Kritik zu Inside Llewyn Davis

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Keiner kümmert sich im Kino so gut um die Verlierer dieser Welt wie die Coen-Brothers. In ihrem neuen Film spielt Oscar Isaac einen begnadeten, aber erfolglosen Folkmusiker im New York der frühen 60er

Bewertung: 4
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4.5
4.5 (Stimmen: 6)

Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Aber wer seiner Zeit voraus ist – das exemplifizieren die Gebrüder Coen in ihrem neuen Film Inside Llewyn ­Davis recht eindrücklich –, ist auch nicht besser dran. Man schreibt das Jahr 1961 im New Yorker Greenwich Village, wo in verrauchten Kellerbars eine kleine Folkmusik-Szene vor sich hin blüht. In zwei Jahren wird Bob Dylans »Freewheelin’«-Album herauskommen und die Folkmusik zum Soundtrack der aufkommenden Protestbewegung machen. Aber das ahnt hier noch keiner. Llewyn Davis (Oscar Isaac) ist ein begnadeter Folktroubadour, dessen Talente von der Musikindustrie vollkommen ignoriert werden. Seit sein Freund und Mitspieler von der George-Washington-Bridge gesprungen ist, macht sich in ihm nicht nur eine kreative Krise breit. Sein in kleiner Auflage erschienenes Solodebütalbum »Inside Llewin Davis« will sich nicht verkaufen. Eine Wohnung kann sich der vagabundierende Musiker nicht leisten, und so schläft er sich von einer Couch zur nächsten. Aber im zwischenmenschlichen Umgang zeigt der Künstler wenig Geschick, und so nimmt die Zahl der Freunde und Verwandten, die ihm einen Gefallen tun wollen, rapide ab. Und dann ist da auch noch die Katze, auf die er für einen seiner Wohltäter aus der Upper West Side aufpassen soll. Natürlich läuft das Tier weg – und taucht in entscheidenden Momenten wieder auf, um dem Schicksal des hadernden Helden einen Stups zu geben.

Keiner kümmert sich im Kino so gut um die Verlierer dieser Welt wie die Coen-Brothers. Vom gepeinigten Autohändler Jerry Lunde­gaard in Fargo über den strohdummen Fitnesstrainer Chad in Burn After Reading bis zu dem verzweifelnden Familienvater Larry Gopnik in A Serious Man waren es immer wieder die vom Pech verfolgten Kreaturen, die die Gebrüder mehr fasziniert haben als irgendwelche dahergelaufenen Siegertypen. Inside Llewyn Davis reiht sich ein in diese Parteinahme für die Gebeutelten, aber im Gegensatz zu den Vorläuferwerken paart sich hier der ironische Blick auf das menschliche Fehlverhalten und die wirren Wege des Schicksals mit einem Bekenntnis zu echter Melancholie. Das winterliche New York, das nur mit ein paar Haifischflossenautos in den frühen Sechzigern verankert wird, ist ein unwirtlicher Ort, durch den der strauchelnde Musiker ohne Mantel und mit stets hochgezogenen Schultern mäandert. Allenfalls in den verrauchten Gewölben des »Gaslight Café« kommt ein wenig Wärme auf, wenn die Sänger auf der Bühne in frisch gewaschenen Strickpullovern ihr ganzes Herz in die Interpretation traditioneller Folksongs legen.

Die Coens widmen sich dieser Musik mit voller Aufmerksamkeit. Die Songs werden prinzipiell in ganzer Länge ausgespielt und nicht als Hintergrundmusik eingesetzt. Eine zarte Unverfälschtheit liegt in dieser Musik, die später einen Grundstein für die amerikanische Gegenkultur bieten soll. Einmal macht sich Llewyn auf nach Chicago, um einem bekannten Musikproduzenten (F. Murray Abraham) vorzuspielen. Während der verfrorene Sänger sich die Seele aus dem Leib singt, schaut der Mann ihm ungerührt zu. Als der letzte Ton verklungen ist, bewegt sich der Mund im steinernen Gesicht des Produzenten und sagt nur: »I don’t see any money in this« – eine hin- und herzzerreißende Szene, in der künstlerische Ambition und kommerzielles Kalkül brutal aufeinanderknallen. Auch wenn man Inside Llewyn Davis als Hommage an all die talentierten Künstler lesen kann, die kein Glück in der Unterhaltungsindustrie hatten, heißt das nicht, dass die ­Coens mit mitleidigem Blick auf ihren Antihelden schauen. Im Gegenteil sieht man auf ebenso deutliche wie unterhaltsame Weise, wie das Künstlerego auf zwischenmenschlicher Ebene versagt und seine zunehmende Vereinsamung selbst in die Wege leitet. Wenn die fabelhafte Carey Mulligan in der Rolle der verbitterten, geschwängerten Freundin ­Llewyn mit unnachgiebiger Härte demontiert, würden die Geschworenen der Anklage in allen Punkten Recht geben. Dass man den Kerl trotzdem mögen lernt, ist das Verdienst der Coens, die auch hier wieder ihren freien, vorbehaltlosen und humorvollen Umgang mit den Unzulänglichkeiten der menschlichen Seele unter Beweis stellen.

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