Kritik zu Der Magier im Kreml
Olivier Assayas erzählt in einem rasanten Ritt den Aufstieg Putins durch die Augen seines nur halbwegs fiktiven Beraters.
Olivier Assayas hat sich hier einiges vorgenommen: den Weg Russlands vom Ende des Kalten Krieges über den Aufstieg eines KGB-Agenten zum Präsidenten bis in den Putinismus der 2010er Jahre nachzuzeichnen und in den Maschinenraum der Macht zu blicken – dafür wirken sogar die zweieinhalb Stunden, die sich der »Der Magier im Kreml« nimmt, recht knapp bemessen.
Zwar betont der »Disclaimer« zu Beginn, alles Folgende beruhe auf dem gleichnamigen Roman von Giovanni da Empoli und sei fiktiv, doch der Wiedererkennungswert ist beträchtlich, und Assayas und sein Co-Autor, Schriftsteller Emmanuel Carrère (»Yoga«, »V13«), ändern nur wenige Namen. Putin heißt Putin und wird mit glaubwürdiger Eiseskälte porträtiert von Jude Law. Er kommt allerdings erst ins Spiel, als der Film fast eine Stunde läuft, denn die eigentliche Hauptfigur ist Wadim Baranow, dem ehemaligen Putin-Berater Wladislaw Surkow nachempfunden: ein genialer Medienmanipulator und Strippenzieher der Macht. Paul Dano legt ihn verhalten, bedächtig und leise sprechend an – gefährlich leise, ein unscheinbarer, schwer greifbarer Typ, der sein Geheimnis bis zum Ende bewahrt.
Baranow gehört auch die Rahmenhandlung: Ein amerikanischer Journalist (Jeffrey Wright) erhält da unverhofft eine Einladung, diesen geheimnisvollen Mann zu treffen, und der erzählt ihm seine Geschichte. Im wilden Moskau nach dem Fall der Sowjetunion, als die neue Freiheit erprobt wird, treibt sich der junge Baranow in der Kunstszene herum und macht Avantgardetheater; in den folgenden Jahren der Goldgräberstimmung und des Wildwest-Kapitalismus gewinnt er Einfluss als Reality-TV-Macher und erlernt die Kunst der Manipulation, die er als Spindoktor – oder »Zauberer« – an der Seite des neuen Präsidenten Putin zu voller Entfaltung bringen kann. Als Gegenpol zur Politik gibt es Ksenia, gespielt von Alicia Vikander, Baranows große Liebe und ein unabhängiger Geist, die zum unbarmherzigen Spiegel seiner Skrupellosigkeit wird.
In rasantem Tempo und mit einer Vielzahl von Schauplätzen, Figuren und Dialogen geht die Erzählung voran, bisweilen entlang historischer Marksteine wie dem zweiten Tschetschenienkrieg oder dem Untergang der »Kursk«. Die Atemlosigkeit des Films bei immer wieder brillanten Beobachtungen und geschliffenen Sätzen kann beim Zuschauen zu einer gewissen Überforderung führen. Und lässt etwas wehmütig an »Carlos – Der Schakal« denken, in dem Assayas ein ähnlich weites historisches Panorama (des internationalen Terrorismus der 1970er und 1980er Jahre) entwarf, das in der Fassung als Miniserie von fünfeinhalb Stunden einen ungleich stimmigeren Rahmen fand.
Dennoch: Der neue Film steckt voller faszinierender Momente. Und er rührt an Fragen der Macht und der Manipulation, die ungemütlich aktuell sind. Etwa wenn Baranow beim Besuch einer »Trollfabrik« darüber philosophiert, dass es nicht darum gehe, den Gegner zum eigenen Narrativ zu bekehren. Viel effizienter sei es, ihn durch widersprüchliche Informationen und Meinungen zu verwirren, ihn konsequent verrückt zu machen. »Man macht es wie mit einem Draht: Man biegt ihn mal in diese, dann wieder in die andere Richtung, bis er bricht.«




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns