Carey Mulligan: Was verbirgt diese Frau?

Was verbirgt diese Frau?
»Promising Young Woman« (2020). © Merie Weismiller Wallace / Focus Features

»Promising Young Woman« (2020). © Merie Weismiller Wallace / Focus Features

Sie hat etwas Mädchenhaftes, vor allem in den vielen Kostümfilmen, in denen sie aufgetreten ist. Aber Carey Mulligan kann Härte zeigen – wie aktuell in »Promising Young Woman«

Im Jahr 2009 konnte man in Lone Scherfigs »An Education« dabei zuschauen, wie aus der 16-jährigen Jenny eine glamouröse, junge Dame wurde – und aus der damals 24-jährigen Carey Mulligan ein veritabler Filmstar. Am Anfang des Films, der in den sechziger Jahren in London spielt, wirkt sie geradezu unscheinbar, einzige Tochter in einem biederen Elternhaus und strebsame Schülerin in einer braven Schule. Doch dann, ausgelöst durch die Begegnung mit einem älteren Playboy im glänzend polierten, schnittigen Bristol-Sportwagen, beginnt sie, an Farbe zu gewinnen, von innen heraus zu glühen; ihre Augen bekommen Glanz, statt mädchenhaft zu lachen, lächelt sie amüsiert. Eine ältere Freundin ihres Bewunderers hilft ihr, sich auf die Einführung in die mondäne Gesellschaft der Upper Tenthousand vorzubereiten, für die Tribüne der Pferderennen, für Jazzbars, Theaterlogen, Auktionshäuser, Luxusrestaurants und Landhotels. Die Mischung aus Verliebtheit, kultureller Anregung und modischer Beratung lässt Jenny erblühen.

Peter Sarsgaard spielt den Prinzen, der aus dem Schulmädchen eine Prinzessin macht, was durch das Setting im Europa der Sechziger sofort einen gewissen Audrey-Hepburn-Appeal hat. In ähnlicher Weise wie diese im Paris von »Funny Face« und in den Kleidern von Givenchy, erstrahlte auch Carey Mulligan in einer betörenden Mischung aus mädchenhafter Natürlichkeit und mondäner Eleganz. (Wobei es heute deutlich schwerer ist, unbefangen dabei zuzuschauen, wie ein Mann Ende dreißig eine 16-jährige Schülerin verführt.) Zugleich macht Mulligan den besonderen Reiz spürbar, der von der ungebremsten Begeisterungsfähigkeit eines jungen Menschen ausgeht, von der überbordenden Neugier auf das Leben und die Kultur. Während sie sich zur weltgewandten Erwachsenen wandelte, betörte sie zugleich durch entwaffnende Unschuld. Sie verdiente sich mit dem Film, mit dessen großem Erfolg niemand gerechnet hatte, erste Nominierungen für Golden Globe und Oscar. Und so klar, wie Jenny in »An Education« sich vom falschen, oberflächlichen Leben abwendet, so desinteressiert ist Mulligan als Schauspielerin am Glamour einer Hollywoodkarriere: »Ich habe kein Interesse daran, heldenhafte Frauen zu spielen, die sich an einem guten Tag in bestem Licht zeigen«, sagte sie im »SAG Conversations at home«-Interview. »Es ist viel wichtiger, dass wir uns alle Möglichkeiten anschauen, in denen wir versagen können, sei es als Mutter, als Tochter, als Freundin, all unsere Kämpfe und Fehler.« Lässt man ihre Filmografie vorüberziehen, dann geht es in allen Geschichten auf die eine oder andere Weise darum, Widerstände zu überwinden, und fast immer haben die persönlichen Kämpfe eine gesellschaftliche oder politische Relevanz.

»An Education« (2009). © Sony Pictures

Geboren wurde Carey Mulligan 1985 in London. Da ihr Vater Manager einer englischen Hotelkette war, wuchs sie zunächst ähnlich wie die Kinderbuchheldin Eloise in luxuriösen Hotels auf. Ihre unbedingte Leidenschaft fürs Spielen entdeckte sie in frühester Kindheit, als sie ihren etwas älteren Bruder auf der Schulbühne der International School in Düsseldorf beobachten musste, statt selbst mitspielen zu dürfen. Spätestens mit 14 stand ihr Entschluss, Schauspielerin zu werden fest. Heimlich bewarb sie sich an drei Schauspielschulen, und es wäre interessant zu hören, wie die heute dazu stehen, sie abgelehnt zu haben. In ihrem Entschluss ließ sie sich dadurch nicht bremsen und suchte den Rat von Julian Fellowes, Drehbuchautor von »Gosford Park« und »Downton Abbey«. Mutig knüpfte sie an einen Gastvortrag an, den er an ihrer Schule gehalten hatte und schrieb ihm einen Brief, »in der Hoffnung, er würde sich vielleicht noch an sie erinnern«, wie sie heute gelegentlich noch mit augenzwinkernd kokettem Lächeln erzählt. Über mehrere Ecken führte Fellowes' Vermittlung 2005 zum Vertrag mit einer renommierten Agentur und zu ihrer ersten Kinorolle, als Kitty in der Riege der Bennet-Schwestern in Joe Wrights Verfilmung von Jane Austens »Stolz und Vorurteil«. Gleich der erste Auftritt vor der Kamera in illustrer Runde, neben Keira Knightley, Rosamund Pike, Donald Sutherland, Brenda Blethyn und Judi Dench. Leicht könnte man den Eindruck gewinnen, dass die ausgelassene Art, in der Carey Mulligan hier im Familienverbund herumtollt, den Film entscheidend mitgeprägt hat. Mit zerzaustem Haar und wehenden Kleidern, mit vergnügtem Kichern und überschäumendem Freiheitsdrang wirbelt sie durch Landhaus und Garten und unterstützt den Regisseur Joe Wright dabei, das klassische Kostümdrama zu entstauben. Im Sturm eroberte die junge Schauspielerin erst die Herzen der Teammitglieder und dann der Zuschauer. Es folgten viele Rollen in Häubchen und Rüschen, zunächst im Fernsehen, in der renommierten BBC-Serienverfilmung von Charles Dickens' »Bleak House« und dem Fernsehfilm »Jane Austen: Die Abtei von Northhanger,« später in Literaturverfilmungen fürs Kino. Mit ebenmäßigem Teint und mädchenhafter Erscheinung, mit tiefen Wangengrübchen und romantischem Lächeln und vor allem mit der entwaffnenden Natürlichkeit ihrer Ausstrahlung sprengt sie dabei auf immer neue Weise die Grenzen des historischen Dramas.

Früh suchte sie als Gegengewicht zur unbeschwerten Fröhlichkeit tragische Töne, wie in dem Familiendrama »Zeit der Trauer«, in dem eine romantische Liebe kurz nach ihrem vielversprechenden Anfang durch einen tödlichen Autounfall jäh beendet wird, und die Verarbeitung des Schmerzes, auch mit den »Schwiegereltern«, noch durch eine Schwangerschaft kompliziert wird. Auch der Bühne blieb sie verbunden, spielte etwa neben Kristin Scott Thomas in einer Inszenierung von Tschechows »Die Möwe« am Londoner Royal Court Theatre die Nina, eine so einschneidende Erfahrung, dass sie als Erinnerung das Tattoo einer kleinen Möwe auf der Innenseite des Handgelenks trägt. Der schwermütig verzweifelte Grundton des Scheiterns im Leben der erfolglosen Schauspielerin Nina wurde der Maßstab für viele ihrer Rollen. Ihre Fähigkeit, Gefühle transparent zu machen, beschrieb ein Kritiker der »New York Times« einmal damit, dass sie auch über große Entfernungen hinweg das emotionale Äquivalent einer »Nadelspitze in Nahaufnahme« sei.

»Drive« (2011). © Universum Film

In etwas über zehn Jahren hat sich Mulligan mit gutem Gespür für interessante Regisseur*innen ein aufregendes Portfolio erarbeitet. In ständig wechselndem Erscheinungsbild, einem bunten Mix aus unterschiedlichen Haarfarben und Frisuren, mal fahles Braun, mal schimmerndes Blond, mal frecher Bubikopf, mal wallend lockig, spielt sie unter anderem unter der Regie von Michael Mann (»Public Enemies«), Jim Sheridan (»Brothers«), Oliver Stone (als aufmüpfige Tochter von Gordon Gecko im »Wallstreet«-Sequel), Mark Romanek (»Alles, was wir geben mussten«) Nicholas Winding Refn (»Drive«), Steve McQueen (»Shame«), Baz Luhrman (»Der große Gatsby«), den Coen-Brüdern (»Inside Llewyn Davis«) und Thomas Vinterberg (»Am grünen Rand der Welt«). Dabei verfeinert sie die Kunst des »weniger ist mehr«, die ihr schon früh, bei der Vorbereitung der ersten Kinorolle nahegebracht wurde. Gern streicht sie Sätze aus den Drehbüchern, und statt Gefühle und Leidenschaften offensiv hinauszuschleudern, hat man eher den Eindruck, sie ließe sie in einer verinnerlichten Version wohldosiert verdunsten. Während sie äußerlich beherrscht und reserviert wirkt, verraten minimale Regungen den inneren Sturm der Gefühle. Beispielsweise in dem Moment, in dem sie im Science-Fiction-Thriller »Alles, was wir geben mussten« begreift, dass es keine Hoffnung für die Liebe und keinen Ausweg aus ihrer Bestimmung als Organersatzteillager gibt. Wenn sie im Aufzug von »Drive« mit dem wüsten Gewaltausbruch ihres Geliebten konfrontiert ist, lässt das reglos stille Entsetzen in ihrer Haltung und ihrem Blick keinen Zweifel daran, dass die gerade noch so innige Liebe erloschen ist. In »Shame« verwandelt sie als labile Schwester des von Michael Fassbender gespielten sexsüchtigen Werbemanns eine in schläfriger Zeitlupe hingehauchte Bluesversion von Sinatras »New York, New York« in einen herzzerreißenden Seelenstrip. 

Gewiss, sie hat in vielen Kostümdramen mit romantischer Färbung gespielt, hat auf den ersten Blick oft lieblich und charmant gewirkt, nur um die Erscheinung in Häubchen, Rüschen und Korsetten mit entschlossenem Kampfgeist und moderner Frische zu unterlaufen. »Wenn ich jemals einen Mann möchte, muss er in der Lage sein, mich zu zähmen«, verkündet sie mit herausforderndem Lachen als tatkräftige Farmer-Witwe Bathseba Everdine in »Am grünen Rand der Welt«, was im viktorianischen England eine ziemlich kühne Aussage ist. So zart, anmutig und schön sie auch sein mag, Schmuckstück an der Seite eines Mannes zu sein, genügte ihr nie. Selten war sie so abhängig von den Männern wie als ­Daisy Buchanan im irrwitzigen Spektakel von Baz Luhrmans F.-Scott-Fitzgerald-Verfilmung »Der große Gatsby«. Selbst hier gelingt es ihr, dem überbordenden Bilderrausch ein paar leise, intensive Gefühle entgegenzusetzen.

Sie hat viele leid- und schicksalsgeprüfte Figuren gespielt – Frauen, die dabei doch immer für ihre Überzeugungen, ihre Freiheit und ihre Integrität kämpfen. Als verzweifelte Mutter wurde sie zur »Suffragette«. In der Fernsehserie »Collateral« stellte sie sich gegen jedes Klischee als Kommissarin mit einer Mischung aus Finesse und Verhandlungsgeschick der Korruption im britischen Geheimdienst entgegen und setzte sich trickreich für Geflüchtete ein. Als Frau eines glücklosen, rassistischen Farmers muss sie in »Mudbound« einiges erdulden, doch um ihr Klavier, »das einzige zivilisierte Stück in diesem schlammigen Leben«, kämpft sie mit feuriger Entschlossenheit. Und als jung verwitwete, todkranke Landbesitzerin Edith Pretty verteidigt sie in »Die Ausgrabung« die archäologische Bergung eines Schiffsgrabes gegen die Vereinnahmung durch die übergriffigen Abgesandten des Nationalmuseums. Ein kurzer Monolog reicht, um klare Grenzen zu ziehen. Immer wieder jongliert sie souverän und gewitzt mit intelligenten Dialogkaskaden, in harten Argumenten, trickreichen Verhandlungsmanövern und schlagfertigen Screwball-Salven. 

So wie viele Männer und einige Frauen in diesen Geschichten den Fehler machen, sie zu unterschätzen, gab es immer wieder Regisseure, die ihr die harten Rollen nicht zutrauten. So musste Carey Mulligan darum kämpfen, dass Steve McQueen sie in ihrem Bewerbungsgespräch für »Shame« nicht schon nach fünf Minuten abwimmelte. Er wird es nicht bereut haben. Wohingegen David Fincher damit hadern dürfte, dass er ihr die unversöhnliche Härte der Lisbeth Salander nicht zutraute, die sie brennend gern gespielt hätte. Wie jede*r interessante Schauspieler*in liebt Mulligan Widersprüche und immer neue Herausforderungen. Dabei führt gerade der Kontrast zwischen der zierlichen Lieblichkeit ihrer äußeren Erscheinung und einer durchaus stählernen Entschlossenheit, zwischen femininer Weichheit und kompromissloser Härte, zwischen zurückhaltender Scheu und fordernder Zielstrebigkeit immer wieder zu interessanten Überraschungseffekten. In ganz besonderer Weise gilt das für ihren neuesten Coup als »Promising Young Woman«, noch so eine Rolle, bei der eher uninspirierte Kritiker sie für eine Fehlbesetzung hielten. Dabei ist diese Figur im Grunde nur eine konsequente Weiterentwicklung früherer Rollen, in denen sie immer schon mehr oder weniger offen für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung und gegen Machtmissbrauch gekämpft hat. Aufreizend aufgemacht, in kurzen Röcken, Stilettos und freizügigem Dekolleté, mit wallender Lockenmähne und verschmiertem Lippenstift zieht sie nachts in den Bars die Blicke der Männer auf sich und lässt sich torkelnd abschleppen. Doch wehe dem, der ihren gemurmelten Protest auf dem Sofa nicht ernst nimmt, der sie für sturzbetrunken und leichte Beute hält. Unvermittelt spannt sich ihr Körper an, sie richtet sich auf und schaut den Rüpel mit herausforderndem Blick bei offensichtlich klarem Verstand an. Die ungewöhnliche Mischung aus Familiendrama, Rachethriller und 90s-Romcom gibt Carey Mulligan viel Raum fürs virtuose Spiel mit Widersprüchen; schon beim Lesen des Drehbuchs von Emerald Ferrell sei sie auf gute Weise nervös und aufgeregt gewesen, erzählt sie. Und demnächst wird sie unter der Regie von Bradley Cooper in »Maestro« als Frau von Leonard Bernstein sicher erneut ihre besondere Mischung aus Charme und Widerspenstigkeit präsentieren. 

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