San Sebastián: Die Lebenden und die Toten

»Tender Loving Care« (2026). © Thin Man Films Ltd. / Bleecker Street

»Tender Loving Care« (2026). © Thin Man Films Ltd. / Bleecker Street

Mike Leighs warmherziges Alterswerk »Tender Loving Care« war der große Gewinner des Filmfestivals von San Sebastián

Sie kann die Toten sehen. Die pensionierte Ärztin Ema hat diese seltsame Gabe, sie hat ihre Mutter bis zum Tode gepflegt. Als ihre Schwester mit Mann und der adipösen Tochter Julie aus den USA sie besuchen kommt, merkt sie, dass ihre Nichte über dieselbe Gabe verfügt. Ema lebt am Rande eines Problemviertels in Buenos Aires, und die Beziehung zu ihrer Schwester wie auch zu ihrer Tochter ist nicht einfach. »Más muertas tristes« (»Meine traurigen Toten«) des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín (»Spencer«) ist eigentlich eine Netflix-Serie, wurde aber beim Festival als quasi langer Spielfilm (drei Stunden) gezeigt. Der Film besticht durch seinen skurrilen Humor mit fast horrorartigen Zügen.

Die Auseinandersetzung mit der Familie, ihren Formen und Strukturen, bestimmte viele Filme im diesjährigen Wettbewerb von San Sebastián, und meist spielten Tod und Verlust eine Rolle. Im spanischen Beitrag »El mal padre« (»Der schlechte Vater«) von Robert Bueso war es die Konfrontation der Kinder mit ihrem zynischen und hedonistischen Vater, im türkischen Wettbewerbsfilm »Artakalan« (»What Remains«) von Yeşim Ustaoğlu zerbricht die kleine Familie, zumindest vorläufig, und die Eltern suchen in ihren Heimatorten nach ihrer Identität. Die Suche ist auch Thema in »7h40 ce matin-là / Milo«. Die französische Regisseurin Nicole Garcia folgt einer Frau, die in einem kleinen Ort als Kellnerin arbeitet, um dort, wie sich herausstellt, ihren Sohn zu finden, den sie zur Adoption freigegeben hatte, als sie als Terroristin verurteilt wurde. Der melancholische »7h40 ce matin-là / Milo« war sicherlich einer der besten Filme des Wettbewerbs, weil er auch auf einer politischen Ebene argumentiert. Einen Preis hat er leider nicht gewonnen.

Eine tiefe Menschlichkeit

Dafür hat der neue Film des britischen Altmeisters Mike Leigh gleich drei Preise auf sich ziehen können, was in San Sebastián auch nicht alle Jahre vorkommt. In »Tender Loving Care« (»Zärtliche und liebevolle Fürsorge«) verhandelt Leigh, der aufgrund seiner Krankheit nicht nach San Sebastián kommen konnte, vordergründig die Freundschaft zwischen den beiden Sozialarbeiterinnen Amy und Rosie. Aber der Blick auf die Klienten der beiden, die sozial Schwachen der britischen Gesellschaft, ist nur die eine Seite des Films, der sich immer mehr auf Amys Eltern – und die Krankheit und den Tod des Vaters – verlagert. Mike Leigh hat es in seinen Filmen immer schon verstanden, ganz normale Menschen in ihrer Komplexität zu zeigen, und er zeichnet sie mit Witz und Warmherzigkeit. Sein Alterswerk, wahrscheinlich sein letzter Film, wie er selbst sagte, gewann die Preise als bester Film, für das beste Drehbuch (Leigh) und die beste Hauptdarstellerin, Kate O'Flynn, die Amy verkörpert.

Den Preis als beste Hauptdarstellerin musste sich O'Flynn allerdings mit der schwedischen Schauspielerin Asta Kamma August teilen, die in dem norwegischen »Markens grøde« eine Bauersfrau im vorletzten Jahrhundert spielt. Hans Petter Moland hat den Roman von Knut Hamsun (deutscher Titel: »Segen der Erde«) als zweieinhalbstündiges Epos verfilmt: wie sich ein Mann und eine Frau in der Wildnis eine Existenz aufbauen. Molands Film war ein Solitär im Wettbewerb, weil er geradezu physisch in seinen fast quadratischen Bildern die Widrigkeiten der Natur spüren lässt. Dass Oskar Dahlsbakken für seine Kameraarbeit geehrt wurde, ist nachvollziehbar.

Zwei deutsche Filme

Zurzeit ist der deutsche Film präsenter auf Festivals als früher, gerade in den letzten Monaten, in Locarno, Venedig und Toronto – was sicherlich auch für eine wachsende Qualität spricht. Im 17 Filme umfassenden Wettbewerb von San Sebastián liefen zwei deutsche Beiträge. Als Eröffnungsfilm zeigte das Festival Fatih Akins »Geister«, eine der ungewöhnlichsten Liebesgeschichten im deutschen Film der letzten Jahre. Und die Regisseurin Tony Vahl stellte ihr erstaunliches Debüt »Krux« vor. Es beginnt mit einer seltsamen Zeremonie: die Vermählung einer Frau mit einem längst gefallenen Soldaten. »Krux« spielt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs und des Nazi-Regimes, als in einem kleinen Dorf im Osten Angst und Wahn herrschen und der Bürgermeister zum Selbstmord aufruft. Wir wissen, dass es diese Selbstmorde gegeben hat, und Vahl hat sie zum Anlass für ein gleichermaßen bedrückendes wie beeindruckendes Endspiel genommen.

Der in diesem Jahr beachtliche Wettbewerb war der letzte, den der scheidende Festivalleiter José Luis Rebordinos verantwortet hat. Er hat das Festival seit 16 Jahren geleitet, es finanziell konsolidiert, durch Sponsoren abgesichert und mit neuen, durchaus innovativen Reihen und Networkingprogrammen bereichert. Unter seiner Ägide ist die Reputation des Festivals gestiegen, was man an der Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Branche und Presse ablesen kann. Und in diesem seinem letzten Jahr hatte er auch Glück mit den Stars und amerikanischen Filmen, die sich ja mittlerweile rar machen im Festivalzirkus. Die Schauspielerin Naomi Watts und der amerikanisch-deutsche Regisseur Werner Herzog erhielten den Ehrenpreis Donostia Award, Orlando Bloom, Penélope Cruz und Ricardo Darín, einer der großen Stars des spanischsprachigen Films, waren auch da. Und Brad Pitt begleitete die Premiere seines Films »Heart of the Beast« (außer Konkurrenz), gab anderthalb Stunden Autogramme und ließ sich für Selfies ablichten.

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