Es gibt immer einen zweiten Mord
Bei strengen Literaturkritikern hatte sie hier zu Lande keinen leichten Stand. Das mag nicht zuletzt an der hiesigen Begeisterung für Raymond Chandler gelegen haben, der bekanntlich nicht nur selbst brillante Krimis, sondern auch mit kennerischer Schärfe über die Arbeit der Konkurrenz schrieb. Die von Agatha Christie ertrug er partout nicht.
Er unternahm dennoch sporadisch den Versuch. Von „And then there were none“ fand er allenfalls die erste Hälfte unterhaltsam, dass dieser als „der schlechthin vollkommene Kriminalroman“ gepriesen wurde, fuchste ihn allerdings enorm. Sein vernichtendes Urteil war nicht reiner Misogynie geschuldet, er bewunderte zum Beispiel Elisabth Holding für ihre Charaktere und die Spannung; auch an einigen Romanen von Josephine Tey hatte er „ungeteilte Freude“ und spekulierte gleich über die Frage, warum Frauen so etwas besser hinkriegen als Männer? Weil sie geduldiger und aufmerksamer sind, vermutete er. Warum bloß vermisst er diese Tugenden bei der Krimi-Königin, die übrigens die Bestseller-Autorin schlechthin ist mit angeblich rund zwei Milliarden verkauften Büchern?
Eine vergleichbare Zurückhaltung herrschte ebenfalls bei der hiesigen Filmkritik. Auch hier fungierte ein Ausschlussprinzip, das man der Hitchcock-Begeisterung anlasten könnte: Wer in den höheren Weihen des Suspense schwelgt. tummelt sich nur ungern in die Niederungen des Whodunit. Gleichviel, unter den rund 200 Titeln, welche die IMDb unter ihrem Namen auflistet (nicht nur Kino- und Fernsehfilme sowie Serien, sondern in letzter Zeit auch häufiger Videospiele und Podcasts) befinden sich schon einige Meisterwerke. „Zeugin der Anklage“ schätzte Dame Agatha selbst (da kann man ihr nicht widersprechen) und an „Mord im Orientexpress“ störte sie eigentlich nur der Schnurrbart, den Albert Finney als Hercule Poirot trägt (im Prinzip kann man ihr auch da nicht widersprechen, wobei ich meine eigenen Einwände gegen dessen Darstellung hege). Ein Dauerbrenner im Kino ist sie allemal, im Fernsehen sowieso.
Ihren 50. Todestag hätte ich eigentlich schon gestern begehen müssen. Aber nach einer strapaziöse Bahnfahrt (freilich waren die Schneeverwehungen nicht so fatal waren wie beim Orientexpress) hatte ich nur noch genug Elan, mir zwei Verfilmungen – nicht von ungefähr Adaptionen von „And then there were none“ - anzuschauen und keinen mehr zum schreiben. Eine eintägige Verspätung müsste in Anbetracht von fünfzig Jahren vielleicht nicht ganz so ins Gewicht fallen. Jedoch hält uns diese Autorin zur Unverzüglichkeit an. Einer meiner Lieblingssätze, eine Perle deutschen Synchronhandwerks, unterstreicht dies in„Tod auf dem Nil“, als David Niven mit einem geistesgegenwärtigigen Säbel in Peter Ustinovs Kabine stürmt und eine heimtückisch platzierte Giftschlange aufspießt. „Ich muss Ihnen danken für die pünktliche Hilfsaktion“, lautet die Replik des Geretteten, der in Windeseile zu Contenance und Manieren zurückfindet.
Es trifft sich, dass das Filmarchiv Austria gerade der „Queen of Crime“ eine zehnteilige Hommage ausrichtet - mit zumeist bekannten Titeln, aber auch ein, zwei reizvollen Ausgrabungen. Dabei lässt sich das filmische Erzählsystem Christie ziemlich gut studieren. Es beruht auf der Addition (der Vorstellung, meist Ankunft eines illustren Figurenensembles) und Subtraktion (nicht alle werden überleben). René Clairs Version von „And then there were none“ verkörpert es mustergültig, schon die Überfahrt zur entlegenen Insel, wo die Kamera die Stafette von einem Verdächtigen/Mordopfer zum anderen weiterreicht, ist sublim. 1945 war das die erste Adaption von Rang und im Übrigen eine gute Idee, einen Komödienspezialisten als Regisseur zu verpflichten. Peter Collinsons Version, drei Jahrzehnte später entstanden und die Idee des All-Star-Casts von „Orientexpress“ abkupfernd , ist erheblich grimmiger, spielt an einem bizarren Wüstenschauplatz und hat dank Stéphane Audran mehr Sex-Appeal (Elke Sommer und Oliver Reed sind indes auch kein schlechtes Gespann).Dieser Stoff, dessen Originaltitel noch das N-Wort enthielt, ist einer der großen Dauerbrenner. Ohnehin gehen die Vorlage gern in Serie, Miss Marple ist mit Margaret Rutherford & Angela Lansbury gut vertreten, Hercule Poirot wiederum mit Finney und Ustinov.
Kurioserweise ist auch dessen letzter Auftritt als belgischer Meisterdetektiv in „Appointment with Death“ von 1988 zu sehen. Man versteht, trotz der wackeren, von Lauren Bacall gebieterisch angeführten Besetzung, dass der ursprüngliche Drehbuchautor Anthony Shaffer das Resultat „dreadful“ schimpfte. Er hat die ersten Ustinov/Poirot-Filme verfasst und stellt als Szenarist von „Frenzy“ ein unverhofftes Bindeglied zum Hitchcock-Universum dar. Ende der 80er war die inzwischen malade Reihe schon in die Hände der Cannon-Group geraten, die in dieser Zeit zahlreichen Franchises („Superman“, „Ein Mann sieht rot“) den Todesstoß versetzte. Aus der Golan-Globus-Schmiede stammt freilich auch „Ordeal by Innocence“, der auf einer faszinierenden Prämisse beruht: Der Polarforscher Donald Sutherland sucht mit einigen Jahren Verspätung die Familie eines Gehängten auf und muss feststellen, dass er ihm ein Alibi hätte geben können. Wiederum ein Berührungspunkt zu Hitchcock: die Übertragung der Schuld. Billy Williams hat das Ganze stimmungsvoll photographiert, die Montage ist ziemlich verrückt und Dave Brubeck steuert einen hübsch unpassenden Jazz-Score bei. Auch die Partitur zu „Appointment“ irrlichtert übrigens gewaltig.
An der Filmreihe gefällt mir, dass sie Christie dem Klammergriff des Fernsehens entreißt. Wobei ich mitnichten etwas gegen Davis Suchet gesagt haben will, dem es gelungen ist, wirklich jedes Poirot-Abenteuer beim Sender ITV durchzusetzen verstand und sich die Figur mit geradezu wissenschaftlicher Ehrfurcht zu eigen macht. (Er wäre mal ein eigenes, einigermaßen zeitloses Thema – die Reihe läuft ohne Unterlass auf One -, zumal er auch ein treffliches Buch über seine Poirot-Werdung verfasst hat.) Kenneth Branaghs großspurige Annäherungen an die Rolle spart das Filmarchiv wohlweislich aus – er begreift allenfalls die Eitelkeit Poirots, nicht aber seine Schroffheit; das einschmeichelnde Augenzwinkern bei seinem ersten Auftritt in „Orienrexpress“ besiegelt dieses Missverständnis bereits, und seitdem sentimentalisiert er ihn zusehends. Im Gegenzug bedauere ich sehr, dass eine formidable Verfilmung aus jüngerer Zeit fehlt, der Solitär „Das krumme Haus“, den Julian Fellowes espritvoll pragmatisch adaptiert hat. Das Original war Dame Agathas Lieblingsbuch, es weist eine der verblüffendsten und schockierendsten Auflösungen der Genregeschichte auf und kann in dieser Hinsicht sehr wohl mit „Roger Ackroyd“ und „Orientrexpress“ konkurrieren. Die Kriminalintrige kommt archetypisch behaglich daher, in geduldigem Zeitmaß. Bei Christie werden Morde vorzugsweise noch aus altmodischen Beweggründen wie Gier, Eifersucht, Rache oder verletzter Ehre begangen und nicht etwa so verfänglichen wie Kindesmissbrauch. Aber rasch schlägt das wohltemperierte Ambiente in ein wahres Treibhaus der Leidenschaften um. So bezieht sich das „crooked“ des Originaltitels weniger auf die Bauweise des stolzen Anwesens, als auf seine unehrlichen Bewohner. Hier leidet zwar niemand ernsthaft unter Geldnot, aber an Motiven mangelt es nicht. Was führt etwa die Matriarchin Lady Edith (Glenn Close) im Schilde, die sich bei der Jagd auf Maulwürfe als Meisterschützin zeigt („Ich könnte sie auch vergiften, aber die Schrotflinte drückt meine Gefühle viel besser aus“)? An die Stelle der bewährten Ermittler tritt diesmal eine scharfsinnige Zwölfjährige, die einen Privatdetektiv keck belehrt, dass es immer noch einen zweiten Mord gibt.
Im statistischen Mittel von Christies Werk ist dies eine eher konservative Schätzung. In der Regel werden erheblich mehr Verdächtige eliminiert. Es geht bei ihr mithin nicht nur um Denksportmorde, sondern menschliche Abgründe. In „And then there were none“ werden die Verdächtigen selbst zu Detektiven, um der eigenen Ermordung zuvor zu kommen. Unsere Identifikation mit ihnen hat einen existenziellen philosophischen Aspekt. Nicht von ungefähr werden die Verfilmungen ständig im Fernsehen wiederholt, aktuell gerade erst am Wochenende, obwohl wir die Auflösung längst kennen. Das eigentliche Faszinosum ist das Prozedere der Ermittlungen, die sich in gemächlicher Dringlichkeit vollziehen. Bei Poirot nimmt die Inszenierung der Mordaufklärungen gern ein Drittel oder doch zumindest ein Viertel der Laufzeit ein. Gewiss, die Exotik der Schauplätze spielt auch ihre zuverlässige Rolle: als Abglanz des Empire. Florian Widegger schreibt im Programmheft des Filmarchiv von einem „System, das sich in Auflösung befindet“. Sidney Lumet hatte einen einfachere Erklärung für den Erfolg von „Mord im Orientexpress“: Nostalgie.






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