Interview: Jessica Hausner über ihren Film »Little Joe«

Jessica Hausner. Foto: Evelyn Rois

Jessica Hausner. Foto: Evelyn Rois

Jessica Hausner, Jahrgang 1972, besuchte die Filmakademie in Wien und gründete als Absolventin 1999 die eigene Prdouktionsfirma Coop99. Im Jahr 2001 wurde sie mit ihrem ersten Langfilm »Lovely Rita« nach Cannes in die Sektion »Un certain regard« eingeladen, 2009 präsentierte sie ihren Spielfilm »Lourdes« im Wettbewerb von Venedig, 2014 wurde ihr »Amour Fou« als Eröffnungsfilm der Viennale gezeigt. Mit »Little Joe« war sie in diesem Jahr im Wettbewerb von Cannes vertreten.

Woher rührt Ihr Faible für unheimliche Stimmungen?

Das Unheimliche finde ich spannend, wenn es in alltäglichen Situationen steckt. Ich habe mich oft gefragt, woher meine Faszination für unheimliche Filme, für Horrorfilme und Science-Fiction-Filme, kommt, und denke das ist das Verdrängte, das sich ein Ventil sucht. Es geht um unsere versteckten Ängste, allen voran die Angst zu sterben, die man verdrängen muss, um das Leben genießen zu können.

Sie geben eher männerbesetzten Genres wie Horror und Science-Fiction eine weibliche Note: Was bedeutet Ihnen das Filmemachen?

Meine Hauptleidenschaft daran ist die Filmsprache: Mit welcher Kameraeinstellung, mit welcher Auflösung, mit welchem Storyboard lässt sich eine Geschichte erzählen. Dabei interessiert es mich, gängige Regeln und Sehgewohnheiten zu brechen und mit der Wahrnehmung zu spielen, um den

Zuschauer aus seiner passiven Konsumentenhaltung rauszulocken und die Frage in den Raum zu stellen: Stimmt das jetzt wirklich, was ich da gerade gehört oder gesehen habe? Warum spielen Ihre Filme meist in einer kontrollierten Umgebung, an Orten, in denen wenig Raum für Zufälle bleibt?

Mir geht es um die Darstellung des Menschen, und zwar nicht um die natürliche Seite, das Originelle, Individuelle an jeder Persönlichkeit, sondern im Gegenteil um die Fremdbestimmtheit, wo man Teil eines größeren Ganzen ist, in dem man eine Rolle spielt.

Wie entwickeln Sie die Ideen für Ihre FIlme?

Meistens fängt es mit einer sehr einfachen Idee an, oft ist das nur ein Satz oder ein Wort, bei »Lovely Rita« war das: »Ein junges Mädchen begeht einen Mord«, bei »Hotel« war es: »Horrorfilm ohne Monster«, »Little Joe« fing als »Variation auf >Invasion of the Body Snatchers<« an.

Entspricht das düstere Bild der Gentechnik, das Sie in Ihrem Film entwerfen, Ihrer persönlichen Besorgnis?

Gentechnik bringt sehr viele Vorteile, im Bereich der Ernährung und der Medizin. Das Problem ist nur, dass sich die negativen Auswirkungen nicht vorhersehen lassen. Darum gehörte auch die Geschichte Frankensteins zu den Vorlagen des Films, dieser Wissenschaftler, der ein Monster kreiert , das sich dann selbstständig macht. Wissenschaftler, die behaupten, dass es keine Probleme ­geben könne, lügen ganz einfach.

Als Filmregisseurin kennen Sie die Probleme Ihrer Heldin, Arbeit und Kind zu vereinbaren, vermutlich auch sehr gut, oder?

Ja, das war eine sehr persönliche Motivation, diese Geschichte zu schreiben. Ich liebe meinen Beruf, bin aber auch gerne Mutter, teilweise ist man gezwungen, sich für das eine oder das andere zu entscheiden, weil nicht immer alles unter einen Hut zu bringen ist. Das ist ein massiv wichtiges Thema in meinem Leben geworden, doch das Filmemachen ist für mich auch eine Art Verarbeitungsprozess. Inzwischen nehme ich es mir selber nicht mehr so übel, dass ich teilweise sehr zeitintensiv an den Filmen arbeite.

Und statt einer Blume bringen Sie dann Filme nach Hause...

Mein Sohn spielt ja sogar mit, er spricht die Blume am Ende, wenn sie sagt »Good Night, Mom.«

Sie wussten schon sehr früh, mit 18, dass Sie Filmregisseurin werden wollten?

Als Teenager wollte ich eigentlich Schriftstellerin werden. Als ich sechzehn war, borgten wir uns die Kamera vom Vater eines Freundes. Gemeinsam haben wir aus meinen Kurzgeschichten Kurzfilme gemacht. Dieses Gefühl, die Kamera aufzustellen, diesen Freund zu inszenieren, eine Wirklichkeit zu erschaffen, fand ich berauschend, überhaupt nicht zu vergleichen mit dem Schreiben einer Szene.

Anders als üblich haben Sie nicht die Musik zu den Bildern, sondern umgekehrt Ihre Bilder zur bereits existierenden Musik von Teiji Ito komponiert...

Ich habe nie Filmmusik verwendet, weil es mich nicht interessiert, Szenen musikalisch zu unterstützen und den Zuschauer in seiner Passivität einzulullen. Ich will ihn lieber ein bisschen wachrütteln, mit einer Musik, die gegen die Szene arbeitet.

Warum haben Sie schon so früh mit einigen Kollegen Ihre eigene Produktionsfirma Coop99 gegründet?

1999 gab es in Wien keine Produktiosfirma, mit der ich hätte arbeiten können. Das waren alles Männer, die zwanzig Jahre älter waren und völlig andere Filme gemacht haben als die, die mir vorschwebten. Das ist auch drei anderen Absolventen der Filmakademie, Barbara Albert, Antonin Svoboda und dem Kameramann Martin Gschlacht, so gegangen. Es war in Österreich auch nicht üblich, dass man einer 23-Jährigen eine Million ­Euro in die Hand drückt. Wir hatten also gar keine andere Wahl.

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