Kritik zu Hinter den Schlagzeilen

© Real Fiction Filmverleih

Jenseits des »Strache-Videos«: Marc Bauder und Daniel Sager machen in ihrem Dokumentarfilm anschaulich, wie investigativer Qualitätsjournalismus jenseits der Klischees funktioniert

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Das am 17. Mai 2019 von »Süddeutsche«­ und »Spiegel« ins Netz gestellte Video schrieb als Grundlage der sogenannten Ibiza-Affäre Geschichte: heimlich mitgeschnittene, unmoralische Angebote der FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus an eine vermeintlich reiche junge Russin. Einen Tag später traten beide Männer von allen Ämtern zurück, und Kanzler Kurz verkündete die Auflösung der Regierung aus ÖVP und FPÖ. Ende 2020 wurde in Berlin ein Wiener Privatdetektiv verhaftet, der die Aufnahme verfertigt haben will und angibt, aus politischen Motiven ohne materielle Interessen gehandelt zu haben.

Da war der Dokumentarfilm von Daniel Sager und Marc Bauder schon abgedreht. Doch auch sonst hätte dieser kriminalistische Aspekt der Geschichte wohl höchstens einen Randplatz in ihm gefunden. Denn die Filmemacher interessieren sich nicht für Kolportage, sondern für die zähe Arbeit hinter dem journalistischen Coup, die für investigativen Journalismus typisch, für Außenstehende aber selten sichtbar ist.

So ist es ein privilegiertes Angebot des Films, tief in den beruflichen Alltag der für investigative Recherchen zuständigen Abteilung der Süddeutschen Zeitung und einiger ihrer Mitarbeiter:innen (meist junge Männer) zu blicken. Im Zentrum stehen dabei die beiden vielfach (zuletzt für die Panama Papers) ausgezeichneten Redakteure Bastian Obermayer und Frederik Obermaier, aber auch andere Abteilungen des Hauses und SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach.

Bei Drehbeginn war keineswegs klar, welche Volten der Film nehmen würde. Eigentlich waren die Journalisten mit Recherchen zum Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia unterwegs, als ihnen das Ibiza-Material von Unbekannten angeboten wurde. So lief die Geschichte erstmal beiläufig mit und wurde eher misstrauisch beäugt. Dann folgten viele kleine  Schritte von der langwierigen Sichtung und Transkription des Materials, der peniblen Dokumentation und technischen Überprüfung der Authentizität der Aufnahme über juristische und ethische Beratungen bis zum Formulieren begleitender Texte. Und die zentrale journalistische Frage, ob es überzeugende inhaltliche Gründe dafür gibt, das illegal gedrehte Material als Video und nicht als Textversion zu veröffentlichen.

Der Film zeigt auch Recherchereisen nach Malta und Israel oder ein Treffen mit Edward Snowden in Moskau. Doch jenseits aller Klischees vom aufregenden Journalistenleben sind die meisten Abläufe im Film wenig spektakulär und spielen sich im gepflegten Büromilieu hoch über der Stadt ab. Inhaltlich zeigen sie detailreich das Bild von Medienmenschen, die ihre Aufgabe gegenüber der Gesellschaft gewissenhaft ernst nehmen. So ist »Hinter den Schlagzeilen« auch zu verstehen als deutliche Antwort auf die Lügenpressevorwürfe von rechts, deren Doppelmoral durch die von Strache im Video angekündigte massive Einflussnahme auf die Kronenzeitung deutlich ins Licht gerät.

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