Kritik zu Die Welle

© Constantin Film

Böse Gruppenmechanik: Jürgen Vogel als Lehrer, der statt über »Anarchie« zur Lektion über »Autokratie« verdonnert wird und dabei ein Experiment mit unabsehbaren Folgen beginnt

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Im Jahr 2001 verfilmte Oliver Hirschbiegel das sogenannte Stanford Prison Experiment, das 1971 an der Stanford Universität in Palo Alto durchgeführt wurde, um zu beweisen, wie leicht es ist, den Menschen zu einer autoritären Bestie zu machen. Schneller als gedacht geriet das Experiment außer Kontrolle, der Beweis kostete ein Menschenleben. Oliver Hirschbiegels Film beschränkte sich auf die klaustrophobische Stimmung innerhalb des künstlichen Gefängnisses und konzentrierte sich auf die psychischen Anspannungen. Doch auch er dramatisierte die Geschichte, indem er einzelne Elemente veränderte. So ist der Provokateur bei ihm ein Undercover-Journalist, der seine Geschichte anschärfen will.

Dennis Gansels Film »Die Welle« legt gro­ßen Wert auf Authentizität. Das Experiment, das ihm zugrunde liegt, hieß »The third Wave« und fand bereits 1967, ebenfalls in Palo Alto, an einer »gutbürgerlichen« Highschool statt. Ziel war es, unter den Schülern eine Struktur zu etablieren, die langsam diktatorische Züge annahm und so beweisen sollte, dass der Nationalsozialismus sich zu jeder Zeit und in jedem Land wieder entfalten könnte. Auch dieses Experiment geriet außer Kontrolle und wurde nach fünf Tagen abgebrochen.

Für ihren Film bearbeiteten Dennis Gansel und Peter Thorwarth den von diesem Experiment inspirierten Roman von Todd Strasser alias Morton Rhue und die Arbeitsprotokolle des Lehrers Ron Jones, der es damals initiierte; ihr Film spielt in der Gegenwart an einem fiktiven Ort in Deutschland. Der Film zeigt, wie sich Strukturen verselbstständigen, wie Macht und Gewalt als Ergebnis eines Gruppenprozesses plötzlich ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln. Die Schwachen werden durch die Gruppe stark, und die Starken können ihren Machthunger ungestraft ausleben. Eine Gruppe dieser Art funktioniert vor allem darüber, dass sie ein Gegenüber hat: Andere, die nicht teilnehmen wollen – oder dürfen. Die Gruppe ist radikal, sorglos und duldet keine Ausnahmen. Schwarz-Weiß-Denken zwischen Stammtisch und U-Bahnparole wird zur Basis einer Ideologie und rudimentär wahre Allgemeinplätze zum Mittel der Selbstmotivation. Wie in der wahren Geschichte sind es auch hier nur wenige, denen »Die Welle«, wie sich die »Bewegung« bald nennt, merkwürdig vorkommt. Als sie die wirkliche Gefahr erkennen, ist es zu spät. Auch dieses Experiment, und da treffen sich die Filme von Gansel und Hirschbiegel, kostet ein Menschenleben.

So realitätsnah Jürgen Vogel den Lehrer spielt, der in der Projektwoche der Schule Autokratie erklären muss und fast selbst von der Motivations-Welle davongetragen wird, so sehr schaden dem Film die unnötigen Klischees am Rand. Als ehemaliger Hausbesetzer lebt Lehrer Rainer Wenger auf einem Hausboot, an der Wand zwei Kalenderbilder von On Kawara, auf dem T-Shirt prangen die Ramones oder The Clash – was will man mehr? Das weiße Hemd, das bald die Uniform der »Welle« bildet, lässt diese T-Shirts im Film dann sang- und klanglos verschwinden. Des Weiteren gibt es unter den Schülern den schüchternen Waffenfan, der unter dem autoritären Vater leidet; es gibt die antiautoritäre Familie, in der der 13-Jährige schon rauchen darf, um seine Grenzen selbst zu finden; die Mutter, die schon mittags zwischen Alkohol und jugendlichem Liebhaber wählen muss, die reichen Eltern, die Zeit durch Geld ersetzen und so weiter.

Seine Zielgruppe hat der Film genau im Blick: harte Schnitte zu treibender Musik sollen die Aufmerksamkeit bei den Jugendlichen garantieren. Die Darsteller sind überzeugend, der gesellschaftliche Rahmen stimmt. Doch alles in allem will Gansel zu viel. Über den plakativ vorgetragenen gesellschaftlichen Gründen lässt er die psychologischen Entwicklungen in den Hintergrund treten. Der Versuch, das, was ihn schon bei seinem »Napola«-Film interessierte, die Faszination des Faschismus, in die Gegenwart zu übertragen, ist an den Ecken des Zeitgeistes hängen geblieben. Dass er das »Dritte Reich« kaum kannte, wirkte sich als Reduktion positiv auf »Napola« aus. Die Gegenwart jedenfalls kennt Gansel fast zu gut. Eine Beschränkung auf das Wesentliche, wie es Oliver Hirschbiegel in »Das Experiment« versuchte, hätte auch der »Welle« gutgetan.

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