüchtlinge, geradezu obszön an. Er könnte sich nach Mexiko einschiffen, die Papiere dazu hat er. Auf dieser Passage könnte er vielleicht die Liebe von Marie erringen. Auch die Fluchtroute über die Pyrenäen ist noch frei; er könnte sie nehmen in Begleitung des kleinen Driss, der es gern sähe, wenn er ihm den toten Vater ersetzte.

Aber es ist kein echtes Glück, das Georg (Franz Rogowski) widerfährt. Er hat keinen Grund, ihm zu trauen, denn er hat es ge­stohlen. Das Entkommen in ein besseres Leben ist nie eine wirkliche Option für ­Christian Petzolds Figuren: Schon die Heldinnen seiner vorangegangenen Filme, »Barbara« und »Phoenix«, schlugen sie aus. Der Flucht­instinkt ist nicht stärker als der, zu bleiben. Georg gebricht es an einer Vorstellung von dem, was die Zukunft sein könnte. Sein ­Leben findet in einer Zwischenzeit statt, in welche der Film ihn anfangs wirft und aus der er ihn nicht mehr entlässt.

Er schlittert gleichsam in seine eigene ­Geschichte hinein. Georg soll einem Schicksalsgenossen, dem Schriftsteller Weidel, ­einen Brief überbringen. Aber der Empfänger hat seinem Leben selbst ein Ende gesetzt, Georg findet im Hotelzimmer neben der ­Leiche nur noch sein letztes Manuskript und die Reisedokumente nach Mexiko vor. Georg flieht vor den Faschisten, die Paris bereits besetzt haben, nach Marseille. Als man ihn im mexikanischen Konsulat für den Toten hält, räumt er das Missverständnis nicht aus. Während er auf die Schiffspassage wartet, sucht er die Witwe und den Sohn eines anderen Kameraden auf. Und er begegnet einer Unbekannten, die ihn mit jemand anderem verwechselt. Bald erkennt er, dass es Weidels Frau Marie (Paula Beer) ist, die sich von dem Autor getrennt hatte, nun aber gemeinsam mit ihm Europa verlassen will.

Petzold lässt dieses Drama der Ungewissheit zwischen zwei Epochen schillern: der Gegenwart und dem Zweiten Weltkrieg, der Zeit, in der Anna Seghers' Exilroman spielt. Die Faschisten werden von französischen Polizisten repräsentiert, was der existenziellen Bedrohung eine Doppeldeutigkeit des Gespenstischen und Konkreten gibt. Historische Requisiten (eine mechanische Schreibmaschine, Notizen und Briefe in Sütterlinschrift) schleichen sich als Spurenelemente in die Gegenwärtigkeit der Szenerie ein; auch in den Dialogen überlappen die Zeiten. Diese Verschlingung der Anachronismen ist eine kluge Irritation, in die der Zuschauer rasch hineinfindet. Petzold schließt damit nicht treuherzig zur aktuellen Flüchtlingsthematik auf, sondern erobert sich erzählerische Beweglichkeit. Sie gestattet es ihm, die Gegenwart in den Kontext deutscher Zeitgeschichte zu stellen. Marseille spielt hier vortrefflich mit, als Realschauplatz und als Mythos. Die Stadt ist ein historisch gewachsener Schmelztiegel, zu dessen DNS ganz selbstverständlich die Assimilation von Fremden gehört. Die Stadt verfügt über Viertel, die keine Staatsmacht je kontrollieren konnte.

Einerseits scheint in »Transit« die universelle Flüchtlingserfahrung auf, dass die Heimat zu Feindesland geworden ist und die Existenz sich im Wartestand der Duldung zuträgt. Aber mit jeder Figur eröffnet er einen je eigenen Blickwinkel auf das Exil. Er stellt sie in eine brüchige Realität. Jeder neue Tag könnte ihre Pläne durchkreuzen. Es gibt keinen moralischen Kompass, auf den sie sich verlassen könnten. In diesem Klima der Ambivalenz agiert Georg nicht als ein gewiefter Identitätsdieb wie Patricia Highsmiths Tom Ripley, sondern als jemand, der seinen Ort in der Welt sucht. Franz Rogowski entdeckt darin eine große Traurigkeit. Auch sie ist zweideutig. Sie erwächst aus der Erkenntnis, in der Liebe nicht gemeint zu sein. Aber noch schwerer trägt Georg an der Trauer darüber, Verrat zu begehen und Erwartungen zu enttäuschen. Eingangs war er noch ein Eigenschaftsloser. Nun, nachdem er in das Leben der anderen geworfen wurde, spürt er eine Verantwortung in sich, die er nicht begreifen, aber annehmen kann.

Meinung zum Thema

Kommentare

Interessante Interpretation. Fehlt nur noch eine dezidierte kritische Wertung. (Des Films als Film, der Schauspieler als Schauspieler-)

s.o. stimmt. ist mehr aufdröselung des inhalts als kritik. macht aber NIX ! :))

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