Weshalb sollte ich so etwas machen?

Von den kartellrechtliche Bedenken gegen eine Fusion von Netflix und Warner Brothers, die das Weiße Haus im Dezember anmeldete, war lange nichts mehr zu hören. Ungeachtet dessen hat der US-Präsident als Privatmann inzwischen Anteile an beiden Unternehmen erworben, laut Reuters im Wert von etwa zwei Millionen Dollar. Ob das im Sinne seines Intimus Larry Ellison ist, darf man bezweifeln. Die interessantere Frage wäre, welcher Interessenkonflikt schwerer wiegt.

Sie können soll uns heute nicht beschäftigen. Vielmehr geht es um die Interessen des Kinopublikums. Denn in dem Umstand, dass Donald Trump jetzt Netflix-Aktionär ist, entspricht meines Erachtens einer mulmigen Logik. Nun haben sich zwei Leviathane verbunden, von denen der eine die regelbasierte Weltordnung und der andere das Filmgeschäft in die Tiefe reißen will. Beide fügen auch denen Schaden zu, die sie nicht gewählt haben. Hier empfiehl es sich allerdings, eine gewisse Weltuntergangsstimmung durch gut abgehangenen Kulturpessimismus zu ersetzen. Die Programmgestaltung des Streamers hält dazu ja durchaus an.

Dank Matt Damon und Ben Affleck konnte man in diesen Tagen einen neuerlichen Blick in dessen Trickkiste werfen. Während eines Interviews zu ihrer aktuellen Netflix-Produktion „The Rip“ berichteten sie von einer bemerkenswerten Vorgabe, die die Plattform an für sie arbeitende Autoren richtet: Ihre Charaktere sollen den Plot des Films drei-, viermal in den Dialogen rekapitulieren. Es herrscht mithin ein Wiederholungszwang, bereits verrichtete oder geplante Handlungen zu erläutern. Dies geschieht wohl aus Rücksicht auf User, die während des Sehens regelmäßig ihre Smartphones, Tablets etc konsultieren. Sie werden nun fürsorglich auf dem Laufenden gehalten. Anscheinend kalkulieren Ted Sarandos und seine Angestellten (oder sind es gleich die Algorithmen?) damit, dass die Aufmerksamkeitsspanne ihres Publikum der einer Fruchtfliege entspricht. Auch in diesem Punkt sind Parallelen zu dem erratisch agierenden Präsidenten nicht von der Hand zu weisen.

Ein solcher Terror des Expositorischen, bei dem sich die Rede der Figuren insgeheim an das Publikum und nicht an ihr Gegenüber richtet, ist im Fernsehen nicht neu. Man denke nur an Serien wie „Criminal Minds“, wo die wackeren FBI-Profiler ihren KollegInnen fortwährend erklären müssen, was diese aus langjähriger Erfahrung genau wissen. Die DarstellerInnen, die in diesen prosaischen Niederungen zappeln, können einem schon leid tun. Über die etwaige Notwendigkeit, das Publikum auf den aktuellen Stand zu bringen, wurde indes schon diskutiert, als casual viewing noch keine Firmenpolitik und ein Film noch kein schnöder Content war, sondern tatsächlich eine Geschichte erzählte.

Francois Truffaut wirft sie einmal in seinem Gespräch mit Hitchcock auf. In dem Kapitel über „Der unsichtbare Dritte“ will er vom Meister wissen, ob dieser manchmal überflüssige Dialogszenen einbaue - „in der Annahme, dass die Leute sowieso nicht hinhören“? Hitchcocks Gegenfrage, die diesem Eintrag seinen Titel gibt, ist nicht etwa empört, sondern neugierig. Truffaut bietet zwei Begründungen an: als Verschnaufpause zwischen zwei Spannungsmomenten oder als Erklärung der Situation für Leute, die zu spät ins Kino gekommen sind. Letzteres akzeptiert Hitchcock und erzählt, dass schon Griffith nach dem ersten Filmdrittel Zwischentitel einflocht, um die bisherigen Ereignisse zusammenzufassen. Tatsächlich gibt es in „Der unsichtbare Dritte“ eine Szene, in der Leo G. Caroll dem verwirrten Cary Grant die wahren Hintergründe der Spionageaffäre erläutert. Ernest Lehmans Dialoge sind mitnichten expositorisch, sondern listig metaphorisch (Import-Export) und charakternah. Hier klärt eine Figur die andere auf und überrascht zugleich das Publikum. Der Schluss des Dialogs geht im Motorenlärm des auf sie wartenden Flugzeugs unter. Er wäre gewiss zu prosaisch gewesen für ein Publikum, das aufpasst.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt