San Sebastián Retro: In der Unterwelt

»Classe tous risques« (Der Panther wird gehetzt, 1960). © TF1 Droits Audiovisuels / Zebra Films

»Classe tous risques« (Der Panther wird gehetzt, 1960). © TF1 Droits Audiovisuels / Zebra Films

Als Retrospektive zeigte das Festival von San Sebastián eine Schau der Filme des Schriftstellers, Drehbuchautors und Regisseurs José Giovanni

Wer sich einmal die Mühe macht, nach den von José Giovanni geschriebenen oder inszenierten Filmen auf den in Deutschland verfügbaren Streamingplattformen zu suchen, wird nur sehr wenige finden. Obwohl in den Filmen von Giovanni, der ja in der Hauptsache im Krimigenre arbeitete (aber das vier Jahrzehnte seit den sechziger Jahren), die großen (männlichen) Stars des französischen Gangster- oder Polizeifilms auftraten, Jean-Paul Belmondo, Alain Delon, Jean Gabin, Lino Ventura. Das weist nicht nur wieder einmal darauf hin, wie dünn Filmgeschichte im Streaming vertreten ist (im Unterschied zu DVD und Blu-ray), es zeigt auch, wie wichtig eine Retrospektive für die Filmkultur und auch den Festivalzirkus ist. Und zwar eine, bei der man nicht mal schnell in den Archivkeller läuft und ein paar Rollen hervorholt.

In San Sebastián schloss die Retro José Giovanni an Vorgänger-Retros an: Als Erster verfilmte Jacques Becker (Retro 2016) 1960 – in seinem letzten Film – einen Roman von Giovanni, »Le Trou« (»Das Loch«), die zweite Verfilmung eines seiner Romane übernahm Claude Sautet (Retro 2022) mit »Classe tous risques« (»Der Panther wird gehetzt«, ebenfalls 1960), ein Regisseur, mit dem Giovanni befreundet blieb. »Le Trou« ist so etwas wie das Paradigma aller späteren Ausbruchsfilme im Kino, sechs Mann in einer Zelle im »Prison de la Santé«, die Stück für Stück ein Loch in den Boden graben, ein Film, der die praktische Arbeit des Ausbruchs in den Vordergrund stellt, physisches Kino. Die Darsteller der Männer waren teilweise ehemalige echte Gefangene. »Le Trou« war der erste Roman von Giovanni, 1957 erschienen, und durchaus autobiografisch. Erst 1956 kam Giovanni nach über elf Jahren Haft frei, eine Zeit lang drohte ihm sogar die Todesstrafe. Er war Mitglied einer Bande, die drei Morde verübt hatte. Der Résistance, wie er lange behauptet hatte, gehörte er nie an, ganz im Gegenteil, er war Mitglied der paramilitärischen Vichy-Truppe »Milice« – ein Kollaborateur.

Giovanni war schon als Roman- und Drehbuchautor bekannt, als er 1966 seinen ersten eigenen Film drehte, »La Loi des survivants« (»Rache ist nicht nur ein Wort«), 14 Kinofilme sollten folgen. Die meisten seiner Filme und die nach seinen Vorlagen (er hat an 33 Drehbüchern mitgearbeitet) sind Innenansichten der Welten von Gangstern und Kriminellen. Aber Giovanni verteufelt sie nicht, er stilisiert sie auch nicht überlebensgroß oder ins Mythische. Es sind Professionals ihres Metiers, in dem die Gesetze von Freundschaft, Loyalität und Ehre ebenso gelten wie anderswo auch – vielleicht mehr noch als beim gegenläufigen System, der Polizei. In dem von Giovanni selbst inszenierten »La Scoumoune« (»Der Mann aus Marseille«, 1973) – sicherlich nicht sein bester Film – geht ein Pistolero aus der Bordell- und Casinoszene Marseilles in den dreißiger Jahren für und mit seinem besten Freund (dargestellt von Michel Constantin, ein großartiger Nebendarsteller, der oft in Filmen aus dem Giovanni-Kosmos mitwirkte) in eine über zwei Jahrzehnte währende Haft, über die die deutsche Besatzung, die Résistance und die Nachkriegszeit förmlich hinwegrollen. »Der Mann aus Marseille« ist ein Vehikel für Jean-Paul Belmondo (wie »Ho! Die Nummer eins bin ich« aus dem Jahr 1968 auch), den damals populärsten Star des französischen Actionkinos und »Polar«. Etwas Vergleichbares hat ja das bundesdeutsche Kino, weder die Altbranche noch der junge deutsche Film, nicht hervorgebracht.

Viele der Filme von Giovanni haben einen geradezu dokumentarischen Touch, verbunden mit einer fatalistischen Melancholie. Am schönsten hat das vielleicht Jean-Pierre Melville in »Le deuxième souffle« (»Der zweite Atem«, 1966) realisiert, einem zweieinhalbstündigen Gangsterepos, das nach dem Roman »Un règlement de comptes« von Giovanni, der auch am Drehbuch mitschrieb, entstand. Auch hier gehört die Sympathie des Films den Kriminellen, die bei einem Überfall skrupellos zwei Polizisten erschießen, die beiden ermittelnden Polizisten dagegen kommen eher unsympathisch herüber: der eine, Blot in Paris, ist ein arroganter Zyniker, der andere, Fardiano in Marseille, schreckt auch vor Folter nicht zurück. Und wenn es eine Moral gibt, dann verkörpert sie der aus dem Gefängnis ausgebrochene Gustave (gespielt von Lino Ventura), den der Marseiller Kommissar Fardiano durch eine Falle zu einem belastenden Geständnis zwingt und der bis in den Tod nicht ruht, seine Ehre wiederherzustellen. Melville, dessen Filme in den Programmkinos der siebziger Jahre (wieder)entdeckt wurden, ist in diesem in Schwarzweiß gedrehten Film weniger an Spannung interessiert denn an der Mechanik des Verbrechens: Der Raubüberfall in den Bergen von Marseille ist mit seinen Totalen für sich allein ein Meisterwerk.

Auch »Dernier domicile connu« (»Der Kommissar und sein Lockvogel«, 1970), einer der besten von Giovanni selbst inszenierten Filme, hat diese dokumentarisch wirkende Herangehensweise – nur ist es diesmal Polizeiarbeit. Als Kommissar Leonetti (Lino Ventura) einen reichen Schnösel betrunken in einem Mercedes 300 SL festnimmt, wird er aufgrund der Intervention von dessen Vater einer anderen Aufgabe zugeordnet: Er muss nun mithilfe einer jungen Polizistin (Marlène Jobert) als Lockvogel in den Kinos »Perverse« aufspüren. Bis die beiden eine wichtigere Aufgabe bekommen: Sie sollen nach einem untergetauchten Zeugen suchen, der in einem Strafprozess gegen einen Gangsterboss aussagen soll. Aber auch dessen Schergen sind hinter ihm her. An diesem Film fasziniert vor allem die Zusammenarbeit zwischen dem Kommissar und seiner Assistentin – jeder TV-Krimi heutzutage hätte da erst mal eine Folge darüber gebraucht, wie die beiden sich als Team finden. Und dass Giovanni, dessen Kino ja eher maskulin bestimmt ist, den beiden Momente gegenseitiger Sympathie gönnt, ist in seinem Kosmos eher ungewöhnlich. Dass dann der Zeuge am Ende ermordet wird, weil die Polizei ihn nicht schützt, sondern ihn quasi ausliefert – das wirkt dann schon eher wie ein Standard im Werk von Giovanni.

Zur Retro ist eine Monografie mit englischer Übersetzung von Felipe Cabrerizo erschienen: »No hay vida plena sin piedad«. Erhältlich über das Filmfestival.

 

Der erste große Text über Giovanni in Deutschland erschien in epd Film 6/86. Karlheinz Oplustil: »Bis ans Ende gehen. José Giovanni und das gefährliche Leben«.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt