Kritik zu Hamnet

© Universal Pictures

Mit poetischen Bildern adaptiert Chloé Zhao den gleichnamigen Roman 
von Maggie O’Farrell, der kunstvoll von William Shakespeare und seiner Ehefrau Agnes erzählt, die den Tod ihres Sohnes verarbeiten müssen

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Maggie O’Farrell kennt sich mit dem Tod aus. Die in Nordirland geborene Autorin hat 2017 in ihrem Buch »Ich bin, ich bin, ich bin« 17 Begegnungen mit dem Tod rekonstruiert – darunter eine Gehirnentzündung mit acht und die gruselige Begegnung mit einem späteren Frauenmörder, als sie 18 war. Das Lieblingsstück der 53-jährigen O’Farrell ist William Shakespeares »Hamlet«. Das Drama spielt eine zentrale Rolle in dem 2020 erschienenen Roman »Judith und Hamnet«. O’Farrell erzählt darin von einem Paar in den 1580er Jahren im englischen Stratford und seinen drei Kindern Susanna, Judith und Hamnet. »Der Junge, Hamnet, starb 1596 im Alter von elf Jahren. Etwa vier Jahre später schrieb sein Vater ein Stück namens ›Hamlet‹«, heißt es in einer nüchternen historischen Anmerkung der Autorin.

Chloé Zhao, deren Film »Nomadland« 2021 mit vier Oscars ausgezeichnet wurde, hat den Roman zusammen mit O’Farrell in bravouröse Filmsprache verwandelt. Verwandelt hat sich auch die Struktur der Geschichte: weg von den Zeitsprüngen im Flashback-Modus der literarischen Vorlage, hin zu einer linearen Chronologie. Die emotionale Wucht und Intensität des Romans steigert der rund zweistündige Film auf atemberaubende Weise. Gleichzeitig präsentieren sich die Bilder Zhaos und ihres Kameramanns Łukasz Zal so kunstvoll, dass Oscarnominierungen für Hamnet programmiert scheinen.

William Shakespeare (Paul Mescal), der anders als im Roman nicht namenlos bleibt, ist fasziniert von Agnes – so wurde Shakespeares Frau Anne Hathaway teilweise genannt. Jessie Buckley verkörpert diese Agnes als Frau, die eher in der ungezähmten Natur als in den Konventionen der Gesellschaft verwurzelt ist: »Kind einer Waldhexe«, wie manche in Stratford sagen. Gegensätze ziehen sich an. Die Frau, die einen Falken besitzt und Menschen und die Natur gleichermaßen lesen und deuten kann, und der von seinen Schülern genervte Lateinlehrer finden Gefallen aneinander; er an ihrem unverblümten Ton und unangepassten Wesen, sie an seiner ausgeprägten Beharrlichkeit und kulturellen Kompetenz. Shakespeares sinnliche Reproduktion der Erzählung von Orpheus und Eurydike hat eine aphrodisierende Wirkung auf Agnes. Gegen alle Widerstände ihrer Familien werden die beiden ein Ehepaar, Susanna kommt zur Welt, die Zwillinge Judith und Hamnet (der Name war im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert in Stratford austauschbar mit Hamlet) werden geboren.

Dann, Ende des 16. Jahrhunderts, wütet die Pest in England. Hamnet stirbt, und sein Tod droht die Familie zu zerreißen. Umso mehr, als Shakespeare selten zu Hause ist. Hamnet ist auch die Geschichte eines abwesenden Vaters, der in London Erfolge im Theater feiert und seine größte Leidenschaft, das Schreiben, auslebt. Mescals Shakespeare wohnt eine gespaltene Persönlichkeit inne. Die liebevolle Zugewandtheit des Familienvaters befindet sich immer wieder im Widerstreit mit der skrupellosen Selbstbezogenheit, der fiebrigen Besessenheit eines literarischen Genies. Seine Frau spricht von einem besonderen Ort in seinem Kopf. Hier wohnt Williams schriftstellerische Fantasie. »Ein ganzer Kontinent ist da drin, eine Landschaft. Du bist an diesen Ort gegangen, und jetzt ist er wirklicher für dich als alles andere. Nichts kann dich von ihm fernhalten. Nicht einmal der Tod deines eigenen Kindes.« Doch auch Mescals Shakespeare ist ein Versehrter. Sein kurz vor dem Selbstmord haltmachendes Leid fließt in große Kunst ein: in die Tragödie Hamlet. Die Aufführung des Stücks in London prägt das Finale des Films.

Agnes, die in Stratford mit Tod und Trauer weitgehend allein fertigwerden muss, nimmt die zentrale Position des Films ein. Buckley spielt sie als entfernte Verwandte von Francis McDormands Fern in »Nomadland«. Auch Agnes ist eine Frau, die einem inneren Kompass zu folgen scheint. Eine Hausgeburt findet für sie im Wald statt. Dieser geborenen Außenseiterin nahezukommen, ist der Welt um sie herum nur punktuell möglich. Buckley geht an die Grenzen des Darstellbaren und erschafft eine Kinofigur für die Ewigkeit. Mit purer Willenskraft will Agnes Judith und Hamnet, die beide an der Pest erkranken, ans Leben binden. »Alles vergeblich«, bemerkt Shakespeares Mutter Mary (Emily Watson) resigniert. »Denn was man hat, wird einem genommen, jeden Augenblick. Grausamkeit und Verheerung lauern gleich um die Ecke, in der Truhe, hinter der Tür.« Die Kunst bestehe darin, nie zu vergessen, dass Kinder »vielleicht von einer Sekunde auf die andere weg sind, einem entrissen werden, fortgetragen wie eine Feder.« Buckley beglaubigt in einer darstellerischen Tour de Force, was diese Worte im schlimmsten Fall bedeuten. Nach Hamnets Tod wirkt sie, wie im Roman beschrieben, unwiederbringlich verloren, sie taumelt durch ein Leben, das nicht wiederzuerkennen ist, treibt haltlos dahin.

Schauspielerisch auf Augenhöhe begegnet ihr Emily Watson als vom Schicksal ebenfalls nicht verschonte Mary; Jacobi Jupe als Hamnet, in dessen von der Pest verwüstetem kindlichen Körper ein wissender, angsterfüllter 100-Jähriger zu stecken scheint; Noah Jupe als charismatischer Bühnen-Hamlet, der die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Theater aufzuheben scheint und dem toten Hamnet mit den Mitteln der Kunst eine neue Existenz schenkt.

Das fabelhafte Ensemble bewegt sich in einem erlesenen Rahmen. Zhao malt Tableaus im Stile alter niederländischer Meister, spielt virtuos mit Licht und Schatten sowie unterschiedlichen Perspektiven. Leere Zimmer und Betten spiegeln Abwesenheit und tödliche Krankheit, der Eingang einer dunklen Höhle verweist ebenso symbolhaft auf verlöschendes Lebenslicht wie die jenseitige Düsternis in den Räumen. Nahaufnahmen vermitteln Intimität, Liebe, Zorn, Eifersucht und Traumata. Zals Kamera erlaubt dem Publikum aber auch häufig den distanzierten Blick von oben. »Hamnet« wendet sich mit maximaler Wirkung an Herz und Hirn. Abgesehen von Max Richters nicht immer nötiger musikalischer Untermalung funktioniert das auf magische und makellose Weise. Mit einem Wort: Kinomeisterwerk.

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