Kritik zu Public Enemies

© Universal Pictures

Christian Bale gegen Johnny Depp: Michael Manns Gangsterfilm erzählt von der Entstehung des FBI und der Jagd auf den legendären Bankräuber John Dillinger

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In einer Szene von Michael Manns »Public Enemies« soll der legendäre Bankräuber John Dillinger (Johnny Depp) seiner neuen Flamme (Marion Cotillard) etwas über sich erzählen. Seine Antwort ist kurz und bündig: »I like movies, good clothes, fast cars, whisky . . . and you. What else do you need to know?« Diese Aufzählung, inszeniert als ultracooler Schlüsselmoment, spricht von Popkultur und Actionfilmmotiven, wo man Details eines Lebens erwarten würde – und als Zuschauer wird man das Gefühl nicht los, dass Michael Mann in dieser Szene auch seine eigene Haltung zum Kino zum Ausdruck bringen will.

Mann, das wissen wir spätestens seit seiner Kinoversion von »Miami Vice«, hat eine Schwäche für mitunter etwas pubertäre Darstellungen von Männlichkeit und Coolness. In »Public Enemies« aber funktioniert diese Herangehensweise erstaunlich gut, weil Manns Dillinger sich ganz direkt auf jenen altmodischen Machismo bezieht, wie wir ihn aus den Gangsterfilmen der dreißiger Jahre kennen. Daher sollte man von dem Film, der Episoden aus den letzten 14 Monaten im Leben des damaligen »Staatsfeinds Nr. 1« erzählt, keine historische Akkuratesse erwarten.

Mann nimmt sich eine Menge dramaturgischer Freiheiten, und im Stil der alten Warner-B-Movies ist sein John Dillinger ein smarter Gentleman-Bankräuber, ein Ehrenmann, dessen finstere Seite kaum angerissen wird – eine durchaus kinogerechte Romantisierung, wenngleich der Film den gesellschaftspolitischen Umständen der »großen Depression«, die Dillinger erst zum Volkshelden à la »Bonnie & Clyde« werden ließ, leider kaum Beachtung schenkt.

Vielmehr erzählt »Public Enemies« vom Ende einer goldenen Gangsterära und vom Beginn einer amerikanischen Moderne, in der für Verbrecher mit Spitznamen wie »Pretty Boy Floyd« oder »Baby Face Nelson« kein Platz mehr war. In einer der besten Szenen muss Dillinger sich von einem Mafioso erklären lassen, dass man in den »neuen Zeiten« mit ein paar Telefonen mehr Geld machen kann als mit einem Banküberfall – und zum ersten Mal wirkt der souveräne Dillinger, von Johnny Depp mit bemerkenswerter Zurückhaltung verkörpert, wie verloren.

Dabei interessiert Michael Mann sich mindestens genauso sehr für die Arbeit von Dillingers Häscher Melvin Purvis (exzellent wie immer: Christian Bale) und die Methoden des von J. Edgar Hoover (Billy Crudup in einer wunderbaren »scene-stealer«-Perfomance) neu gegründeten FBIs wie für Dillingers Raubzüge. Seit jeher ist Mann ganz in seinem Element, wenn er Männern, »Professionals«, bei der Arbeit zusieht. In »Public Enemies« ist er dabei so radikal wie nie zuvor. Jenseits des Jobs gibt es hier praktisch keine Charakterisierung der Figuren mehr. In der Tradition von Walter Hill (an dessen meisterhaften Bankräuber-Western »Long Riders« Manns Film oftmals erinnert, ohne ihn zu erreichen) definiert sich »Charakter« allein über »Action« – und diese »Action« wird von Mann, seinem Kameramann Dante Spinotti und dem Cutter Paul Rubell einmal mehr mit einer sinnlichen Wucht und einem Gespür für Räume, Perspektiven und Kadrierungen inszeniert und montiert, die im zeitgenössischen Kino ihresgleichen sucht.

Dramaturgisch folgt »Public Enemies« klassischen Genrekonventionen. Auf technischer Ebene begibt Michael Mann sich indes auf experimentelles Feld: Bis auf wenige Szenen ist sein »Film« nicht auf Film, sondern auf HD-Video und vorwiegend mit Handkamera gedreht. Dabei gelingen ihm und Spinotti eine Reihe atemberaubender Bilder, und in den besten Momenten lässt die HD-Ästhetik die Atmosphäre zwischen dokumentarischem Realismus und Experimentalfilmpoesie oszillieren. Auf der anderen Seite bekommen Innenaufnahmen einen unnatürlichen Gelbstich und Hauttöne schimmern wächsern zwischen Gelb, Grün und Rot. Obwohl Mann nach eigenem Bekunden wegen des vermeintlich stärkeren »Man-ist-mittendrin«-Gefühls auf HD gedreht hat, stellt sich ein gegenteiliger Effekt ein: die Künstlichkeit des Home-Video-Looks zerstört in vielen Momenten jede Illusion und erzeugt eine für Mann ungewohnte emotionale Distanz zu den Charakteren. Intendiert oder nicht – das Ergebnis ist ein Film, den man in vielerlei Hinsicht bewundern mag, der einen aber erstaunlich kaltlässt. 

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