Kritik zu Styx

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In seinem zweiten, auf der ­diesjährigen ­Berlinale ­vielbeachteten Film lässt ­Wolfgang Fischer eine ­Alleinseglerin, dargestellt von Susanne Wolff, auf ein ­Flüchtlingsboot treffen.

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Der Titel dieses Films ist anspielungsreich. In der griechischen Mythologie ist der Fluss Styx die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der Unterwelt, neun Mal umfließt Styx Hades, eine Art Zwischenreich, der Name bedeutet Wasser des Grauens. Aber Styx ist auch eine Göttin, die Tochter des Okeanos.

Wasser hat keine Balken, sagt der Volksmund. Vielleicht ist es diese Unsicherheit und Grenzenlosigkeit, die das Meer so faszinierend macht, ein Abenteuer selbst heutzutage in Zeiten digitaler Technik und ziemlich unsinkbarer Schiffe. Rike (Susanne Wolff) jedenfalls ist auf dem Atlantik unterwegs, mit einer Zwölfmeteryacht, die sie auf Gibraltar übernommen hat. »Styx« verwendet viel Zeit darauf, Rike bei ihrer Arbeit an Bord zu beobachten, am Ruder, an den Tauen: jeder Handgriff sitzt.

Geredet wird nicht viel in diesem Film, das liegt in der Natur der Sache, wenn eine Frau allein über den Ozean segelt; Regisseur Wolfgang Fischer hat seinen Film mit einer kleinen Crew tatsächlich auf hoher See gedreht. Einmal nimmt sie Funkkontakt mit einem Containerschiff auf, das sie vor einem aufziehenden Unwetter warnt, ein fast zärtliches Gespräch in der unendlichen Weite des Meeres. Der Verzicht auf Dialoge bedeutet auch den Wegfall einer ausgefeilten Charakterisierung. Rike ist Notärztin, eines der wenigen Details, die der Zuschauer von ihr erfährt. In der Exposition des Films sehen wir, wie sie in Köln bei einem verunfallten Auto eintrifft, das Opfer eines illegalen nächtlichen Autorennens wurde. Professionell versorgt sie den Autofahrer, spricht mit ihm: jeder Handgriff sitzt.

Nur wenige solcher Hinweise streut Fischer in seinen Film ein, die noch dazu mehrdeutig sein können. In Gibraltar turnen Affen über die Häuser der Menschen. Ist das ein Hinweis auf die »Nichts sagen, nichts sehen, nichts hören«-Haltung – oder zeigt das, wie schnell auch der Zivilisation der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann? Das Ziel von Rikes Reise ist die Insel Ascension, an Bord liest sie ein Buch darüber. Auch das ist höchst andeutungsreich. 1836 hat Charles Darwin die Insel vor Afrika besucht, damals noch ein ödes Eiland, später wurde sie von den Briten nach einem genauen Plan wiederaufgeforstet und in tropischen Regenwald verwandelt. Ist das ein Hinweis auf die Evolutionstheorie, dass nur der Stärkere überlebt, oder will Rike ein von Menschenhand geschaffenes Paradies besuchen? Schon in seinem Langfilmdebüt »Was du nicht siehst«, eine Art Familienhorrorfilm, hat Fischer solche Andeutungen kultiviert, die etwas bedeuten können – aber nicht müssen.

Denn vielleicht sind die 5000 Kilometer von Gibraltar nach Ascension nur die ideale Distanz für eine Seglerin und ihr Abenteuer. Das angekündigte Unwetter ist für sie keine wirkliche Prüfung, es steht nicht im Mittelpunkt wie in »All is lost« oder »Der Sturm«. Aber danach entdeckt sie einen havarierten Fischtrawler mit Flüchtlingen drauf, die ihr winken. Sie alarmiert die Küstenwache, die Hilfe verspricht, die aber erst einmal nicht eintrifft. Das Containerschiff darf nicht eingreifen, die Reederei hat die Aufnahme von Flüchtlingen verboten. High Tech-Europa gegen die Not in Afrika. Als Rike auf den Trawler zufährt, springen Menschen über Bord, um zu ihrem Boot zu schwimmen. Nur einer schafft es, Kingsley (Gedion Odour Wekesa), ein 14-jähriger Junge. Die anderen ertrinken, müssen wir annehmen. Das Schiff ist leck, berichtet der Junge, seine Schwester ist noch an Bord, eine Epidemie grassiert. Die Küstenwache befiehlt ihr, dem Trawler fernzubleiben, ihr Boot ist zu klein, um alle zu retten, und es ist zu gefährlich.

Rike steht vor einem Dilemma, und wie auf ihrer bisherigen Reise nimmt sich der Film die Zeit, sie dabei zu zeigen. Sie spricht immer wieder mit der Küstenwache, immer noch präzise, aber energischer als zu Beginn. Sie wird dieses Dilemma nicht lösen können, das auch eine Erschütterung ihrer professionellen Haltung darstellt, als Ärztin, aber auch als organisierter Mensch. Und als sie dann den Trawler betritt, ist es, als würde sie in die Unterwelt hinabsteigen.

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