Ein falsches und ein richtiges Jubiläum

Im letzten Monat hatte ich eine überaus erfreuliche Begegnung mit einer Filmhistorikerin, deren Gründlichkeit mich unlängst um einen Auftrag gebracht hatte. Die Umstände dieser Verhinderung waren womöglich interessanter, als es der Text geworden wäre. Was wiederum zum Thema passte, denn es ging um einen Film, den der Regisseur weit weniger spannend fand als dessen ziemlich turbulente Dreharbeiten.

Beginnen wir mit dem Auftrag. Eine Redakteurin fragte an, ob ich ein Stück zum 100. Jahrestag der Premiere von Alfred Hitchcocks Regiedebüt „The Pleasure Garden“ (Der Garten der Lust/ Irrgarten der Leidenschaft) schreiben wolle. Es gäbe da einen doppelten Deutschland-Bezug, weil ein Teil der Dreharbeiten und eben jene Premiere in München stattgefunden hätten. Ich zögerte nicht, denn zufälligerweise hatte ich ihn einige Monate zuvor zum ersten Mal gesehen. Als Erscheinungsdatum war der 3. November geplant, an dem sich die Uraufführung jährte. Ich schaute „The Pleasure Garden“ noch einmal an, der zwar ein wüstes Melodram um zwei Showgirls und ihre Liebhaber ist, aber von seiner ersten Einstellung an zahlreiche vertraute Hitchcock-Motive versammelt: den Voyeurismus, die Duplizität der menschlichen Natur, die Verknüpfung von Wahn. Gewalt und Schuld. Bei all dem ist er auch ein Reisefilm, der von London über Italien schließlich in irgendwelche Tropen führt und bereits Hitch' Hang zum filmischen Tourismus offenbart, der die Schauwerte der Drehorte maximal nutzt. Er verrät aber auch sein Talent, das Bildkader mit existenzieller Spannung und erotischen Konflikten aufzuladen. Die Montage, Perspektivenwechsel und Überblendungen sind gekonnt. Man spürt, dass der junge Mann im Regiestuhl seiner Sache sicher ist.

Ich las mich ein. Hitch' Bericht von den Dreharbeiten im Interviewbuch mit Truffaut ist noch immer mitreißend: eine Kaskade von Missgeschicken, verpassten Zügen, kapriziösen Stars, Strafzöllen (also recht aktuell, dachte ich, das wird die Redakteurin freuen) und chronischem Geldmangel. Er genießt es, seine Erzählung zu dramatisieren („Der Suspense wird unerträglich.“) und seinen Zuhörer bei Laune zu halten. In den einschlägigen Hitchcock-Monographien wird sein Debüt eher pflichtschuldig abgehandelt, als gelungene Visitenkarte, die spätere Brillanz erahnen lässt. Da meine Redakteurin gern aktuelle Stimmen zu „The Pleasure Garden“ zitiert sehen wollte, nahm ich mit dem versierten Stummfilmmusiker Stephan Graf von Bothmer (www.stummfilmkonzerte.de) auf. Er hatte unlängst in meiner Nachbarschaft in Schöneberg Hitchcocks frühe englische Filme begleitet – und es stellte sich heraus, dass er kurz zuvor dessen Debüt bei den Hitchcock Days in Eutin (die noch einmal ein eigenes Blogthema wert wären) vertont hatte. Dank seiner Expertise wurde er zum eigentlichen Helden meiner Recherche.

Hier einige Zitate aus seinen Antworten auf meine Fragen.

Zunächst ganz allgemein: „Hitchcock scheint aus den Bildern heraus zu denken. Manchmal nimmt er sich für etwas überraschend viel Zeit, das die Handlung eigentlich gar nicht voran bringt, aber einen Charakter darstellt, und selbst wenn es nur eine Nebenfigur ist.“

Dann hebt er einen Aspekt hervor, der mir in dieser Tragweite nicht so bewusst war: „Für die Musik ist seine Ironie oft eine Herausforderung. Denn wenn die Musik die Sache ins Lächerliche zieht, ist es nicht nur zu stark, sondern funktioniert oft gar nicht. Ich mache es dann manchmal so, dass die Musik die Sache sehr ernst nimmt und etwas übertreibt, sodass die Ironie erst im Kopf des Zuschauers entsteht.“

Schließlich bezieht er sich konkret auf den Schlussteil von „The Pleasure Garden“ in den Tropen:„Sehr stark ist die Szene, in der die junge Frau ins Wasser geht, um sich umzubringen. Der Mann kommt eilig hinzu, um sie zu retten, wie man denkt. Dann drückt er sie aber unters Wasser und ertränkt sie. Eine intensive, schockierende Szene, die Hitchcocks Virtuosität im Umgang mit Erwartungen und Überraschung zeigt. Hier ist es extrem wichtig, dass die Musik nichts verrät. Sie muss aber, fast ohne merkbaren Bruch, von der Dramatik des Ertrinken in die Dramatik des Ertränkens übergehen. Dieses Spiel, für die Musik eine Ebene zu suchen, die zwei Einstellungen verbindet, wie hier Ertrinken und Ertränken, ist bei Hitchcock extrem wichtig. Sonst fällt einem der Film auseinander, wie eine Aneinanderreihung von Momenten. Oder der Aufbau der Erwartung klappt nicht, weil die Musik entweder zu viel verrät oder die Sache nicht erst nimmt. Ich denke, das ist auch der Grund, warum Hitchcock immer ein Problem mit der Musik hatte.“ Franz Waxman, Bernard Herrmann und andere würden ihm in diesem Punkt gewiss zustimmen.

Ich war also gerüstet für meinen Text. Am Abend vor der Abgabe las ich schließlich einige zeitgenössische Artikel zu „The Pleasure Garden“ aus den Jahren 1925 und 1926, die ich in dem Band „Obsessionen - Die Alptraum-Fabrik des Alfred Hitchcock“ fand, den Sabine Lenk 2000 im Schüren Verlag veröffentlicht hat. Sie ist die Historikerin, die ich eingangs erwähnte. Bei der Lektüre fielen mir etliche Ungereimtheiten auf. Einige der Texte waren Drehberichte aus den Studios in Geiselgasteig, wo die Innenszenen entstanden. Andere gaben sich als Kritiken zu erkennen, beschrieben jedoch Szenen, die im fertigen Film gar nicht vorkamen. Sie beruhten offenbar auf der bloßen Kenntnis des Drehbuchs. Tatsächlich nahmen Hitchcock und vor allem seine Frau Alma Reville zahlreiche Veränderungen beim Schnitt vor, um den Erzählfluss zu dynamisieren. Darüber hinaus schienen mir einige Datumsangaben zweifelhaft, insbesondere der Premiere. Denn wirkliche Kritiken erschienen erst ab dem 9. Januar 1926. Die Filmographie am Ende des Buches schaffte hier Klarheit. Der stets tradierte Premierentermin am 3. November bezog sich lediglich auf die Zensurfreigabe in München (später folgte eine weitere in Berlin). Die tatsächliche Premiere von „The Pleasure Garden“ fand heute vor 100 Jahren in Berlin statt.

Am Morgen danach rief ich die Redakteurin an und schilderte ihr mein Dilemma. Sie hatte das Jubiläumsdatum einer einschlägigen Liste von dpa entnommen. Die ist normalerweise bestimmt nützlich. Aber worauf bezog sie sich in diesem Fall? Ich vermutete, auf den Wikipedia-Eintrag zum Film. Dessen einzige Quelle war jedoch die IMDb, die nicht wirklich zuverlässig ist, wenn es um außeramerikanische Geschehnisse in der Filmgeschichte geht. Wir vertagten unser Vorhaben, mussten es dann aber aus Termingründen aufgeben. Inzwischen wurde das allgemein anerkannte Jubiläum begangen. Selbstgewisse Hitchcock-Experten gaben dazu Auskunft im Radio und auch anderswo wurde die Legende gedruckt. Es war einer jener Fälle, in denen einer vom anderen abschreibt. Für mich war die Begegnung mit der Historikerin eine lehrreiche Erfahrung, denn sie hatte etwas getan, was im journalistischen Alltag selten vorkommt: Sie hatte tatsächlich die Quellen studiert. 

 

 

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