Kritik zu Spieltrieb

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Gregor Schnitzler hat nach Soloalbum und Die Wolke mit Juli Zehs gefeiertem Roman aus dem Jahr 2004 eine weitere Geschichte jugendlicher Initiation verfilmt

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Können wir uns jemals sicher sein, wer wir wirklich sind?«, fragt die 15-jährige Ada (Michelle Barthel) aus dem Off, während sie durch die Landschaft joggt. Zur etwas platten Illustration dreht Gregor Schnitzler das Bild um 180 Grad, weshalb Ada kopfüber läuft. Schon klar, hier steht die Welt eines Teenagers Kopf.

Zu den normalen Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden kommt bei Ada noch dazu, dass sie als hochintelligentes Mädchen Außenseiterin an ihrer Schule ist, und als wäre das nicht genug, droht sie nach der Trennung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters auch noch aus dem wohlständischen Luxusleben herauszufallen. Das Schulgeld am Bonner Privatgymnasium hat er jedenfalls schon seit Monaten nicht bezahlt. Würde sie jetzt von der Schule fliegen, würde einigen Menschen eine Menge Kummer erspart. Stattdessen findet sie einen Verbündeten in dem bereits18-jährigen Alev (Jannik Schümann), der mit seiner selbstverliebten, provokanten Fuck-all-Attitüde neu an die Schule kommt. Er sticht schon durch seine Kleidung heraus: Anzug, Hemd, Schlips und Lederschuhe statt Jeans, T-Shirt und Sneakers. Er geriert sich mit prätentiösen Parolen schnell als Guru, macht sich daran, Ada zu verführen, allerdings nicht zum Sex (angeblich ist er impotent, wie er unverblümt kundtut), sondern zum Spiel mit dem Leben eines Lehrers: »Wirkliche Liebespaare sollten miteinander spielen«, konstatiert er und legt pathetisch nach: »Nur wer das Nichts in sich entdeckt, ist wirklich frei und ein Spieler.« Auch mit Adas Gefühlen spielt er, indem er ihre Eifersucht mit einer Rivalin schürt.

Mit den unbeschwerten Spielen ausgelassener Kinder hat das natürlich nichts zu tun, hier werden Menschen aus Fleisch und Blut zu Spielfiguren, das Leben zur zynischen Versuchsanordnung. Ada und Alev sind Enfants terribles, wie sie sonst die Romane von Robert Musil und die Filme von Michael Haneke bevölkern. »Wir werden Gestalter dieser Welt, das Leben ist ein Spiel und ein Mensch unsere Spielfigur«, deklamiert Alev und stiftet Ada dazu an, den durchaus attraktiven Sport- und Deutschlehrer Smutek (Maximilian Brückner) zu verführen, um den Druck anschließend durch Erpressung zu erhöhen, natürlich nur um den armen Mann aus seinem selbst gezimmerten Lebensgefängnis zu befreien.

Ada, Alev und Smutek sind das Kerntrio von Juli Zehs 2004 veröffentlichtem Roman »Spieltrieb«, überraschenderweise hat es fast zehn Jahre gedauert, bis der ebenso gefeierte wie kritisierte Roman verfilmt wurde. Der in Literaturverfilmungen geübte Gregor Schnitzler, der schon in Soloalbum und Die Wolke von komplizierten Prozessen des Erwachsenwerdens erzählte, hat die Regie übernommen. Doch seine Inszenierung wirkt irritierend blutleer, auch wenn man einräumt, dass die Bilder dieselbe emotionale Kälte und Abgebrühtheit verströmen wie die Jugendlichen. Jannik Schühmann macht seinen Alev zum eiskalten, monströsen Dandy der Verführung ,während Michelle Barthel den Prozess der Verführung durchlässig macht, dieses Wechselbad aus Euphorie und Angst, aus Schuld und Verlorenheit, aus gepanzerter Härte und rebellischer Verletzlichkeit.

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