Kritik zu An Education

© Sony Pictures

Die Dänin Lone Scherfig konnte schon mit »Italienisch für Anfänger« eine Fangemeinde um sich scharen, fand auch für ihren »Wilbur Wants to Kill Himself« Anhänger und will nun die Erfolgsserie fortsetzen

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London 1961. Jenny (Carey Mulligan) steckt sich am liebsten eine Gauloise an und räkelt sich zur rauchigen Stimme von Juliette Greco – natürlich mitsingend – auf der eigenen Couch im Mädchenzimmer. So sieht für die Sechzehnjährige der Inbegriff der großen weiten Welt aus, die eigentlich gleich jenseits des Ärmelkanals beginnt. Zu weit für ein cleveres Schulmädchen aus bescheidenen Vorstadtverhältnissen, das sich außerdem die höhere Bildung, den Sprung aufs College nach Oxford, auf seine Fahnen geschrieben hat und dafür alle Unterstützung von seinen Eltern, vor allem auch ihrer Lehrerin (Olivia Williams) bezieht. Aber eines Tages steht wie aus heiterem Himmel ein ungebetener Verehrer (Peter Sarsgaard) vor der Tür, öffnet den Schlag seines komfortablen Bristol und hofiert das junge Mädchen nach Strich und Faden.

Der äußerst charmante, doch etwas windige Verführer weicht nicht mehr von Jennys Seite, führt und verführt sie mit klassischen Konzerten und mitternächtlichen Diners, einfach mit Lebensart, in eine ganz neue weite Welt, neben der die alten Ideale langsam verblassen. Der offensichtlich verliebte David hält sogar um ihre Hand an und lädt sie zu ihrem siebzehnten Geburtstag – unter der Obhut einer geschwindelten Anstandsdame – nach Paris ein. Für Jenny scheint damit endlich das passende Datum und Ambiente für ihre Entjungferung gefunden. Der unerwartete Segen kommt allenfalls bei ihren Eltern halbwegs gut an, die gegen eine so gute Partie nichts einzuwenden hätten, in der Schule wird die frühreife Jenny als »Frau von Welt« allerdings zur Unperson. Aber noch ist die Geschichte ja nicht zu Ende.

Der verdächtige Unterton des Films – Missbrauch von Minderjährigen – verfliegt schnell, ganz einfach weil die kongeniale Besetzung von Jenny und David keinerlei schalen Nachgeschmack hinterlässt. Carey Mulligan mit den niedlichen Grübchen und dem Pillboxcharme einer Audrey Hepburn gelingt die schwierige Gratwanderung des einerseits noch naiv-unausgegorenen, andererseits nach Selbstständigkeit strebenden Teenagers. Die Beziehung zu David scheint ihr als ersehnte Möglichkeit, den Vorstadtmief des Elternhauses zu verlassen. Wie ein junges Reh stakst sie auf den ersten Stöckelschuhen umher, dabei schon ganz junge Dame, und versucht, die Kehre zum Erwachsensein unter heftigem Zigarettendunst zu bewältigen. Mehr Nachahmung als Protest, mehr zarte Verführerin als ruppige No-Future-Göre. Was keineswegs ausschließt, dass der Schuss kriminelle Energie, die der nicht weniger bezaubernde, nur ein ganz bisschen berechnende Peter Sarsgaard als Verführer hier beisteuert, genau das richtige Maß an Irritation hervorbringt.

Ein zu »leichter« Film für den Wettbewerb der Berlinale, beschied Lone Scherfig und schickte deshalb ihren Film in die Sektion Special – und zur Premiere nach Sundance. Das mag sein, denn »An Education« begnügt sich mit einer weitgehend nostalgischen Rückschau auf die noch »unschuldigen« Sechziger – noch bevor so etwas wie sexuelle Revolution oder der Countdown von 68 auf der Tagesordnung stand. Trotzdem ist die Welt nicht ganz in Ordnung, aber es ist die stinknormale pubertäre Unordnung, die hier herrscht und ein junges Leben so herzzerreißend durcheinanderwirbelt. Das haben Lone Scherfig und ihr Drehbuchautor Nick Hornby genau gespürt und adäquat umgesetzt.

Der ansonsten für seine zweideutigen Männerromane gerühmte Hornby hat bei der Bearbeitung des Tagebuchs der britischen Journalistin Lynn Barber genau den richtigen komischen Ton getroffen und dem ganzen Erfahrungsschatz, der so verführerisch auf eine jugendliche Seele einstürmt, das richtige Gewicht verliehen. Lebenserfahrung gibt es eben nicht umsonst – so etwa lautet die Moral, ohne blindwütige Seitenhiebe auszuteilen. »An Education« ist deshalb mit seinen brillanten flinken Dialogen ein wahres Filmvergnügen, angelsächsisch eben – deshalb für den deutschen Film so leider nicht zu haben. Und es ist ein ganz junger Film, der vielleicht so nur von »alten« Leuten gemacht werden kann. Ein echtes Filmjuwel.

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