Interview mit Andrei Swjaginzew

»Man muss Mensch sein und Mensch bleiben«
Andrei Swjaginzew am Set von »Minotaurus« (2026). © Anna Matveeva

Andrei Swjaginzew am Set von »Minotaurus« (2026). © Anna Matveeva

Andrei Swjaginzew, 1964 in Nowosibirsk geboren, begann als Schauspieler. Sein Regiedebüt »Die Rückkehr« gewann 2003 den Goldenen Löwen in Venedig. Mit »Elena«, »Leviathan« und »Loveless« wurde er zu einem der wichtigsten Chronisten der russischen Gesellschaft. Nach neun Jahren kehrt er mit »Minotaurus« zurück: Eine Ehekrise trifft auf die Mobilmachung für den Krieg gegen die Ukraine. Im Gespräch erklärt er, was ihn an einem alten Thriller von Chabrol interessierte, warum der Krieg nicht gezeigt wird und weshalb er auf Empathie auch unter diesen Umständen besteht

Der Krieg bleibt in »Minotaurus« außerhalb des Bildes. Wie haben Sie entschieden, was Sie zeigen?

Wir haben uns ganz eindeutig und bewusst dagegen entschieden, an die Front zu gehen, Schützengräben oder Kampfhandlungen zu zeigen. Der Krieg liegt für uns in diesem Sinne außerhalb des Bildes, einige Tausend Kilometer entfernt von der Stadt, in der wir uns mit der Kamera befinden, und von dem Kreis der Menschen, mit denen wir uns beschäftigen. Es war eine bewusste Entscheidung, uns auf diese Geschichte im Büro zu fokussieren. Aber der Krieg ist gegenwärtig. Sein Geist ist gegenwärtig.

Wo wird er für Sie unmittelbar spürbar?

Das Äußerste, was wir uns erlauben konnten – erlauben mussten –, war diese ziemlich ausgedehnte Szene im Rekrutierungsamt. Plötzlich sehen wir diese Menschen, spüren den Geruch dieser Männerkörper, sehen diese schweren Stiefel. Mir scheint, dort riecht es förmlich nach Kirza-Stiefeln. Und dann diese Rufe: »Los, los, los, Bewegung!« Dieser ganze Kasernenton. Das war das Äußerste, das wir gezeigt haben. Und es war notwendig, das zu sehen.

Gleb soll vierzehn Mitarbeiter für die Mobilmachung auswählen. In welchem Moment wird ein Mensch, der einem System gehorcht, zu jemandem, der dessen Gewalt mitträgt?

Das weiß Gott allein. Wer kann sagen, was in der Seele eines Menschen vorgeht? In welchem Moment denkt er sich diese völlig zynische Methode aus, um die Quote zu erfüllen, um den Auftrag zu erfüllen, den ihm der Bürgermeister erteilt hat? Das wissen wir nicht.

Sie verbinden diese Arbeitswelt mit einer Ehegeschichte, die auf Claude Chabrols »Die untreue Frau« von 1969 zurückgeht. Was haben Sie von ihm übernommen?

Wir haben die Handlungskonstruktion als Grundlage genommen, gewissermaßen die äußerste Schicht dessen, was in dem Film geschieht. In einer der ersten Szenen bekommt der Mann einen Hinweis darauf, dass offenbar etwas nicht stimmt. Dann beobachtet er ungefähr die Hälfte des Films lang seine Frau – ich spreche jetzt von Chabrol – und zweifelt daran, dass sie ihm treu ist. Dieser Plot allein war das Gerüst, an dem man alles Mögliche aufhängen konnte. Wir haben diese Geschichte dann in eine Welt versetzt, die wir kennen und verstehen.

Sie geben Galina mehr Raum als Chabrol der Ehefrau. Was sollte das Publikum über sie verstehen, das Gleb nicht versteht?

Das Publikum versteht genau das, was es versteht. Ich kann nicht kommentieren, was das Publikum verstehen soll. Aber mir gefällt Ihre Frage. Das ist eine sehr gute Beobachtung. Auch mir schien, dass in Chabrols Originalfilm den Beweggründen oder Ursachen dafür, dass die Hauptfigur ihren Mann betrügt, wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Anders gesagt: Diese Geschichte mit der Untreue sollte nicht einfach eine Art Sport sein – nach dem Motto: Ich gehe jetzt zu meinem Liebhaber und mache in seinem Bett ein bisschen Gymnastik. Es sollte vielmehr einen Grund geben: ein Zerwürfnis innerhalb der Familie, die Leere, die zwischen den Eheleuten entsteht, ihre Sehnsucht nach der fehlenden Nähe. Das treibt sie nach draußen, auf die Suche nach einem Ventil, nach einem Raum, einem Ort und einem Menschen, bei dem sie sie selbst sein kann.

Während die Eltern mit ihren eigenen Konflikten beschäftigt sind, bleibt ihr Sohn Serjoscha häufig allein. Wie haben Sie ihn entwickelt?

Das ist ein Mensch, dem wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, weil die Erwachsenen mit ihren eigenen Dingen beschäftigt sind. Der Junge bittet seinen Vater: »Komm, spielen wir Basketball.« Aber der Vater ist mit seinen Gedanken und Arbeitsplänen beschäftigt. Der Junge wird alleingelassen. Ich wollte einen lebendigen Menschen und seine Perspektive kreieren. Er beschäftigt sich mit Kunst, er zeichnet. Der Vater bemerkt spöttisch, ob sie etwa »Galeristen spielen«, und weist ihn damit zurück. In diesem Umfeld ist der Junge ziemlich einsam. Die Beziehung zwischen den Eltern ist abgekühlt. Sie sind einander nicht mehr so nah, nicht mehr so zugewandt. Vor diesem Hintergrund ist der Junge allein, verlassen – wie Serjoscha in Leo Tolstois »Anna Karenina«. Der Name unseres Jungen ist eine Hommage daran.

Auch Glebs Arbeitsleben haben Sie gegenüber Chabrol erheblich erweitert.

Das Leben im Büro, das Arbeitsleben des Mannes – in unserem Fall Glebs – bleibt bei Chabrol ausgespart. Es ist nur formal vorhanden: Da gibt es eben irgendeine Arbeit. Auch hier wusste ich, dass wir etwas ausarbeiten mussten, etwas finden, das diesem Bereich Substanz gibt. Wir mussten herausfinden, was bei der Arbeit geschieht, damit dort noch ein wichtiger Auslöser entsteht, etwas, das uns dazu bringt, seinen Alltag mit Interesse zu verfolgen. Mein Freund und Drehbuchmitautor Semjon und ich wollten, dass das Leben im Büro wirklich eigenständig und ereignisreich ist. Und das Leben innerhalb der Familie sollte Gründe dafür liefern, dass unsere Hauptfigur außerhalb der Ehe nach einem Ventil sucht. Vielleicht ist gerade deshalb diese Vielschichtigkeit entstanden.

Wann wurde aus dem Vorhaben eine Geschichte über die Mobilmachung?

Die ersten Gedanken an das Remake kamen mir 2017 oder 2018, unmittelbar nachdem wir »Loveless« beendet hatten. Wenn es uns damals gelungen wäre, die Rechte am Drehbuch zu erwerben, wäre der Film natürlich anders geworden, aber ebenfalls im russischen Kontext. Die Rechtefrage klärte sich jedoch erst 2022, als ich bereits in Europa war, in Frankreich. Im September gab es ein erstes Treffen mit dem Produzenten Nathanaël Karmitz, der von meinem früheren Interesse an diesem Vorhaben erfahren hatte. Er fragte: »Wollen Sie das tatsächlich immer noch machen?« Ich wollte. Nur wenige Tage später, am 21. September, wurde die Teilmobilmachung verkündet. Zu diesem Zeitpunkt konnte man sich in Russland nichts Wichtigeres vorstellen, deshalb fand sie ganz natürlich Eingang in den Kontext des Films. In gewisser Hinsicht war es ein Glück, dass wir die Rechte 2018 nicht erwerben konnten.

»Minotaurus« entstand in Lettland. War es schwierig, dort eine wiedererkennbare russische Umgebung zu schaffen?

Manche könnten zu dem Schluss kommen oder sagen: Natürlich ist es Ihnen nicht gelungen, Russland darzustellen. Solche Meinungen habe ich gehört. Tatsächlich war Riga viele Jahre, Jahrzehnte lang Teil der Sowjetunion. Deshalb ist die Architektur, nicht in der Altstadt, sondern in den Außenbezirken, ein vollkommen russisches Stadtbild. Die Straßen, diese neunstöckigen Häuser: Genau so sehen Wohnviertel in Russland aus, ein Erbe der sowjetischen Vergangenheit.

Und Glebs großzügiges Haus?

Was das betrifft, wissen Sie vermutlich, dass es in Russland sehr viele wohlhabende Menschen gibt. Sie können bei einem europäischen Architekten ein Haus für zwei oder drei Millionen in Auftrag geben und es ohne Weiteres auch in einer Provinzstadt bauen lassen. Das ist möglich. Deshalb ist auch das ein russischer Typus.

Der Film zeigt Menschen, die ihren Alltag fortsetzen, während der Krieg gegenwärtig bleibt. Wie sehen Sie diese Gewöhnung?

Der Mensch sucht zwangsläufig nach Möglichkeiten, sich an die Umstände anzupassen, die ihn umgeben. Das ist ein normaler Schutzmechanismus. Auch dafür muss man Verständnis haben. Menschen gewöhnen sich an Dinge. Sie können nicht dauerhaft mit derselben Intensität auf das reagieren, was geschieht. Es steckt in unserer DNA. Deshalb kann man nicht gegen diese Gewöhnung argumentieren oder sie einfach abstoßend nennen. Sie ist ein natürlicher Vorgang, sie gehört zur menschlichen Natur. Ein Mensch kann eine solche Anspannung nicht vier Jahre lang und darüber hinaus aushalten.

In Cannes haben Sie sich gegen eine pauschale Verurteilung russischer Menschen gewandt. Warum ist Ihnen dieser Unterschied wichtig?

Worin unterscheidest du dich von demjenigen, der diese Menschen ins Feuer wirft, wenn du keinerlei Empathie und Mitgefühl für die Menschen empfindest, die zur Schlachtbank gehen? Überhaupt nicht. Dann bist du genauso gefühllos. Das muss man verstehen. Man muss die Dinge zueinander ins Verhältnis setzen. Man muss einfach Mensch sein und Mensch bleiben, auch unter diesen Umständen. Erst recht, wenn man sich in Europa in einer komfortablen Situation befindet und solche Etiketten verteilt. Das ist sehr schmerzhaft. Es ist überhaupt ein schmerzhaftes Thema.

Was übersehen solche Urteile aus Ihrer Sicht?

Am 24. Februar 2022 wurde mit dem Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine das normale Leben von Millionen Menschen auf beiden Seiten aufgehoben, in der Ukraine und in Russland. Es wurde einfach wie Krümel vom Tisch gefegt: das Leben, die bisherigen Zukunftsaussichten, die Vorstellung davon, wie das Leben funktioniert, die ganze Lebensordnung. Unzählige Menschen sind orientierungslos und wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Dass sie nichts unternehmen, muss man im Zusammenhang sehen und verstehen, dass es unmöglich ist. Die Machthaber haben sich mit Legionen bewaffneter, gewaltbereiter Menschen umgeben, die die Interessen dieser kleinen Gruppe schützen.

Wird der Film sein Publikum in Russland erreichen?

Das Publikum in Russland wird diesen Film ganz sicher sehen, daran besteht kein Zweifel. Einen offiziellen Kinostart wird es dort aber nicht geben, erst recht jetzt, nachdem ich zum »ausländischen Agenten« erklärt wurde. Das ist ausgeschlossen. Aber über Piratenseiten werden die Zuschauer in Russland den Film natürlich sehen. In sehr großer Zahl. Ich bin überzeugt, Millionen Menschen werden ihn anschauen.

Und was erhoffen Sie sich von diesen Zuschauern?

Und was will ich? So wäre die Frage eigentlich falsch gestellt. Ich will nicht etwas Bestimmtes erreichen. Ich weiß einfach, dass die Menschen den Film sehen werden, und hoffe, dass sie in diesen Bildern, in diesen Umständen die Situation erkennen, die gegenwärtig in Russland besteht. Ich will nicht irgendwie auf das Publikum einwirken. Ich möchte, dass es etwas erlebt und fühlt, wenn es diesen Film sieht. Das ist alles.

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