Cannes: Deutsche Hoffnungen
Strahlender Sonnenschein und die wärmsten Temperaturen der Woche sind für den Dienstagabend in Cannes angekündigt, ganz standesgemäß also für die Eröffnung der mittlerweile 79. Internationalen Filmfestspiele. Und während auf dem roten Teppich Prominenz wie Demi Moore (die in diesem Jahr in der Jury unter dem Vorsitz des koreanischen Regisseurs Park Chan-wook sitzt) in teuren Roben angekündigt ist, wird auf der Leinwand eine Historienkomödie erwartet: Als Eröffnungsfilm läuft »The Electric Kiss« von Pierre Salvadori, über einen verwitweten Maler in den 1920ern.
Im prestigeträchtigen Wettbewerb ist ein Jahr, nachdem dort Mascha Schilinski mit »In die Sonne schauen« für großes Aufsehen sorgte, abermals eine deutsche Regisseurin vertreten. Valeska Grisebach geht mit ihrem vierten Spielfilm »Das geträumte Abenteuer« erstmals ins Rennen um die Goldene Palme. Wie schon im inzwischen neun Jahre zurückliegenden Vorgänger »Western« hat sie dabei mit örtlichen Laiendarstellerinnen und -darstellern in Rumänien gedreht.
Der umgekehrte Fall liegt vor bei »Vaterland« von Paweł Pawlikowski: Der Regisseur stammt aus Polen, erzählt hier aber (unterstützt von der Produktionsfirma von Edward Berger) eine dezidiert deutsche Geschichte. Sein in Schwarzweiß gehaltener Film begleitet Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller) 1949 bei ihrer ersten Reise nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und erzählt dabei nicht nur vom schwierigen Verhältnis des Literaturnobelpreisträgers zu seinen Kindern, sondern auch zu seiner Heimat.
Nur zwei der 22 Filme im Palmen-Rennen dieses Jahr stammen von US-amerikanischen Regisseuren (James Grays »Paper Tiger« mit Scarlett Johansson und Adam Driver sowie »The Man I Love« von Ira Sachs mit Oscar-Gewinner Rami Malek), und auch außer Konkurrenz gibt es dieses Mal keine große Weltpremiere aus Hollywood wie etwa den neuen Film von Steven Spielberg zu verzeichnen. Stattdessen stehen auf dem Programm: viele alte Cannes-Bekannte und jede Menge internationale Koproduktionen.
Während der Japaner Ryūsuke Hamaguchi, mitverantwortet durch die Firma Heimatfilm aus Köln, mit »Soudain« erstmals einen Film in Frankreich gedreht hat, entstand »Minotaur« des im Exil lebenden russischen Regisseurs Andrei Swjaginzew in Lettland – und mit Beteiligung der Berliner Razor Film. Zum ersten Mal (als eine von fünf weiblichen Filmemacherinnen) in den Wettbewerb eingeladen wurde die Österreicherin Marie Kreutzer. Vier Jahre nach »Corsage« erzählt sie in »Gentle Monster« vom Spagat zwischen Beruf und Familie einer Pianistin und einer Polizistin, wofür Jella Haase sowie die französischen Weltstars Léa Seydoux und Catherine Deneuve vor ihrer Kamera standen. Für die Koproduktion sorgte hier die Cannes-erprobte Firma Komplizen Film aus Berlin.
Ebenfalls mit Spannung erwartet werden im Wettbewerb unter anderem neue Filme von Cannes-Veteranen wie dem Spanier Pedro Almodóvar, dem Belgier Lukas Dhont und dem Iraner Asghar Farhadi sowie früheren Palmen-Gewinnern wie Cristian Mungiu aus Rumänien oder Hirokazu Kore-eda aus Japan. Auch Stars wie Javier Bardem, Penélope Cruz, Glenn Close, Michael Fassbender, Sebastian Stan oder Isabelle Huppert werden wieder an der Croisette erwartet.
Derweil lassen sich allerlei deutsche Filmschaffende und ihre Geschichten auch in anderen Sektionen des diesjährigen Festivals in Cannes finden. Volker Schlöndorff etwa präsentiert »Heimsuchung«, seine Adaption des Historien-Bestsellers von Jenny Erpenbeck, in den Cannes Premières. Und in der wichtigsten Nebenreihe Un Certain Regard sind die beiden deutschen Produktionen »Everytime« und »I'll Be Gone in June« vertreten. Ersterer ist der neue Film der österreichischen Regisseurin Sandra Wollner über eine trauernde Mutter, in zweiterem verarbeitet die in Leningrad geborene Schauspielerin und Filmemacherin Katharina Rivilis in ihrem ersten Langfilm ihre Austausch-Erfahrungen als Jugendliche in den USA.
Besondere Beachtung verdient außerdem die renommierte Kurzfilm-Auswahl der Semaine de la Critique, wo sich in diesem Jahr gleich zwei Hoffnungsträger aus Deutschland präsentieren dürfen: Der in Syrien geborene Daood Alabdulaa, Student der HFF München, präsentiert seinen neuen Film »Nafron«, sein in Hamburg geborener, halb-indonesischer Kommilitone Berthold Wahjudi »Vaterland (oder ein Bulle namens Yanto)«.




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