Creature Feature – Iiiek, mach das weg!
»Godzilla Minus Zero« (2026). © Plaion Pictures
Würgeschlangen, Kraken, Saurier . . . und die unkaputtbare Riesenechse Godzilla: Das gute alte Creature Feature feiert ein Comeback.
Heldenhaft stellt sich Familienvater Greg Platt (Ewan McGregor) vor seine Frau Denise (Anne Hathaway) und die beiden Kinder. Doch dem riesigen, gierig nach ihm schnappenden Rachen des prähistorischen Allosaurus, der mitten auf der Oak Street in der Kleinstadt Flowervale steht, hat er nichts entgegenzusetzen. Ein Biss genügt, und Greg verliert sein rechtes Bein. Vor den Augen seiner in Schockstarre verfallenen Familie wird er von dem verfressenen Saurier zerfleischt. Schließlich greift sich Denise die Kinder und rennt davon.
So drastisch wie in dem von J. J. Abrams für Warner produzierten Film »The End of Oak Street« ist es in »Jurassic Park« von Steven Spielberg nie zugegangen. Dennoch muss Spielberg, Schöpfer so einflussreicher Creature-Franchises wie »Der weiße Hai«, das im letzten August gestartete Saurierabenteuer für die ganze Familie wie ein Frontalangriff auf sein »Jurassic Park«-Imperium bei Universal vorgekommen sein. Auch wenn der kommerzielle Erfolg von »The End of Oak Street« hinter den Erwartungen zurückblieb, ist die 90-Millionen-Dollar-Produktion ein Indiz für die Rückkehr des Creature Features.
Große Hoffnungen setzt auch die japanische Produktionsfirma Toho in den kürzlich beim New York Filmfest uraufgeführten und im November weltweit startenden »Godzilla Minus Zero«. Der Film ist die nunmehr 34. japanische Produktion um die Monsterikone Godzilla und die Fortsetzung des Überraschungserfolgs »Godzilla Minus One« aus dem Jahr 2023. Das melodramatische Reboot des hauseigenen »Godzilla«-Franchise von Takashi Yamazaki wurde für ein überschaubares Budget von zehn Millionen US-Dollar produziert und 2024 in Los Angeles mit einem Oscar in der Kategorie »Beste visuelle Effekte« ausgezeichnet. Zum Vergleich: Die Produktion des im März 2024 gestarteten amerikanischen »Godzilla x Kong: The New Empire« hat an die 150 Millionen US-Dollar Produktionskosten verschlungen. Der Oscar für »Godzilla Minus One« hat den internationalen Marktwert japanischer »Godzilla«-Produktionen in ungeahnte Sphären aufsteigen lassen, die an die Glanzzeiten in den 60er Jahren erinnern. Damals war die Toho globaler Marktführer in Sachen Monsterfilm und exportierte die stets aufwendig in Farbe und Cinemascope gedrehten Spektakel erfolgreich in die ganze Welt. Die japanischen Filmemacher haben das Genre des Kaiju Eiga, dessen Ursprung im Atombombentrauma von Hiroshima und Nagasaki verankert ist, stets ernst genommen und die Filme entsprechend aufwendig produziert. Im Vergleich zu amerikanischen Monsterfilmen der 50er und 60er Jahre waren die japanischen Kaiju Eiga eben keine B-Movies in Schwarz-Weiß mit lächerlichen Pappmaché-Monstern, die in Autokinos im Doppelprogramm verheizt wurden.
»Godzilla Minus Zero« spielt im Jahr 1949, schließt inhaltlich also an die Ereignisse seines Vorgängers an, dessen Handlung im Zweiten Weltkrieg angesiedelt war und die leidvolle Erlösungsgeschichte eines desertierten und traumatisierten Kamikaze-Piloten erzählt, der noch einmal in ein Jagdflugzeug steigt, um sein Land von Godzilla zu befreien. In »Godzilla Minus Zero« hat der Krieg Japan auf das Jahr null zurückgeworfen und das Volk traumatisiert. Das Auftauchen Godzillas hat den Wiederaufbau gestoppt und das Land regelrecht ins Minus versetzt. Und es naht eine erneute Katastrophe in Form des dreiköpfigen goldenen Drachen King Ghidorah, der schon seit 1964 zu den beeindruckendsten feindlichen Kaijus im Godzilla-Universum gehört.
»Godzilla Minus Zero« ist die erste japanische Filmproduktion, die explizit für IMAX-Kinos gedreht wurde. Schon 2021 hat Takashi Yamazaki für das Panoramic Flying Theater in dem nördlich von Tokio angesiedelten Vergnügungspark Seibuen den fünfminütigen 3-D-Film »Godzilla the Ride: Giant Monsters Ultimate Battle« inszeniert. Hier erleben Zuschauer, in einer Art Flugsimulator vor einer gigantischen Panoramaleinwand schwebend, den Kampf zwischen Godzilla und King Ghidorah hautnah.
In Bezug auf die Monsterauswahl geht Toho schon immer auf Nummer sicher. Nur die beliebtesten Kaiju mit dem höchsten Marketingpotenzial dürfen sich mit Godzilla messen. Die Auswahl von King Ghidorah für »Godzilla Minus Zero« ist also nicht besonders originell. Doch man hat sich um Variationen im Erscheinungsbild des Drachen bemüht. So ist er zu Beginn des Films bei seinem Angriff auf Matsumoto noch klein und hat nur einen Kopf. Man kann Yamazaki wahrlich nicht vorwerfen, Rücksicht auf die Erwartungshaltung der globalen Godzilla-Gemeinde oder internationale Vermarktbarkeit genommen zu haben. Sein Hauptaugenmerk liegt noch stärker auf dem menschlichen Drama der Nachkriegsgeschichte. Kamikaze-Pilot Shikishima hat inzwischen eine Patchworkfamilie gegründet und muss, vereint mit vielen opferbereiten Protagonisten aus dem vorangegangenen Film, gegen das »neue« Monster antreten, bevor man Godzilla zum Erlöser umfunktioniert. »Godzilla Minus Zero« ist ungeniert melodramatisch und durch und durch japanisch. Bebildert werden gar unterdrückte Rachefantasien gegen die Besatzungsmacht Amerika. Ein traumatisierter Hiroshima-Überlebender träumt davon, wie der von ihm gesteuerte Rachegott Godzilla Manhattan mit seinem atomaren Feueratem in ein Inferno verwandelt. Anders als »Godzilla Minus One« bedient der Film die nach der Kapitulation übliche Opferperspektive der Japaner. Dramaturgisch hätte man den Film so auch in den 60ern drehen können. Lediglich die durchweg digitalen Spezialeffekte sind mehr oder weniger State of the Art.
Der neueste und insgesamt sechste amerikanische Beitrag des 2014 mit »Godzilla« von Gareth Edwards gestarteten »MonsterVerse« (einer Kollaboration zwischen der Lizenzabteilung von Toho und der amerikanischen Produktionsfirma Legendary Pictures) steht auch schon in den Startlöchern. Mit um ein Vielfaches höheren Budgets als die Toho hat Legendary Pictures für Warner ein Universum aus Filmen und der Streamingserie »Monarch – Legacy of Monsters« (zu sehen bei Apple TV) etabliert, in dem sich amerikanische Monster wie King Kong (und einige bestialische Neukreationen) mit japanischen Kaijus wie Godzilla, dem Flugsaurier Rodan oder eben King Ghidorah messen. »Godzilla x Kong: Supernova« ist die direkte Fortsetzung des vergnüglich familientauglichen »Godzilla x Kong: The New Empire«, in dem die Monster in der Hohlerde aufeinander losgegangen waren. Diesmal geht es hinaus in den Weltraum, wo Space-Godzilla (bekannt aus dem 1994 von Toho produzierten »Godzilla vs. Spacegodzilla«) lauert. Doch erst Ende März 2027 darf Warner »Godzilla x Kong: Supernova« weltweit in die Kinos bringen, um nicht in Konkurrenz zu »Godzilla Minus Zero« von Toho zu treten.
Auch in dem in diesem Jahr in Cannes uraufgeführten koreanischen Actionfilm »Hope« von Na Hong-jin geht es äußerst monströs zu. In dem abgelegenen südkoreanischen Dorf Hope Harbor nahe der entmilitarisierten Grenzzone zu Nordkorea liegt mitten auf einer Landstraße ein aufgeschlitzter toter Ochse. Der von ein paar Freizeitjägern gerufene zuständige Dorfpolizist und seine junge Kollegin sind ratlos, wer oder was das Tier so zugerichtet haben könnte. Die Jäger vermuten einen wilden Tiger, der angeblich immer mal wieder aus dem verfeindeten Norden durch die verminte Grenzanlage schlüpft. Doch bei den schon bald im Ort auftretenden Verwüstungen und überall auf den Straßen abgeschlachteten Opfern kann es sich unmöglich um das Werk eines Tigers handeln. Irgendwann ist klar, dass eine außerirdische Invasion ansteht. »Hope« ist eine knapp 160 Minuten andauernde Hetzjagd, bei der die schwer bewaffneten menschlichen Jäger sehr schnell selbst zu Gejagten werden. Seltsam ist das ganz offensichtlich im Computer generierte Erscheinungsbild der Außerirdischen. Es handelt sich um etwa drei Meter große, flinke und überaus kräftige Wesen, die ansatzweise eine menschliche Gestalt haben, diese bei Bedarf aber auch ins Monströse und Raubtierhafte ändern können. Die Antlitze der beiden Ober-Aliens muten besonders schräg an, denn sie basieren auf den eingescannten Gesichtern von Michael Fassbender und Alicia Vikander (dem Traumpaar aus dem Melodram »Liebe zwischen den Meeren«).
Neben den urzeitlichen Dinosauriern, atomaren Riesenechsen und außerirdischen Bestien auf der großen Kinoleinwand macht momentan auch wieder eine Menge wild gewordener Vertreter des Tierhorrors die Kinos und besonders die Bildschirme in unseren Wohn- und Schlafzimmern unsicher.
In dem nun ebenfalls im November anlaufenden blutigen »Beware Boiúna« wird ein humanitäres Team junger Ärzte von einer dem kolumbianischen Volksglauben entsprungenen überdimensionalen Würgeschlange verschlungen. Die unter der Leitung der Münchner Constantin Film entstandene deutsch-amerikanische Koproduktion unter der Regie von Mike P. Nelson (»Silent Night, Deadly Night«) wurde tatsächlich im Regenwald des Amazonas gedreht. Die Riesenschlange Boiúna war aber ganz offensichtlich nicht vor Ort, sondern ist erst nachträglich im Computer entstanden. »Beware Boiúna« ist bei Weitem nicht so originell und bissig wie die Komödie »Anaconda« (mit Jack Black und Paul Rudd) aus dem letzten Jahr und wirkt folglich etwas anachronistisch.
In dem in Portugal gedrehten »Crawlers – Im Netz der Spinnen« von Ángel Gómez Hernández kommen sowohl Arachnophobiker als auch Klaustrophobiker auf ihre Kosten. Denn in einem unter Quarantäne gestellten, abgeriegelten Apartmentkomplex breitet sich eine hochgiftige Spinnenart aus. Und in »Hungry« von James Nunn, dem Regisseur von »Shark Bait«, verstümmelt erstmals auch ein blutrünstiges Nilpferd die arglosen Urlauber einer Bootstour in der Sumpflandschaft von Louisiana. Mit mehr als 500 Todesopfern pro Jahr soll das eher pflanzenfressende Nilpferd tatsächlich das für den Menschen gefährlichste Tier auf der Erde sein.
Seit den 30er Jahren, dem Jahrzehnt der »Universal Monsters« (mit Frankensteins Monster, Dracula, der Mumie und dem Werwolf) und des verliebten Riesenaffen King Kong, erscheinen Monsterfilme in regelmäßig wiederkehrenden Wellen auf der Leinwand. Und spätestens seit Mitte der 70er Jahre, als Steven Spielberg mit »Der weiße Hai« den Sommerblockbuster und den Tierhorror erfand, kann man sich darauf verlassen, dass die vom Menschen ausgebeutete Natur immer wieder Todesboten aus dem Tierreich in die Zivilisation schicken wird. Doch warum gibt es gerade jetzt eine Anhäufung angriffslustiger Monster in der Filmlandschaft? Haben wir nicht schon genug Probleme in der realen Welt? So absurd es klingt: Wir brauchen Monster heute eher für unser Wohlbefinden. Denn Monster funktionieren immer auch als Sinnbild für die kollektiven Ängste einer Gesellschaft. Gerade in den viele Menschen überfordernden aktuellen Krisenzeiten kann so ein Monster eine simple und scheinbar beherrschbare Bedrohung darstellen. Es kann diffuse Ängste bebildern und überwältigende reale Katastrophen begreifbarer machen. Zudem kann ein übermächtiger Gegner von außen sonst verfeindete Menschen im Kampf vereinen und zu Leidensgenossen machen.
Wenn es sich nicht gerade um prähistorische Saurier handelt (die wohl unter Naturschutz stehen), verlässt man sich in den USA in der Regel auf Waffengewalt und versucht, feindlich gesinnte Bestien im Filmfinale zu töten. Dagegen wird man die immer auch regulierend eingreifende Naturgewalt Godzilla und die vielen anderen Kaijus in Japan nicht besiegen können. Hier ist man nach jahrzehntelangem, zwecklosem Beschuss durch die japanische Selbstverteidigungsarmee einen Schritt weiter und strebt eine Koexistenz mit den Monstern der Vergangenheit und der Natur an. Man ist sogar geneigt, die Kaijus als göttliche Heimsuchung zu erdulden. Im geteilten Korea scheint man noch nicht bereit für eine Erlösung. »Hope« hat ein fatalistisch anmutendes offenes Ende. Die Protagonisten ziehen sich erschöpft zurück, die vermeintlichen Alien-Invasoren bringen sich in Stellung. Fortsetzung folgt?
Realisiert werden die bösartigen Leinwandkreaturen heutzutage überwiegend digital von unzähligen Animateuren im Computer oder, wenn es sich um Monster handelt, die ansatzweise einen menschlichen Körperbau haben, unter Zuhilfenahme des sogenannten Motion-Capture-Verfahrens. Hier werden die Bewegungen eines Schauspielers mit Bewegungs-Trackern auf die digitale Kreatur im Computer übertragen. Dadurch werden Bewegungen natürlicher. Steckt man heutzutage – wie im letzten Jahr in »Primate« – einen Schauspieler (Miguel Torres Umba) in ein Affenkostüm, läuft man Gefahr, dass aus der vermeintlichen Bedrohung eine putzige Lachnummer wird. Eine einfache Regel, wann analoge oder digitale Monster funktionieren, gibt es nicht. Ob der entscheidende Lebensfunke auf eine Filmkreatur überspringt, hängt von der Erfahrung der »Monstermacher« und ihrer Liebe zum Detail ab.
Die Zeiten, in denen die Monster von innovativen Spezialeffekt-Pionieren mit eigener, unverkennbarer Handschrift analog zum Leben erweckt wurden, sind lange vorbei. Über Jahrzehnte haben die leidensfähigen Stuntmänner Haruo Nakajima und sein Nachfolger Kenpachiro Satsuma in einem Godzilla-Kostüm aus Latex gesteckt und der Monsterikone mit vollem Körpereinsatz Leben eingehaucht. Der Stop-Motion-Spezialist Ray Harryhausen hat über dreißig Jahre lang nahezu im Alleingang Stop-Trick-Figuren unzähliger Saurier, Zyklopen und außerirdischer Wesen geschaffen und in seinem Studio in zeitaufwendiger Handarbeit Bild für Bild zum Leben erweckt. Der Maskenbildner Rick Baker wurde Anfang der 80er Jahre zum oscarprämierten Star, weil er für »American Werewolf« die Verwandlung eines Menschen in einen Wolf überaus realistisch darstellen konnte.
Ein vergleichbares Starpotenzial hat vielleicht auch Takashi Yamazaki, denn er ist sowohl Autor, Regisseur als auch Visual Effects Supervisor der neuen japanischen Godzilla-Filme und kann so direkter seine eigene Vision der Monster umsetzen. Dass Yamazaki seinen Godzilla gänzlich digital, also ohne das traditionsreiche analoge Suitmation-Verfahren (der Mann im Gummikostüm) erschaffen hat, wurde im Vorfeld in Japan nahezu als Ketzerei empfunden. Doch der Erfolg gibt ihm recht.
Wenn man Ray Harryhausen, Steven Spielberg oder den Spezialeffekt-Regisseur der klassischen Toho-Monsterfilme Eiji Tsuburaya gefragt hat, warum sie Filme mit Monstern drehen wollten, war die Antwort immer die gleiche. »King Kong« aus dem Jahr 1933 ist die prägende Inspirationsquelle für den Monsterfilm, auf die sich alle einigen können. Und da der Abenteuerfilm im Laufe der Jahrzehnte regelmäßig im Kino wiederaufgeführt wurde, konnte er gleich mehrere Generationen von Filmschaffenden inspirieren und immer wieder Monsterwellen mit neuen Produktionen entfachen.
Viele der schönen altmodischen Monsterfilme kann man auch heute noch wiederentdecken. Das deutsche Label Anolis Entertainment hat sich über viele Jahre der Restaurierung der klassischen Godzilla-Filme verschrieben und unter dem Namen »Kaiju Classics« sorgfältig kuratierte DVDs mit vielen Extras veröffentlicht, die mittlerweile allerdings vergriffen sind und unter Sammlern Höchstpreise erzielen. In der vorbildlich ausgestatteten Reihe »Galerie des Grauens« veröffentlicht Anolis seit geraumer Zeit DVDs und Blu-rays alter Science-Fiction-Werke aus aller Welt, die in attraktiven Boxen mit jeweils zehn Filmen gesammelt werden können. Darunter lange in Deutschland verschollen geglaubte Perlen wie »Alarm für Sperrzone 7« (»The Monster That Challenged the World«, 1957), in dem sich bei einem Wasserbeben in Kalifornien ein Spalt auf dem Grund des Saltonsees öffnet, aus dem riesige prähistorische Mollusken (wirbellose, gallertartige Weichtiere) dringen.
Besonders lobenswert ist die Veröffentlichung von Monsterklassikern, die bislang nicht in Deutschland erschienen sind. Für den Film »Das todbringende Ungeheuer« (»The Deadly Mantis«, 1957), in dem eine gigantische Gottesanbeterin auf das Washington Monument klettert, hat Anolis eigens eine deutsche Synchronisation nach einem zeitgenössisch anmutenden Dialogbuch und unter der Regie von Bodo Traber anfertigen lassen.
Jetzt hat Traber eine deutsche Synchronfassung von »Reptilicus« (1961) fertiggestellt, der Ende des Jahres als Abschluss der fünften »Galerie des Grauens«-Box erscheinen wird. In dem Monsterfilm aus Dänemark, berüchtigt wegen seiner an die Augsburger Puppenkiste erinnernden simplen Spezialeffekte, legt ein in Lappland aufgetautes Riesenreptil Kopenhagen in Schutt und Asche. Die Blu-ray von »Reptilicus« wird die lange verschollen geglaubte dänische Langfassung von Regisseur Poul Bang und die bislang bekannte amerikanische Fassung von Sidney Pink enthalten. Der nach dem Drehbuch des dänisch-amerikanischen Filmemachers Ib Melchior inszenierte Film wurde 1960 mit dänischen Schauspielern von beiden Regisseuren in Kopenhagen und im dortigen Saga Studio sowohl in dänischer als auch in englischer Sprache gedreht. Doch der US-Verleih American International Pictures war mit dem starken dänischen Akzent der Schauspieler und den bescheidenen Monster-Effekten unzufrieden. Tatsächlich ist die Fallhöhe zwischen den mit Unterstützung des dänischen Militärs äußerst beeindruckend inszenierten Massenszenen auf den Straßen Kopenhagens und der ans Kinderfernsehen erinnernden Ästhetik der im Studio gedrehten Effektsequenzen extrem hoch. Also beauftragte AIP Ib Melchior (der selbst schon haarsträubende SF-Filme mit bizarren Monstern wie »Weltraumschiff MR-1 gibt keine Antwort« inszeniert hatte), »Reptilicus« mit Amerikanern nachzusynchronisieren und die Spezialeffektszenen zu überarbeiten beziehungsweise stark zu kürzen. So kommt es, dass die beiden Fassungen des Films stark voneinander abweichen. Die durch die dänische Fassung zappelnde drollige Marionette von Reptilicus ist in der US-Version nur bruchstückhaft und durch Zeitlupe verfremdet zu sehen. Die herrlich naiven Flugszenen der geflügelten Riesenschlange über der Skyline eines Miniatur-Kopenhagen wurden gleich ganz entfernt. Dafür lässt Melchior Reptilicus einen nachträglich einkopierten giftgrünen Schleim auf die Bewohner Kopenhagens speien.
Den abgeklärten Monsterfan von heute kann ein liebenswert unbeholfenes altes Machwerk wie »Reptilicus« natürlich nicht mehr erschrecken. Da braucht es schon den blutigen Realismus von »The End of Oak Street«. Dort kann Denise ihren Ehemann Greg übrigens durch einen beherzten Sprung durch ein aufpoppendes Zeitloch in die Vergangenheit doch noch vor dem Tod im Rachen des geifernden Allosauriers bewahren. Zumindest im Monsterfilm darf man also noch auf ein Happy End hoffen.
Jörg Buttgereit
Autor und Regisseur für Film, Theater, Hörspiel und Comics ist unser Godzilla-Kenner in Residence. Aktuell veranstaltet er »Filmtalks des Grauens« am Schauspiel Köln.









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