BDSM-Kino: Willst du mein Dom sein?

Alexander Skarsgård und Harry Melling in »Pillion« (2025). © Weltkino

Alexander Skarsgård und Harry Melling in »Pillion« (2025). © Weltkino

Abgründig, verrucht, schambesetzt? Vorbei. BDSM ist im Alltag angekommen. Zum Beispiel mit dem charmanten Indie-Film »Pillion«

Alexander Skarsgård hat schon so einige freizügige Szenen gespielt, in »The Northman«, »Infinity Pool« oder der True Blood-Serie. Und für den britisch-irischen Indie-Film Pillion brauchte man einen Darsteller, der sich nicht scheut, auch mal blankzuziehen. Skarsgård spielt den Biker Ray, der eine sadomasochistische Beziehung mit einem schüchternen Angestellten vom Ordnungsamt eingeht – als dessen Dom, dem dominanten Part innerhalb einer solchen Beziehung. Und so sehen wir im Laufe des Films, wie Ray sich von Colin (Harry Melling) in einer dunklen Gasse die Stiefel lecken und oral befriedigen lässt, wie er den Jüngeren mit einem Halsband ausstaffiert, ihn wie einen Hund neben seinem Bett schlafen lässt und ihn bei einem Biker-Ausflug recht rabiat anal penetriert. Bei alldem ist Pillion eine echte, gefühl- und humorvolle, sozial genau grundierte Liebesgeschichte, die am Ende auch die Emanzipation Colins von seiner Familie und der Enge eines Vorstadtlebens bedeutet. 

Auch »Madame Kika« um eine Sozialarbeiterin, die als Domina ihre neue Berufung findet,  oder der Festivalhit »Follies« (alle 2025), in dem ein Paar unabhängig voneinander auf erotische Entdeckungsreise geht, um seine Beziehung zu retten, sind aktuelle Beispiele für einen Trend, der seit Jahren zu beobachten ist: die Enttabuisierung von BDSM in Kino und Gesellschaft. Fanden sadomasochistische Sexualpraktiken, Unterwerfungs- und Bestrafungsfantasien lange Zeit vornehmlich in Subkulturen statt, so biegen sich heute reale wie digitale Bücherregale unter einschlägiger erotischer Literatur. Begriffe wie kinky oder sub sind ebenso Teil des Alltagsvokabulars geworden wie Lack, Leder, Korsagen und Choker Teil der Alltagsmode. Wie kam es dazu? Geht mit der Enttabuisierung auch eine Entleerung einher? Ist die Gesellschaft toleranter geworden? Klar ist: Die Grenzen des Zeigbaren haben sich verschoben. 

BDSM – für Bondage, Discipline/Dominance, Submission/Sadism und Masochism – fungiert als Sammelbegriff für ein Spektrum sexueller oder sexualisierter Praktiken unterschiedlichster »Härtegrade«. Entsprechend offen ist die filmische Aneignung: BDSM kann als zentrales Storyelement erscheinen, als ästhetisches Motiv oder über Figuren und Objekte vermittelt werden, von der Domina über die Peitsche bis zum Andreaskreuz. 

Die Liaison zwischen Film und BDSM ist älter, als man vermuten könnte. Bereits 1925 ließ Pola Negri als Gräfin Elnora Natatorini in der Stummfilmkomödie »Eine mondäne Frau« die Peitsche sprechen. Etabliert haben sich Fesselspiele, Peitschen und Co. im Kino jedoch erst Ende der 1960er und vor allem in den 1970er Jahren – passend zum damals freiheitlichen Zeitgeist. Zu den frühen Beispielen zählt Luis Buñuels »Belle de Jour – Schöne des Tages« (1967). In dem Film gibt sich eine junge Ehefrau zunehmend erotischen Tagträumen hin, geprägt von Bondage und Demütigung, bis sie schließlich ein Doppelleben als Prostituierte beginnt. Buñuels Interesse an sadomasochistischen Motiven war bestimmt kein Zufall: Bereits »Das goldene Zeitalter« (1930) bezog sich auf den Marquis de Sade. 

Fast zeitgleich begannen Exploitationfilmer wie Trash-Papst Jess Franco oder Jean Rollin, der König des erotischen Vampirfilms, BDSM- und Fetischelemente systematisch in ihre Werke zu integrieren – etwa in »Necronomicon – Geträumte Sünden« (1968) oder »Die Folterkammer des Vampirs« (1971). Der Erfolg dieser Filme zog eine Welle ähnlich gelagerter sado-erotischer Produktionen nach sich, die das Motivinventar ausbuchstabierten. In Ketten gelegte und an Andreaskreuze gebundene Männer wie Frauen, sadistisch-lüsterne Schlossherren, erotisch aufgeladene Inquisitions- und Gefängnis­situationen – so skurril und in Teilen problematisch diese Filme auch waren, sie leisteten dennoch Pionierarbeit: Sie forderten die Vorstellungen von dem, was moralisch als richtig oder sexuell als normal gilt, auf kreative Art und Weise heraus. 

Parallel dazu griff man auf die großen Namen der sadomasochistischen Literatur zurück: den Marquis de Sade und Leopold von Sacher-Masoch. 1969 erschienen gleich zwei Verfilmungen von Sacher-Masochs »Venus im Pelz«, von Franco und von Massimo Dallamano. Mit »Marquis de Sade: Justine« (1969) steuerte Franco zudem seine eigene Version des berühmten Stoffes bei. Für viele Fans und Kritiker:innen gilt allerdings der leicht surreal anmutende »Justine – Lustschreie hinter Klostermauern« (1972) als die gelungenere Adaption. 

Auch das internationale Kunstkino stellte in den 1970er Jahren Bezüge zum BDSM-Spektrum her. Filme wie »Der letzte Tango in Paris« (1972), »Der Nachtportier« (1974) oder »Im Reich der Sinne« (1976) loteten Macht, Begehren und Unterwerfung in jeweils eigenen ästhetischen Formen aus. So handelt »Der Nachtportier« von einem SS-Offizier und einer KZ-Insassin, die nach dem Ende des Kriegs ihre sadomasochistische Beziehung erneut aufleben lassen. Die Todeslager der Nazis werden hier zu Orten der sexuellen Grenzüberschreitung stilisiert. Und Nagisa Ōshimas Skandalfilm »Im Reich der Sinne« endet damit, dass Hauptfigur Abe Sada ihren Geliebten auf seinen Wunsch hin beim Sex tötet und ihm als letzten Liebesbeweis den Penis abschneidet. All diese Filme haben mit der gelebten Praxis wenig zu tun, vielmehr nutzen sie BDSM als künstlerische Strategie der Überforderung, als ästhetische, emotionale und intellektuelle Zumutung. 

Mit »Emmanuelle« (1974) und »Die Geschichte der O« (1975) des Modefotografen Just Jaeckin entstanden zugleich Hochglanzproduktionen, die sadomasochistische Erotik in den Mainstream überführten. Während der unter dem Pseudonym Pauline Réage erschienene Roman »Geschichte der O«, in dem sich eine junge Modefotografin zur »perfekten Sklavin« ausbilden lässt, mit Beschreibungen von Brandmarkungen und Intimpiercings bewusst Schmerzgrenzen austestet, neigt die Verfilmung eher zum Abblenden. Die Swinging Sixties und Seventies markieren auch für BDSM im Kino eine Phase kultureller Grenzverschiebung: Entsprechende Elemente fanden sich nun in nahezu allen Sphären des im weitesten Sinn erotischen Films. 

 Eine eigene Kategorie bildet BDSM im pornografischen Film, dessen Legalisierung sich parallel zum BDSM-Boom der 1970er Jahre vollzog. Über die Szene hinaus bekannt sind etwa die Filme von Radley Metzger. »Camille 2000« (1969), »The Opening of Misty Beethoven« (1976) oder »Barbara Broadcast« (1977) enthalten ausgeprägte BDSM-Elemente und gelten bis heute als Klassiker der Pornogeschichte. Metzgers »The Image« (1975), basierend auf einem Roman von Catherine Robbe-Grillet, wird nicht selten sogar als einer der gelungensten Filme zum Thema Sadomasochismus bezeichnet; er entwirft ein komplexes Machtgefüge, in dem Rollen fließend bleiben und Dominanz wie Unterwerfung nicht eindeutig zuzuordnen sind. Der Film handelt vom Schriftsteller Jean, der auf einer Party in Paris seine alte Bekannte Claire trifft. Die stellt ihm ihre sehr viel jüngere Gespielin Anne nicht nur vor, sondern auch zur Verfügung. Am Ende wird sich herausstellen, dass Claire das Szenario orchestriert hat, um ihre männliche Bekanntschaft als Dom anzulernen. Denn sie ist in Jean verliebt – kann sich ein Leben ohne Ausleben ihrer masochistischen Neigungen aber nicht vorstellen. Liebe, Obsession, Begehren und Macht existieren hier nicht als Gegensätze, sondern als ineinander verschlungene Zustände. 

Das »tabulose« Genre des pornografischen Films gibt BDSM natürlich einen freieren Rahmen. Dass sadomasochistische Erotik und pornografischer Film so gut zusammenpassen, liegt aber auch daran, dass BDSM-Praktiken ein Grundproblem des Genres lösen: innere Zustände wie Lust, Begierde oder Ekstase filmisch darstellbar zu machen. Schreie, Spuren auf der Haut oder sichtbare Machtverhältnisse verleihen abstrakten Empfindungen eine konkrete visuelle Form. 

Nach dem Exzess der 1970er Jahre kühlte das kulturelle Klima in den 1980ern spürbar ab. Es waren die Jahre von Reagan, Thatcher und Kohl, von Patrick Bateman und Gordon Gekko. Dennoch arbeiteten bekannte Akteure wie Franco oder Jaeckin unbeirrt weiter. Auch in Deutschland entstanden markante Beiträge: Die Dokumentation »Domina – Die Last der Lust« (1985) gewährte Einblicke in den Alltag einer Westberliner Domina. Monika Treut legte mit Verführung: Die grausame Frau (1985) den Grundstein für ihr faszinierendes Werk, während »Die flambierte Frau« (1983) BDSM publikumswirksam in eine schwarze Komödie überführte. Im Autorenkino verarbeitete Pedro Almodóvar in »Matador« (1986) sadomasochistische Motive auf eher abstrakte Weise. 

Überschattet wurde all dies jedoch von 9½ Wochen (1986). Adrian Lyne polierte Ingeborg Days gleichnamigen Erotik-Roman, in dem eine Galeriebesitzerin sich in einer missbräuchlichen Beziehung mit einem Wall-Street-Broker verliert, auf Hochglanz. Trotz intensiver Szenen wie der, in der Kim Basinger vor Mickey Rourke auf die Knie geht und kriecht, hat der Film wenig mit der Abgründigkeit seiner Vorlage gemein. Bis heute ist er vor allem für die Fütterungsszene vor dem Kühlschrank und Basingers Strip zu »You Can Leave Your Hat On« bekannt. Auf jeden Fall ist der Film ein Beweis dafür, dass sich BDSM in einer entschärften, »vanillaisierten« Form blendend vermarkten lässt – er passte perfekt ins Yuppie-Jahrzehnt. 

In den 1990er Jahren hatte sich schließlich ein breites Feld an Filmen mit BDSM-Bezug etabliert, vom Arthouse (Fessle mich!, Tokio Dekadenz) über den Mainstream-Thriller (8 mm – Acht Millimeter) bis zum Dokumentarfilm (Die Peitsche der Pandora). Hinzu kamen Produktionen wie »Sick: The Life and Death of Bob Flanagan«, »Supermasochist« oder die Komödie »Preaching to the Perverted« (beide 1997), die sich um einen authentischeren Blick auf die Szene bemühten. Letzterer reagierte auf den »Spanner Case«, bei dem 1990 mehrere britische homosexuelle Männer für einvernehmliche BDSM-Praktiken verurteilt worden waren. Der Film kritisiert das Urteil auf humorvolle Weise und setzt bewusst auf Szene-Insider. 

Produktionen wie »Secretary« (2002) oder »Wir leben … SM!« (2004) führten diesen vermittelnden Ansatz konsequent fort. Sie ersetzten sado-erotische Fantasiewelten durch gelebte Realität. So handelt »Secretary« nicht von sadistischen Folterknechten in düsteren Dungeons, sondern von einer recht alltäglichen und nicht unkomischen Büroromanze zwischen einer Sekretärin und ihrem Chef, in deren Verlauf sich Maggie Gyllenhaal in der Hauptrolle zum Dressurpony machen und in immer ungemütlichere Bondage-Gerätschaften einspannen lässt. Am Ende wird sie durch radikale Unterwürfigkeit bekommen, was sie will: die große Liebe. 

Diese Filme unterscheiden sich kategorisch von ihren Vorgängern: BDSM erscheint hier weniger als Projektionsfläche für Exzess, abgründige Leidenschaft, Amour fou. Das Kino sucht nach Erregung, Konflikt und emotionaler Zuspitzung – die Praxis von BDSM dagegen basiert auf Kommunikation, Konsens und dem Aushandeln von Grenzen. Zwischen diesen Polen bewegen sich Filme mit BDSM-Bezug bis heute. Dazu gehört auch das weite theoretisch-philosophische Feld, das diese Form der Erotik eröffnet. Besonders ergiebig sind in diesem Zusammenhang die Schriften von Georges Bataille, der selbst sadomasochistische Erzählungen verfasste. Dessen Denken kreist vornehmlich um den Begriff der Transgression: einen Schwebezustand jenseits moralischer Ordnung. In der Überschreitung würden sich nicht nur gesellschaftliche Tabus, sondern auch die Möglichkeit des Unmöglichen offenbaren – etwas, dem für Bataille durchaus etwas Sakrales anhaftet. Erotik wird so zur Feier des Lebens über den Tod hinaus und der Tod zum erotischen Ereignis. Der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger sieht in Bataille den Vordenker einer »Utopie der aktiven, positiven Transgression«. 

Besonders anschlussfähig an dieses Denken sind die Filme von Catherine Breillat. In ihnen ist Sex gleichermaßen abgründig wie befreiend. Bereits in ihrem Debüt »Ein wirklich junges Mädchen« (1976) beginnt mit der sexuellen Erweckung einer Teenagerin eine Phase der Transgression. Erbrechen wird für die Protagonistin zur sinnlichen Erfahrung; es wird mit Spülmittelflaschen, mit Senf bestrichenen Fingern oder einem Fahrradsattel masturbiert. Und wenn in »Romance XXX« (1999) die weibliche Hauptfigur als Teil ihrer persönlichen wie sexuellen Selbstfindung in die Welt des Bondage eingeführt wird, geschieht dies mit einem beinahe erhabenen Gestus. 

Aus dem Transgressionsbegriff lässt sich auch das besondere Verhältnis von BDSM und Queerness ableiten. BDSM kann selbst als queer gelten, insofern seine Praktiken bürgerlich-heteronormative Vorstellungen von Sexualität unterlaufen. Subkulturen wie die schwule BDSM-Szene lassen sich im Sinne Batailles als Orte der Selbstermächtigung lesen. Filme wie »Cruising« (1980) oder »Hellraiser« (1987) stilisieren die Lederschwulenszene als Ort permanenter Transgression – und gerade deshalb als Projektionsfläche heterosexueller Fantasien. 

Wenn heute über die Popularisierung von BDSM im Kino gesprochen wird, führt kein Weg an »Fifty Shades of Grey« (2015) vorbei. Mussten frühere Mainstreamfilme provokante Vorlagen auf ein massentaugliches Maß an Grenzüberschreitung zurechtstutzen, so entbehrt bereits die Vorlage, eine für den Buchmarkt entschärfte ehemalige »Twilight«-Fanstory, jeder Form von Transgression. BDSM wird hier radikal in die Sphäre des Bürgerlichen überführt – inklusive Luxuslifestyle, instagramtauglicher Körper und einer Dramaturgie, in der die Neigungen des Protagonisten als zu heilendes Defizit erscheinen. »Fifty Shades of Grey« zeigt, wie im Spätkapitalismus Grenzüberschreitungen marktkonform formatiert und konsumierbar gemacht werden. Klassische Geschlechterrollen bleiben unangetastet: Die junge, unerfahrene Frau trifft auf den emotional verschlossenen, sexuell wie finanziell dominanten Mann. 

Zu Batailles Vorstellung von Transgression gehört jedoch auch, dass sie nie abgeschlossen sein kann. Tabus verschieben sich, Grenzen werden neu gezogen. Was einst schockierte, ist bald Chic. Insofern überrascht es kaum, dass BDSM im Film nach den 1960ern und 70ern keinen vergleichbaren Transgressionsschub mehr auslöste.  Heute stehen Hochglanzproduktionen wie die 365 Days-Reihe (ab 2020) neben einem Film wie »Dogs Don’t Wear Pants« (2019), der bewusst an das transgressive Kino der Vergangenheit erinnert. Zugleich blicken Madame Kika, Pillion, Follies oder die deutsche Komödie »Broke. Alone. A Kinky Love Story« (2024) empathisch und unverkrampft auf BDSM-Themen. Während in Halina Reijns Erotikthriller »Babygirl« (2024) die Chefin eines Tech-Unternehmens (Nicole Kidman) sich auf eine Affäre mit einem Praktikanten (Harris Dickinson) einlässt, um ihren Unterwerfungsfantasien nachzugehen. Unweigerlich stellt sich die Frage: Wie lässt sich ein solches Begehren in einen ohnehin von komplexen Machtstrukturen bestimmten Alltag integrieren? Reijns Antwort ist ein radikaler Bruch mit Erwartungen und Konventionen. »You have to take the glamour away from the kink«, hat sie einmal gesagt. Es gilt also, wegzukommen vom Glanz klassischer Erotikthriller – hin zu Geschichten von Menschen, die erst lernen müssen, ihre Begierden und Grenzen zu formulieren, kurzum: wer sie wirklich sind. Vielleicht liegt genau darin das Potenzial für eine neue Form positiver Transgression.

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