Ganz am Schluss, als die Geschichte beginnt, ist die Frage entschieden, ob er der schlechteste oder der beste aller Menschen werden wird. Jean Valjean heißt es im Abspann, wird zu dem, den wir kennen. Dieses ab- und einschließende "Wir" bewegte mich wieder ungemein, als ich Éric Besnards Version der »Misérables« über die Feiertage noch einmal sah.
Es gibt Regisseure, die eine eigene Handschrift haben und andere, die sich wiederholen. Der Unterschied zwischen ihnen müsste eigentlich leicht zu bestimmen sein, ist es aber nicht. Beispielsweise war ich stets der Überzeugung, Harald Reinl gehöre der zweiten Kategorie an. Diese Einschätzung mag ein wenig undankbar erscheinen angesichts der zahllosen Unterhaltsamen Fernsehstunden, die er mir im Lauf der Jahrzehnte bescherte. Und ab heute bestünde die Chance, sich vom Gegenteil zu überzeugen..
Jean Eustache war womöglich der einzige französische Filmemacher, der nicht aus dem gehobenen Bürgertum stammt. Das Arbeitsleben spielt in seinen Filmen gleichwohl nur eine untergeordnete Rolle, als ausgeschlagene Verantwortung, als der beargwöhnte Lebensrhythmus der Anderen. Die Protagonisten sind Tagediebe, deren drängendste Sorge ihre klammen Geldbörsen und schlechte Garderobe sind. Mit kleinen Betrügereien hält sich Jean-Pierre Léaud in „Le Père Noel a les yeux bleus“ (Der Weihnachtsmann hat blaue Augen, 1966) über Wasser.
Seinem Kino nähert man sich mit Gewinn, aber auf eigenes Risiko. Als der Kameramann Pierre Lhomme sich zum ersten Mal mit dem Regisseur traf, wurde er gewarnt: für »Die Mama und die Hure« stünden nur ein minimales Budget und ein kleines Team zur Verfügung, der Drehplan sei überaus knapp bemessen. "Das größte Problem ist jedoch", weihte ihn Jean Eustache ein, "dass es bei meinen Dreharbeiten immer einen Selbstmord gibt. Beim letzten Film war es ein Kameraassistent."
In den letzten Monaten dominierten Paramount und Warner Brothers die Nachrichten aus Hollywood. Darüber hätte man fast vergessen, dass auch die anderen Majors noch im Filmgeschäft tätig sind. Universal beispielsweise macht gerade mit einer rundum begrüßenswerten Maßnahme von sich reden.
John Bengtson kannte Los Angeles wie seine Westentasche. Das galt nicht nur für die Großstadt der Gegenwart, sondern vor allem die Kleinstadt, die es einmal war. Er übte ein Metier aus, das er erfinden musste, weil es vorher nicht existierte. Wie soll man es nennen: Drehort-Archäologie, kinematographischen Urbanismus? Er gab der geschichtslosen Stadt ein Stück ihrer Geschichte zurück.
Wenn in der kommenden Nacht die Oscars vergeben werden, dürfte Jack Fisk aller Wahrscheinlichkeit nach leer ausgehen. Branchenkenner gehen davon aus, dass entweder »Frankenstein« oder »Sinners« für das Beste Szenenbild ausgezeichnet werden.
Ich hatte einmal einen einfallsreichen Redakteur, der dafür Sorge trug, dass ich es mir nicht allzu leicht machte. Beispielsweise schlug ich ihm zum 100. Geburtstag von Jacques Tati einen standesgemäßen Gratulationstext vor. Nein, erwiderte er, ich will von dir einen Artikel über Tatis Einfluss haben. Ahnte er, dass ich ursprünglich nur bei mir selbst abschreiben wollte?
"Zwillingsschwesternhaft" nennt Dietmar Kanthak die Art, wie sich Zoey Deutch in die Rolle der Jean Seberg einfühlt. Allein schon wegen dieses Adjektivs liebe ich seine Kritik zu »Nouvelle Vague«. Der Verstärkung durch „magische Weise“ hätte es da eigentlich gar nicht mehr bedurft, obwohl damit natürlich ein Schlüsselwort über Richard Linklaters Film fällt.
Der Titel dieses bei uns bisher unsichtbaren Films hat mich schon immer fasziniert, in der Sache wie in der Orthographie: "Il faut tuer Birgitt Haas". Das Doppel-t schien mir Ausdruck jener Nonchalance zu sein, die Franzosen gern im Umgang mit fremdsprachlichen Begriffen oder Namen walten lassen – wenn nicht mit Absicht, so doch vielleicht aus einer gewissen Gleichgültigkeit heraus.
Die hiesige Kritik geißelte die Commedia all'italiana sauertöpfisch als Verrat am Neorealismus. Regisseure wie Dino Risi bewiesen hingegen, dass sie tatsächlich dessen bissige, lebenszugewandte Fortsetzung war. Gerhard Midding empfiehlt eine Hommage an den Meister im Filmhaus Nürnberg (ab 29.10.).
Tina Romero, US-amerikanische Regisseurin, Drehbuchautorin und DJ. Die Tochter des Zombiepioniers George A. Romero lebt in Brooklyn und legt als DJ TRx auf. Nach Kurzfilmen und Musikvideos ist »Queens of the Dead« ihr Spielfilmdebüt
Nina Hoss spricht über ihren neuen Film »Die andere Seite«, Einsamkeit und gesellschaftliche Ausgrenzung, ihre Zusammenarbeit mit Cate Blanchett und die Herausforderungen ihres Berufs als Schauspielerin.