Casting: Das richtige Gesicht zur richtigen Zeit im richtigen Film
»Die Reifeprüfung« ohne Dustin Hoffman? Al Pacino – nie fürs Kino entdeckt? Und wer anders als Christoph Waltz hätte den Nazi in »Inglourious Basterds« spielen können? Das Casting war lange eine unsichtbare oder unterschätzte Disziplin des Filmhandwerks. Jetzt wird es bei den Oscars gewürdigt
Wenn am 15. März in Los Angeles die 98. Oscarverleihung stattfindet, wird es erstmals einen Academy Award für das »Beste Casting« geben – für jene Filmschaffenden also, die für die Besetzung eines Films zuständig sind. Diese Premiere ist nicht nur bemerkenswert, weil es sich um die erste neue Oscarkategorie seit 25 Jahren handelt (2001 kam der »Beste lange Animationsfilm« hinzu), sondern vor allem deshalb, weil es fast 60 Jahre gedauert hat, bis die Tätigkeit der Casting Directors von der einflussreichen Academy honoriert wurde. So lange nämlich gibt es diesen Beruf in Hollywood.
Um ein Gefühl für die Bedeutsamkeit zu vermitteln: Besetzungen wie Dustin Hoffman in Die Reifeprüfung, Jennifer Lawrence in »Winter’s Bone« oder Jodie Foster in »Das Schweigen der Lämmer« gingen auf die Überzeugungsarbeit der Casting Directors zurück, denn die Regisseure waren zunächst skeptisch. Hoffman entsprach nicht der attraktiven Drehbuchbeschreibung der Figur, Lawrence wiederum wirkte »zu attraktiv« für den Part einer White-Trash-Jugendlichen aus den Ozarks, und Jodie Foster war Jonathan Demme »zu kalifornisch«. Am Ende erhielten alle drei eine Oscarnominierung, Foster gewann die Auszeichnung sogar. Die Namen hinter diesen Casting-Coups sind Lynn Stalmaster, Kerry Barden und Howard Feuer. Nie gehört? Keine Sorge, das dürfte den meisten so gehen.
Denn so offensichtlich gutes Casting im wahrsten Wortsinn ist, so wenig präsent sind in der öffentlichen Wahrnehmung die Menschen dahinter. Das hat mehrere Gründe, angefangen bei der vergleichsweise späten Herausbildung des Berufsbilds. Im klassischen Hollywood der 1920er bis 1960er Jahre verfügten Studios wie Warner Bros., Paramount oder Universal über einen festen Pool angestellter Stars und Nebendarsteller, die in immer neuen Konstellationen eingesetzt wurden. Diese Wiedererkennbarkeit trug wesentlich zum Stil und Image der Studios bei. Mit dem Ende der Studio-Ära in den Sechzigerjahren änderte sich das System grundlegend: Schauspieler standen plötzlich auf dem freien Markt, Produktionsfirmen mussten für jedes Projekt neue Besetzungen finden – und brauchten dafür spezialisierte Vermittler.
Diese Schnittstelle wurde zunächst improvisiert besetzt. Casting Director war kein klassischer Ausbildungsberuf, sondern ein Quereinsteigerjob par excellence: Man rutschte irgendwie rein. Viele Vertreter der ersten Generation kamen aus der Regieassistenz oder wollten ursprünglich selbst Schauspieler werden. Mit diesem unscharfen Hintergrund hatte man es in einer konservativ auf klare Zuständigkeiten fixierten Institution wie der Academy of Motion Pictures Arts & Sciences lange schwer. Einen eigenen Credit im Vorspann gab es über Jahre hinweg nicht.
Eine der prägendsten Figuren dieser Frühphase war Marion Dougherty. Sie kam vom Fernsehen in New York, wo sie für Serien und Liveinszenierungen ständig neue Gesichter benötigte, die sie häufig auf Off-Broadway-Bühnen entdeckte – und anschließend ins Filmgeschäft mitnahm. Durch sie erhielten Theatertalente wie Jon Voight (Midnight Cowboy), Al Pacino (Panik im Needle Park) oder Glenn Close (Garp und wie er die Welt sah) ihre ersten Filmrollen. Wie entscheidend ihr Einfluss war, zeigt das Beispiel »Lethal Weapon – Zwei stahlharte Profis«. Im Drehbuch war die ethnische Zugehörigkeit des Copduos Riggs und Murtaugh nicht festgelegt, doch Dougherty hatte für Murtaugh sofort Danny Glover im Kopf. Regisseur Richard Donner erinnerte sich später: »Ich sagte: Aber Glover ist Schwarz! Und Marion antwortete: ›Natürlich, Murtaugh ist Schwarz!‹ Das traf mich wie ein Stich. Ich dachte: Bin ich so kleingeistig? Nur weil es nicht im Drehbuch steht, kann ich es mir nicht vorstellen? Marion hat meinen Blick verändert.«
Solche Perspektivverschiebungen beschreiben viele Regisseure, wenn sie über ihre Zusammenarbeit mit Casting Directors sprechen. Christoph Hochhäusler etwa, der regelmäßig mit Ulrike Müller arbeitet, sagt: »Ich hoffe immer, dass Ulrike Personen findet, die über das hinausgehen, was ich mir beim Schreiben vielleicht vorgestellt habe, Vorschläge, die mich überraschen und sich der Figur nicht einfach nur anschmiegen. Eine gute Casterin fordert die Vorstellungen heraus, die man sich gemacht hat.« Auf diese Weise wurde etwa die zuvor völlig unbekannte Thea Ehre in »Bis ans Ende der Nacht« besetzt, die für ihre Leistung prompt mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde.
Tom Tykwer spricht von einem »magischen Prozess«, bei dem diffuse Vorstellungen, die man als Autor oder Regisseur habe, in konkrete Gesichter übersetzt würden. Zugleich betont er die Intimität dieser Zusammenarbeit: Man müsse sich sehr gut kennen, damit die Castingperson die Ideen des Regisseurs »lesen« könne. Diese sehr persönliche Komponente dürfte erklären, warum viele Regisseure im Lauf ihrer Karriere zwar mit unterschiedlichen Kameraleuten oder Komponisten arbeiten, ihre Casting Directors aber nur selten wechseln.
Bei Tykwer war dies über Jahre hinweg Simone Bär, die 2023 verstarb und an rund 300 Filmen beteiligt war. Sie entdeckte die vom Theater kommende Sandra Hüller für Hans-Christian Schmids »Requiem« und verantwortete das deutsche Casting für Quentin Tarantinos »Inglourious Basterds«. Sowohl Daniel Brühl als deutscher Scharfschütze als auch Christoph Waltz in der oscargekrönten Rolle des SS-Offiziers Hans Landa gehen auf ihre Vorschläge zurück. Wobei die hohe Kunst des Castings nicht in der Besetzung einzelner Rollen liegt, sondern in der harmonischen Zusammenstellung eines Ensembles: »Als würde man eine Familie bauen«, wie es Bär einmal umschrieb. Dennoch gibt es bis heute auch beim Deutschen Filmpreis noch keine Auszeichnung für das beste Casting – 2027 will man nachziehen. Immerhin wurde 2025 An Dorthe Braker (Schtonk, Fabian oder Der Gang vor die Hunde) für ihr fast vier Jahrzehnte umfassendes Castinglebenswerk geehrt.
Die öffentliche Wahrnehmung des Berufs bleibt dennoch diffus. Martin Scorseses langjährige Castingdirektorin Ellen Lewis brachte es einmal so auf den Punkt: »Jahrelang haben die Menschen diesen Credit – ›Casting by‹ – als etwas Geheimnisvolles wahrgenommen, als wären die Schauspieler einfach auf der Leinwand erschienen. Oder als hätte der Regisseur sie irgendwie entdeckt.« Diesen Effekt kann man natürlich auch als Kompliment sehen: »Wenn Casting gut gemacht ist, denken die Leute, die Person sei vom Himmel gefallen«, sagt Sarah Finn, die fast alle Filme des Marvel-Universums besetzte und beispielsweise Chris Hemsworth als Thor gegen den Widerstand der Produzenten durchsetzte.
Wie konkret die »Entdeckungen« beim Casting aussehen, zeigt exemplarisch die Arbeit von Michael Manns Stammcasterin Bonnie Timmermann bei »Miami Vice«. In einem Interview erklärte sie, dass 30 Minuten jeder Folge den beiden Stars gehörten; die festen Nebendarsteller tauchten in ein bis vier Szenen auf. Timmermanns Aufgabe bestand nun darin, Woche für Woche neue, prägnante Gesichter für die verbleibenden Szenen zu finden. Heute füllen diese erstaunlichen Gastrollen diverse YouTube-Zusammenschnitte – mit frühen Auftritten von Bruce Willis, Benicio del Toro, Liam Neeson, Viola Davis oder Helena Bonham Carter.
Dass Timmermann ein besonderes Gespür für Talente hatte, zeigte sich auch beim blutjungen Sean Penn, den sie in der Coming-of-Age-Komödie »Fast Times at Ridgemont High« als bekifften »Surfer Dude« besetzte, oder bei Viggo Mortensen, dem sie lange vor »Der Herr der Ringe« einen eindrucksvollen Auftritt als querschnittsgelähmter Mafioso in »Carlito’s Way« verschaffte. Manchmal musste sie dennoch tricksen, um ihre Wunschkandidaten durchzusetzen. »Bei »Heat« kam Ashley Judd zum Vorsprechen, war elegant und klug, aber Michael sagte Nein. Ich holte sie trotzdem zurück, bat sie aber, ihre Haare anders zu tragen – und plötzlich meinte er: ›Sie ist großartig!‹«
Der menschenscheue Woody Allen wiederum meidet solche Prozesse weitgehend. »Mir ist das unangenehm«, bekannte er vor Jahren; er verlässt sich seit seinen Anfängen fast vollständig auf die Empfehlungen seiner Castingdirektorin Juliet Taylor, da seine eigene Haltung eher der der alten Hollywoodstudios entspricht: »Wenn es nach mir ginge, würden wir in allen Filmen immer dieselben sechs Leute besetzen, egal ob sie passen oder nicht.« Trotz seiner Widerspenstigkeit habe Taylor ihn gezwungen, neue Schauspieler kennenzulernen und nur aufgrund ihrer Empfehlung zu engagieren. Zum Beispiel die ihm völlig unbekannte Dianne Wiest in »Hannah und ihre Schwestern« – eine Rolle, für die sie ihren ersten Oscar gewann.
Angesichts solcher Geschichten erstaunt es, dass Regisseure wie Taylor Hackford (Ray) sich lange vehement gegen den Begriff »Casting Director« und gegen eine eigene Oscarkategorie aussprachen. Als Vorsitzender der Directors Guild of America erklärte Hackford: »There is only one director on the set!« Jedes Jahr komme »dieses Gerede« über einen Casting-Oscar auf, das er für »vollkommen fehlgeleitet« halte. »Am Ende treffe alle Entscheidungen ich, und sonst niemand.« Bei der ganzen Sache geht es also auch um Deutungshoheit, Exklusivität und Eitelkeit. Mit Hackfords Argumentation ließen sich allerdings auch Cutter und Kameraleute von den Oscars ausschließen, denn auch beim Schnitt und der Kadrierung hat im Zweifel der Regisseur das letzte Wort.
Im Fernsehen war man weitsichtiger. Seit 1990 werden Emmy Awards für das Casting vergeben, auch wenn diese Entscheidung immer wieder auf Häme stieß. »Was kommt als Nächstes?«, spotteten die Moderatorinnen der populären US-Morgensendung »The View«, »ein Preis für den besten Müllmann?« Dem Geist solcher Geringschätzungen dürfte es geschuldet sein, dass erst 1968 ein Casting Director überhaupt eine eigene Nennung im Vorspann erhielt: der Pionier Lynn Stalmaster bei »Thomas Crown ist nicht zu fassen«. Aber noch 1991 wurde der von Filmschaffenden wie Warren Beatty, Clint Eastwood und Robert Redford unterstützte Vorschlag, Marion Dougherty als Grande Dame des Castings mit einem Ehren-Oscar für ihr Lebenswerk zu würdigen, von der Academy abgelehnt. Und selbst nachdem »Casting« im Jahr 2013 von der Academy als offizieller Zweig anerkannt worden war, blieb es der einzige Vorspann-Credit ohne eigene Oscarkategorie.
Dass Casting Directors mitunter fast so etwas wie Autorenstatus erlangen können, zeigt das Beispiel Allison Jones. Sie prägte von »Jungfrau (40), männlich, sucht…« bis »Brautalarm« fast alle Produktionen aus dem Judd-Apatow-Kosmos und wurde dank ihres einzigartigen Blicks für kauzige Typen »The Nerd Hunter« genannt. Jones brachte nicht nur bislang unbekannte Schauspieler wie Seth Rogen, Jonah Hill und Kristen Wiig ins Spiel, sondern entdeckte auf einem Schulhof auch den schauspielfremden Christopher Mintz-Plasse für den Part des unvergesslichen Über-Nerds McLovin in »Superbad«.
Ohnehin läuft gutes Casting nicht immer auf Profis hinaus, wie auch die aktuellen Oscarnominierungen zeigen. Eine der intensivsten Leistungen im Ensemble von »Marty Supreme« liefert Kevin O’Leary als selbstgefälliger, sadistischer Kugelschreibermogul – es ist das Leinwanddebüt O’Learys, der im realen Leben ebenfalls als Großunternehmer reich wurde und als spitzfindiger Gastgeber der Start-up-Fernsehshow »Shark Tank« bekannt ist. Genau dieser Hintergrund inspirierte die Casterin Jennifer Venditti zu der Besetzung. Die Kinodebütantin Chase Infiniti aus »One Battle After Another« kommt eigentlich vom Tanz, doch ihre ausdrucksstarken Bewegungen machten für Cassandra Kulukundis das kämpferische Potenzial von Leonardo DiCaprios Filmtochter sichtbar. Für »Blood & Sinners« wiederum suchte Francine Maisler in Bluesclubs und Schulen nach einem jungen Darsteller für den begnadeten Bluesgitarristen »Preacher Boy« – und fand ihn in dem 20-jährigen Nachwuchsmusiker Miles Caton.
Zugleich zeigen die nominierten Filme, dass es immer auch um die Qualitäten drumherum geht: Das beste Casting verpufft, wenn das Drehbuch dem Ensemble nichts zu tun gibt und die Regie die Darsteller nicht zu führen weiß. Film bleibt Teamarbeit, die Summe vieler Einzelteile.
Ein entscheidendes davon wird bei den Oscars nun erstmals gewürdigt. Manche Namen dürfte man sich künftig besser merken können. Spannend bleibt es ohnehin: Bei der Verleihung 2028 kommt bereits die nächste neue Kategorie hinzu – für das »Beste Stuntdesign«.




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