Kritik zu Little Joe – Glück ist ein Geschäft

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Eine Blume, deren Duft zum glücklichen ­Sklaven macht, darum geht es in Jessica Hausners ­Gruselgroteske. Außerdem um diverse Facetten von Mutterliebe

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»Das Glücksdiktat« heißt ein neues Buch der Soziologin Eva Illouz und des Psychologen Edgar Cabanas, das sich mit der »Glücksindustrie«, der Flut von Glücksratgebern und Glücksseminaren, und davon ausgehend mit einer Gesellschaft befasst, die Glück zum Lebenssinn erklärt. Jessica Hausners »Little Joe« wirkt wie ein böser Kommentar zum selben Thema. Im Zentrum des Films steht Alice, eine alleinerziehende Mutter und Wissenschaftlerin, die via Genmanipulation eine Blume erschaffen hat, deren Duft, nun ja, glücklich macht. Nebenwirkungen garantiert.

Dass Pflanzen nur so harmlos tun, dass manche es faustdick hinter den Blättern haben, weiß man seit »Little Shop of Horrors«, den Filmen von Roger Corman (1960) und Frank Oz (1986), in denen eine Blume ihre Halter zu Pflanzenfutter erklärt. »Little Joe«, wie Alice ihre Züchtung nennt, nach ihrem eigenen Sohn, sieht zwar etwas mickrig aus mit seinem kahlen Stengel. Wenn die Kamera im Hightech-Glashaus die Reihen von »Joe«-Setzlingen abfährt, aus deren Knospen rote Blütenblätter züngeln wie aus dem Maul einer Schlange, dann beginnt man sich dennoch zu fürchten vor – ja, tatsächlich – einer Topfpflanze.

Eine Horrorgroteske: »Sie werden diese Pflanze lieben wie ihr eigenes Kind«, wirbt Alice bei einer Führung. Die Glücklichmachblume soll auf einer Messe präsentiert werden. Wenn sie liebevoll gehalten werde, produziere sie eine Vorstufe von Oxytocin, dem »Mutterhormon«, erläutert Alice. Das ist ziemlich unheimlich und auf verdrehte Weise komisch. Noch viel unheimlicher ist, dass Alice eine der Pflanzen mit nach Hause nimmt und ihrem Sohn (Kit Connor) schenkt.

Die Österreicherin Jessica Hausner hat schon früher einen Hang zum Artifiziellen und zu fein böser Ironie bewiesen: in »Amour Fou« (2014), in dem sie den »Liebestod« von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist entzaubert, oder in »Lourdes« (2009) über das Glaubensgeschäft an der katholischen Wunderstätte. Wie Gefühle benutzt und zur Ware werden, ist nun auch in »Little Joe« Thema.

Der Look des Films ist klinisch kühl. Überall glatte Oberflächen, viel Weiß und viel Glas, Pastellfarben. In ­geschmeidigen Fahrten und verführerisch schönen Tableaus nimmt die Kamera von Martin Gschlacht alles in den Blick. Stilisiert sind auch die Dialoge. Das hält auf Distanz – und diese Distanziertheit passt zu einer Story, in der es um Gentechnik, aber auch um die Schuldgefühle und Freiheitssehnsüchte einer alleinerziehenden berufstätigen Mutter geht. Hausner zeigt, wie man ein Genre – hier Horror und Science-Fiction – ­bedienen, es aber auch eigenwillig »füllen« kann. Zum filmischen Fundus, aus dem sie schöpft, gehören vor allem die Body-Snatcher-Filme, in denen Außerirdische Menschen durch äußerlich identische, aber gefühllose Doppelgänger ersetzen. Das war mal eine Metapher für die Paranoia der McCarthy-Ära, beschreibt aber auch ganz gut das Unheimliche an der neoliberalen Selbstoptimierung.

Nachdem Joe an seiner Blume gerochen hat, erkennt Alice ihren Sohn nicht wieder. Alice fürchtet, dass die Blume Menschen infiziert, sie »glücklich« macht, alle anderen Gefühle aber abtötet. Aber ist Joe nicht in dem Alter, in dem Kinder »anders« werden – erwachsen? Für ihr fein nuanciertes Spiel, hin und her gerissen zwischen Angst und Liebe sowie zwischen zwei »Babys«, wurde Emily Beecham in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Das Aufregendste und wirklich Beunruhigende in diesem Film ist schließlich die Musik des japanischen Komponisten Teiji Ito (1935–1982). Hunde bellen darin, es rasselt wie von einer Klapperschlange – das Unkontrollierbare bricht sich Bahn. Von Ito führt eine Spur zu Maya Derens Filmgedichten (die er vertont hat) und zu Voodoo, zur Besessenheit – ein weiterer Echoraum in Jessica Hausners hypnotischer Inszenierung.

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