Kritik zu Corpus Delicti

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Die Verfilmung von Juli Zehs gleichnamigem Theaterstück und Roman erzählt von totaler Kontrolle und bleibt selbst erstaunlich kontrolliert.

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Endlich mal wieder Science-Fiction-Genrekino made in Germany? Schön wär’s. An Ambitionen mangelt es nicht bei Lena Stahls Umsetzung von Juli Zehs »Corpus Delicti«. Nahe Zukunft, Gesundheitsdiktatur, implantierte Chips, eine total überwachte Gesellschaft, in der der Begriff »Krankheit« praktisch abgeschafft wurde. Das klingt nach unangenehmer Härte. Stattdessen sieht Corpus Delicti weitestgehend aus wie eine durchschnittliche deutsche Fernsehproduktion, die vorgibt, etwas ungeheuer Wichtiges zu sagen zu haben.

Die Neurologin Mia Holl (Hannah Herzsprung) ist zunächst überzeugter Teil der »Methode«. Dieses System verspricht maximale Gesundheit und Sicherheit, verlangt dafür aber die völlige Durchleuchtung der Menschen: Körperdaten, Bewegung, Ernährung und psychische Zustände werden getrackt. Als Mias Bruder (Damian Hardung), ein aktivistischer Gegner der »Methode«, eines Mordes bezichtigt wird, glaubt sie an seine Unschuld und beginnt, an der Unfehlbarkeit des Systems zu zweifeln.

An Aktualität hat Zehs Stoff von 2009 nicht verloren. Was passiert, wenn Gesundheit vom privaten Besitz zur gesellschaftlichen Pflicht wird? Wer entscheidet darüber, was gesund ist? In der Welt der »Methode« sind »defizitäre Gedanken« nicht bloß unerwünscht, sondern zeugen von einem schlechten Gesundheitszustand. Diesen Zwiespalt zwischen Freiheit und Sicherheit, Selbstbestimmung und Fürsorge will »Corpus Delicti« ins Zentrum stellen, doch ist davon erstaunlich wenig zu spüren. Statt die Zumutungen der voll überwachten Gesellschaft auszureizen, spielen die Figuren des Films lau an ihnen vorbei. Sie stehen steif in sorgfältig ausgewählten Architekturen und sagen Sätze, die vage nach Bedeutung klingen. Das ist fatal, denn die Schärfe der Vorlage liegt wesentlich in Sprache, Argument und Gegenargument und vor allem in ihrer Reduktion. Stahl hingegen hat sich weit von Roman und Theaterstück entfernt und sie teils in einen einfachen Thriller übersetzt, was der eigentlichen Erzählung einiges an Gewicht nimmt.

Doch dafür glänzt die Verpackung: Glas, Beton, minimalistische Wohnungen, klinische Arbeitsräume, das alles sieht zuverlässig dystopisch aus. Auch der bedeutungsschwere Score tönt stets das Gefühl der sonoren Beklemmung herbei. Nur wurde eine Welt kreiert, in der es bemerkenswert wenig zu entdecken gibt. Das Auge darf kaum herumwandern, an einem Gegenstand hängenbleiben oder durch beiläufige Details etwas über diese Gesellschaft erfahren. Ähnlich verhält es sich mit der dem glatten System entgegengesetzten »Unterwelt«, deren Aussätzige in Punkklamotten und schummrigem Licht hausen. Ein bisschen Dreck und Subkultur – fertig ist das Symbol der Freiheit. Normierte Abweichler in einem Film, der von der normierten Vorstellung eines richtigen Lebens erzählt? Eigenartig.

Ärgerlich ist neben dem Mangel an Ambivalenzen die Harmlosigkeit, mit der dieses äußerst ungemütliche Gedankenexperiment erzählt wird. Alles ist sauber an seinem Platz: hier das System, dort die Freiheit und dazwischen Mia Holl, die herausfinden muss, auf welcher Seite sie steht. Aus einem Stoff über die Gefahr einer kaum zweifelnden Gesellschaft wird ein Film, der selbst wenig Unordnung und Widerspruch aushält.

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