Kritik zu Ich verstehe Ihren Unmut

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Auf den Spuren von Loach und den Dardennes: Im Mittelpunkt des sozialrealistischen ersten Films von Kilian Armando Friedrich steht eine Mitarbeiterin einer Reinigungsfirma.

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Heike steht im Aufenthaltsraum einer Kita und schreit. Ihr gegenüber die Leiterin der Einrichtung, ebenfalls überarbeitet. Beide reden gleichzeitig, beide fühlen sich im Recht. Die eine verteidigt sanitäre Standards, die andere versucht verzweifelt, mit zu wenig Personal und zu wenig Zeit überhaupt noch irgendeinen Standard zu halten. Vorher hatte Heike ihren Mitbewohner Detlev (Werner Posselt) zum Putzen geschickt, weil wieder jemand ausgefallen war. Er machte alles falsch. Nun entlädt sich der Frust zweier Frauen, die im selben kaputten System an unterschiedlichen Stellen festhängen.

Die 59-jährige Heike (Sabine Thalau) arbeitet als Objektleiterin einer Gebäudereinigungsfirma. Sie kontrolliert Reinigungskräfte in Einkaufszentren, Altenheimen, Kindergärten und Bürohäusern, springt bei Personalmangel selbst ein, organisiert Vertretungen und telefoniert pausenlos mit Kunden, die sich über Staub, Schlieren oder mangelnde Hygiene beschweren. »Ich verstehe Ihren Unmut«, sagt sie dabei ständig. Ein Satz wie aus dem Beschwerdemanagement-Lehrbuch, höflich, routiniert, vollkommen ausgehöhlt. Je öfter er fällt, desto deutlicher wird, dass hier niemand mehr irgendetwas versteht.

Kilian Armando Friedrich, Jahrgang 1995, macht daraus eines der eindringlichsten deutschen Sozialdramen der letzten Jahre. Sein Spielfilmdebüt, das im Februar in der Panorama-Sektion der Berlinale Premiere feierte und jetzt regulär im Kino anläuft, knüpft an seine dokumentarischen Arbeiten über prekäre Arbeitswelten an und übernimmt deren unmittelbare Nähe. Die Kamera klebt permanent an Heike. Sie rennt Treppen hoch, stopft Putzlappen in Säcke, verdünnt Reinigungsmittel, hetzt mit dem Handy am Ohr durch Parkhäuser und Hintereingänge. Die Handkamera bleibt dabei so dicht an ihr, dass man beim Zuschauen irgendwann selbst kaum noch Luft bekommt.

Friedrich interessiert sich weniger für große dramatische Zuspitzungen als für Routinen, Sprachformeln und kleine Verschiebungen von Verantwortung. Beschwerden wandern von oben nach unten durch die Hierarchien, Druck wird einfach weitergereicht. Niemand besitzt wirkliche Macht, alle verwalten nur die Ohnmacht anderer. Heike steckt genau in dieser Scharnierposition fest. Sie soll Verständnis zeigen, effizient arbeiten, Kosten senken und gleichzeitig ihre Leute ­zusammenhalten. Eine Aufgabe, die zwangsläufig in moralische Verwüstung führt. Ganz in der Tradition der Sozialdramen Ken Loachs und der Dardenne-Brüder macht der Film daraus keine einfache Anklage und schon gar kein Wohlfühl-Arbeiterdrama. Heike ist keine Heldin. Sie sabotiert Streikversuche, streckt gemeinsam mit ihrer Kollegin Taja (Nada Kosturin) Reinigungsmittel zum Weiterverkauf und schiebt einem Mitarbeiter fingiertes Diebesgut unter, um eine Kündigung durchzusetzen. Gerade diese Ambivalenz macht die Figur so stark. Friedrich zeigt, wie Menschen unter permanentem ökonomischem Druck beginnen, das System selbst zu reproduzieren, das sie zerstört. Sabine Thalau spielt das mit einer Wucht, die gerade aus dem Unspektakulären entsteht. Sie stammt selbst aus der Reinigungsbranche und wurde vom Regisseur über ein Internetforum entdeckt.

Auch andere Rollen sind mit Laien besetzt, zahlreiche Szenen beruhen auf realen Erfahrungen aus Friedrichs Recherche. Das verleiht dem Film eine Rohheit, die man im deutschen Kino selten sieht. Wenn Heike im Auto gleichzeitig Kunden beruhigt, Krankmeldungen organisiert und vom Chef (Kemal Karatepe) zusammengestaucht wird, entsteht ein Stressniveau, das fast körperlich spürbar wird. Die Reinigungsbranche ist hier eine Welt permanenter Unsichtbarkeit: Wahrgenommen wird nur der Schmutz, nie die Arbeit dahinter. Friedrich hat ein präzises Ohr für die entmenschlichten Höflichkeitsfloskeln des Dienstleistungssektors, die Empathie simulieren, um Distanz aufrechtzuerhalten. Und doch lässt er seinen Film nicht im Fatalismus enden. Zwischen all dem Druck blitzen immer wieder kleine Gesten von Solidarität auf, kurze Momente gemeinsamer Erschöpfung. Mehr Hoffnung wäre auch verlogen.

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