Aus olympischen Höhen

Als Donald Trump im Oktober letzten Jahres den Ostflügel des Weißen Hauses abreißen ließ, fiel der Abrissbirne auch der legendäre Kinosaal zum Opfer. Er wurde auf Geheiß von Franklin D. Roosevelt errichtet und gehört nun zu den zahlreichen Errungenschaften seiner Präsidentschaft, die der amerikanischen Rechten seither ein Dorn im Auge waren und von seinen republikanischen Nachfolgern regelmäßig beseitigt wurden.

Der Kinosaal hat eine bewegte Geschichte, in der sich präsidiale Vorlieben, Zeitgeschichte und parteipolitische Reflexe spiegeln. Sie ist gut aufgearbeitet, wie Sie diesem Panoramablick in »Indiewire« entnehmen können. Mich interessierte hier eine Vorführung besonders, bei der sich Roosevelt »The Emperor Jones« mit Paul Robeson vorführen ließ. Dieser Präsident besaß bekanntlich ein ausgeprägtes Gespür für die auch politische Strahlkraft des Mediums; in den 1930ern gelang es ihm, Studios wie Warner Brothers als Unterstützer seines New Deal einzuspannen. Roosevelts Beziehung zur Bürgerrechtsbewegung, die damals wahrscheinlich noch gar nicht so hieß, war komplex (auch widersprüchlich, wie in mehreren ausführlich gelehrten Aufsätzen zu erfahren ist, zu denen mir die Links gnädig abhandengekommen sind). Dass er sich für die Verfilmung von Eugene O'Neills Bühnenstück, das man als Warnung vor der Autokratie und Allmachtsphantasien lesen kann, interessierte, liegt nahe. Max Reinhardt hatte es bereits in der Abenddämmerung der Weimarer Republik in Berlin herausgebracht, 1930 trat Robeson im Deutschen Künstlertheater auf. Dass Roosevelt sich für seine Darstellung im Film interessierte, verrät einen untrüglichen Instinkt.

Robeson machte als Sänger, Theater- und Filmschauspieler eine phänomenale Karriere. In »The Emperor Jones« und »Show Boat« avancierte er zum Bühnenstar, sein Othello hatte die längste Laufzeit eines Shakespeare-Stücks überhaupt am Broadway. »A black man played with a white supporting cast«, bemerkte er stolz in einem Interview. Sein Bassbariton ging um die Welt, er wurde gefeiert als der beste, charismatischste Sänger seiner Zeit. Jerome Kern schrieb ihm »Ol' Man River« auf den Leib. Nachdem er 1925 zum ersten Mal in einem Stummfilm auftrat (in »Body and Soul« unter der Regie von Oscar Micheaux), wurde er zum ersten schwarzen Filmstar in den USA und später in Großbritannien. Er war eine Instanz, eine Verkörperung gesellschaftlichen Fortschritts. Roosevelt tat gut daran, sich mit seinem Ruhm zu verbinden.

Eine Ausstellung in der Akademie der Künste in Berlin feiert diese Ausnahmegestalt nun in all ihrer Vielgestaltigkeit. Seine Frau, die Anthropologin und Bürgerrechtlerin Eslanda Goode Robeson, steht gleichberechtigt in ihrem Fokus. »Every artist must take sides« läuft noch bis zum 25.1.; am Abschlusswochenende steht ein hochkarätig besetztes Fest mit Diskussionen, Performances und Gesangsdarbietungen auf dem Programm.

Die Ausstellung geht wesentlich auf Exponate aus dem Paul-Robeson-Archiv zurück, das vor 60 Jahren in der Osterberliner Akademie angelegt wurde. Der Sänger war als Repräsentant eines „anderen Amerika“ in der DDR ein gern gesehener Gast. Dort wurden seine runden Geburtstage gefeiert, mit oder ohne ihn, und Straßen sowie Schulen nach ihm benannt. Die Ausstellung hat zwei Stränge. Zum einen sind es Stationen, die historische Wegmarken und bestimmte Aspekte in Schrift, Bild und Ton dokumentieren. Die „Resonanzen“ im Untertitel der Schau sind vielgestaltige künstlerische Reflexion über Themen und Motive, die vom Freiheitskampf des Paares inspiriert sind. Die Besucherinnen und Besucher dürfen sich auf zwei Tempi einstellen, den Wechsel zwischen Information und Kontemplation.

Wenn Sie nicht in Berlin sein sollten, empfehle ich Ihnen, bei der der Akademie das zweisprachige Büchlein zu bestellen, das derzeit noch kostenlos am Entree der Schau ausliegt. Es ist leidenschaftlich informativ; unter anderen hat eine Enkeltochter des Paares einen Beitrag veröffentlicht. Der Ausstellungstitel ist mir als Bekenntnis sympathisch, als Oktroy nicht. Er zitiert eine zentrale Aussage Paul Robesons und besiegelt, dass hier der politische Aktivist im Vordergrund steht. Ein Künstler, meinte er, solle nicht aus olympischer Höhe hinabsteigen, sondern sich mit Konflikten, Unterdrückung, Rassismus, menschlichem Leid allgemein, auf solidarischer Augenhöhe auseinandersetzen. Ein anderer Leitsatz von ihm geht mir seither ebenfalls durch den Kopf:  "You can't change history, but you can own it." 

Die Robesons erscheinen in der Schau als Weltbürger, die immer dann zur Stelle waren, wenn ihre Stimme gebraucht wurden, etwa 1937 in Spanien, um im Bürgerkrieg die Sache der Republikaner (nicht die amerikanischen, sondern die Antifaschisten) zu unterstützen und der „Abraham Lincoln Brigade“ zu salutieren, die sich aus weißen und schwarzen Landsleuten rekrutierte. Zu diesem umfassenden Mandat gehörte ebenfalls das Engagement bei Arbeitskämpfen und in der pan-afrikanischen Befreiungsbewegung. Ihr Wort und ihre Präsenz hatten immenses Gewicht. Wenn ich ein paar Zeilen zuvor von ihrem Zur-Stelle-Sein sprach, ist es doch komplizierter. In den 1950ern zog die US-Regierung ihre Pässe ein. Dieses Reiseverbot parierten die Robesons mit bewundernswertem Einfallsreichtum. Da Paul nicht in Kanada auftreten konnte, tat er es unmittelbar an der Grenze - so nahe, dass die zu Tausenden angereisten Minenarbeiter auf der anderen Seite seinen Gesang hören konnten. Ein Engagement in London absolvierte er per Telefon, nach Ost-Berlin schickte er eine Filmaufnahme mit seinem Liederprogramm. Listig nutzten sie die Kommunikationsmedien, die ihnen zu Gebot standen, ganz auf der Höhe der Zeit. Das Bündnis, das Robeson und sein weltweites Publikum schlossen, ist eine bewegende Liebesgeschichte. Man darf sich die Robesons als Exilanten im eigenen Land vorstellen. Wie die militante Rechte beim Pauls Konzerten in den USA Aufruhr stiftete, erwähne ich im Eintrag „Alternative Lügen“ vom 13. März 2024.

Er konnte freilich auch so vage und unbestimmt agieren, wie es geschickte Diplomaten tun. Von ihm ist kein öffentliches, kritisches Wort über die Sowjetunion überliefert, die er 1934 auf Einladung von Sergej Eisenstein erstmals besuchte. War es Opportunismus, dass er über Stalins Terror und dessen virulenten Antisemitismus schwieg? Ich vermute, er hielt einfach immer noch an die Ideale, die er einzig im Sozialismus realisierbar glaubte. Dass er sich von der DDR vereinnahmen ließ, wird durchaus thematisiert; es geschah womöglich weniger aus Naivität denn aus pragmatischer Überlegung. Erstaunlich immerhin, wie er auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin jenes andere Amerika definierte: Es beruhte auf den Traditionen, die Frederick Douglass, Harriert Tubman und andere Abolitionisten begründeten. John F. Kennedy nahm er ausdrücklich davon aus. Hingegen zitierte er Roosevelt, der während des Zweiten Weltkriegs betonte, dass die Zivilisation auch an den Ufern der Wolga verteidigt würde. Sein Stimme klingt dabei so tief, samtig, klar, warm, auffrecht und weise, dass man den ideologischen Spagat beinahe vergisst, den oft beging.

Der Prüfstein, den man an jede Robeson-Ausstellung nach meiner Ansicht anlegen muss, ist die Art und Weise, wie sie mit „Ol' Man River“ umgeht. In den USA, London und anderswo gab es stehende Ovationen, wenn er den Song bei Aufführungen von „Showboat“ sang. Er war sein Markenzeichen, mit dem er haderte. Im Lauf der Jahrzehnte veränderte er die Lyrics von Oscar Hammerstein II immer radikaler, bis aus dem Klagelied endgültig ein Protestsong wurde. Die Berliner Schau geht enttäuschend knapp darauf ein. Der Song erklingt in dem Musikfilm, den er für die DDR produzierte. Bei der Einführung kündigt er „the wonderful melody by Jerome Kern“ an, erwähnt den Textdichter jedoch nicht.

Auch Robesons Filmarbeit hätte entschieden mehr Raum in der Ausstellung verdient. Man kann nachvollziehen, weshalb: Die meisten seiner elf Filmauftritte dienen auf Anhieb nicht als antikolonialistische Argumentationsstütze. Häufig sind sie den rassistischen Klischees ihrer Zeit verpflichtet und sparen das N-Wort nicht aus. Dieser Blick greift meines Erachtens zu kurz. Robeson trat nicht nur in Mainstreamfilmen auf (in denen sich das schwarze Publikum durchaus mit ihm identifizieren konnte), sondern auch in Arbeiten der Avantgarde. Dudley Murphy, der Regisseur von „The Emperor Jones“, hatte zuvor „Ballet Méchanique“ mit Fernand Léger realisiert. Zumal in England, wo die Robesons in den 30ern lange wohnten, hielt das Paar regen Austausch mit den großen Intellektuellen ihrer Zeit. In Kenneth McPhersons faszinierend unaufgeräumtem Stummfilm „Borderline“ tritt 1930 Eslanda an Pauls Seite auf. „The Proud Valley“ von 1940 ist ein Meilenstein des „integrierten“ Kinos, Robeson ist fabelhaft als afro-amerikanischer Seemann, der sich in Wales den Minenarbeitern anschließt.

Die Criterion Collection pflegt sein filmisches Erbe in einer exquisiten Ausgabe seines Werks; James Whales' Verfilmung von „Showboat“ liegt in einer separaten Ausgabe vor, zu deren Bonusmaterial der oscargekrönte Dokumentarfilm „Tribute to an artist“ von 1979 gehört, der von Sidney Poitier erzählt wird und dem dieser Eintrag viele Erkenntnisse verdammt. Ich denke, einiges gibt es auch auf Youtube.com; die Bildqualität von „The Emperor Jones“ jedenfalls ist einigermaßen hinreichend. In Robesons Filmen können Sie entdecken, dass dieser Darsteller noch eine ganz andere Geschichte erzählt als die Drehbücher. Sein Antlitz besitzt jene Anmut, die in einer Offenheit des Blicks gründet. Und nicht nur seine massive physische Präsenz – vor seiner Künstlerlaufbahn war er ein erfolgreicher Footballspieler – trägt zu seiner Leinwandautorität bei. Sein Charisma lässt ihn auch in Nebenrollen zum Blickfang werden. Eigentlich sind das gar nicht so viele, und wenn, dann werden sie durch ihn tragend. Oft nimmt ihn die Kamera in Untersicht auf, um einen Helden und Propheten zu entdecken. Vielleicht doch in olympischer Höhe. Sein Blick geht in die Ferne, ein Visionär, der in die Zukunft schaut - nicht immer zuversichtlich, aber voll unbändiger Kraft.

 

 

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt