arte-Mediathek: »Etty«

»Etty« (Serie, 2025). © Anne Wilk/Mark de Blok

© Anne Wilk/Mark de Blok

Hagai Levis Serie versetzt die wahre Geschichte der Jüdin Etty Hillesum, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde, in eine nicht näher definierte Gegenwart – ein Experiment

Es gibt Bilder, von denen man glaubte oder zumindest glauben wollte, sie gehörten der Vergangenheit an. Bis sie plötzlich wieder erschreckend vertraut wirken. »Etty« reagiert auf dieses Unbehagen, indem es Geschichte nicht rekonstruiert, sondern in die Gegenwart verschiebt. Die sechsteilige Serie erzählt das Leben der niederländischen Jüdin Etty Hillesum in den Jahren 1941 bis 1943, aber sie tut es ohne die Distanz einer historisierenden Inszenierung. Amsterdam wirkt wie aus der Zeit gefallen, Straßen und Wohnungen beinahe gegenwärtig. Etty etwa trägt Jeans. Die Zeichen der NS-Herrschaft bleiben zurückgenommen, die Bedrohung ist da, aber selten ausgestellt.

Im Zentrum steht eine junge Frau (Julia Windischbauer), die zunächst vor allem mit sich selbst beschäftigt ist: sprunghaft, unsicher, voller innerer Unruhe. Die Begegnung mit dem Psychoanalytiker Julius Spier (Sebastian Koch) setzt bei ihr einen Prozess der Selbstbefragung in Gang. Während die äußeren Bedingungen sich verschärfen, gewinnt Etty eine Haltung, die weder heroisch noch gefestigt wirkt, sondern tastend im Denken, Schreiben und Sprechen entsteht.

Die unter anderem von der Berliner Komplizen Film koproduzierte Serie, die nach der Weltpremiere in Venedig nun auf Arte zu sehen ist, greift dabei eng auf die Tagebücher zurück, die Hillesum Anfang der 1940er Jahre führte und in denen sie sich, inmitten von Verfolgung, eine Form innerer Autonomie erarbeitet. Entsprechend zurückgenommen ist in der Serie die Handlung, der Fokus liegt auf Ettys Innenleben, den Zweifeln, Einsichten und Rückfällen.

Levi verzichtet auf die geläufigen Bilder des Holocaust. Keine gelben Sterne, kaum sichtbare Täter, keine ikonographischen Gewissheiten. Die Verfolgung zeigt sich in kleinen Verschiebungen: ein Ausschluss hier, ein Verbot dort, eine Stimmung, die kippt. Antisemitismus erscheint als Prozess, nicht als abgeschlossenes Ereignis. Dass diese Entscheidung auch mit der Gegenwart zu tun hat, ist offenkundig.

Der 62-jährige Levi hat selbst beschrieben, wie ihn die Bilder des Hamas-Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023 und der darauffolgenden Gewalt geprägt haben. Seine Serie rückt die Geschichte aus der Distanz, zwingt zur Übertragung in die Gegenwart. Hier entzündete sich auch Kritik in Hagais Heimat. Die Reduktion der sichtbaren NS-Realität schwäche, so der Einwand israelischer Medien, die historische Wucht der Geschichte und erschwere das Verständnis ihrer konkreten Bedingungen. Ein berechtigter Einwand, wobei gerade diese Verschiebung den Blick schärfen kann, weil sie die Mechanismen von Ausgrenzung und Gewalt aus dem musealen Rahmen löst. Wie verhält sich ein Mensch unter wachsender Entmenschlichung? Welche Form von Mitmenschlichkeit ist möglich, ohne sich der Realität zu entziehen? Hillesums radikale Ablehnung von Hass bildet dabei den moralischen Kern. Ihre Spiritualität ist eher ein innerer Dialog als ein religiöses Bekenntnis. Die 29-jährige Österreicherin Julia Windischbauer spielt Etty nicht als Heilige, sondern als widersprüchliche Figur, deren Entwicklung immer prekär bleibt. Dass die Serie vor der Deportation endet, wirkt konsequent. Der Blick bleibt auf dem, was vorausgeht, verweigert den erwartbaren historischen Abschluss und verstärkt die Irritation.

Nach psychologisch präzisen Serien wie »BeTipul« (dem israelischen Original der »In Treatment«-Serien in den USA, Frankreich und anderswo), »The Affair« und zuletzt dem HBO-Serien-Remake von Ingmar Bergmans »Szenen einer Ehe« treibt Levi hier seine Interessen weiter, nur unter verschärften Bedingungen. Die Intimität bleibt, erweitert in einen historischen und gesellschaftspolitischen Kontext. Das Ergebnis ist kein klassisches Geschichtsdrama, sondern ein sperriges, faszinierendes Gedankenexperiment.

OmeU-Trailer

Meinung zum Thema

Kommentare

Wo ist die Etty Hillesum, die ich in den Tagebüchern kennengelernt habe?
Es ist verdienstvoll, die Geschichte von Etty Hillesum heute wieder ins Bewusstsein zu rufen. Und wenn diese Serie dazu beiträgt, dass viele Menschen dieser suchenden, leidenden und zugleich tief menschlichen Frau begegnen, dann hat sie bereits etwas Wichtiges erreicht.
Hagai Levi lässt die Geschichte der Jüdin Etty Hillesum, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde, in einer gegenwärtigen Bildsprache spielen. Ob dieses Experiment der Enthistorisierung Etty wirklich näherbringt, ist für mich allerdings die erste Frage. Unbestreitbar berührt die Serie durch die schonungslose Darstellung der zunehmenden Brutalität jener Zeit: der Selbstmord ihres Professors im ersten Film „Ein kleines Stückchen Chaos“, die immer häufiger auftauchenden Schilder „Juden nicht gestattet“, ihr Ausschluss von der Universität, die erzwungene Abgabe der Fahrräder und deren sinnlose Zerstörung, die sie mit ansehen muss. Besonders erschütternd ist gegen Ende der blanke Zynismus der Fahrkartenverkäuferin, die ihr erklärt, die Fahrkarte nach Westerbork sei kostenlos. Wie historisch zutreffend die äußerst negative Darstellung des Judenrates und der Möglichkeiten persönlicher Freistellung vom Abtransport ist, mögen Historiker beurteilen. Dramaturgisch hebt die Serie dadurch Ettys Entscheidung natürlich umso stärker hervor.
Auffällig ist, dass die Serie ihr Augenmerk stark auf Ettys psychologische Probleme richtet. Zweifelsohne waren sowohl ihre Familie als auch sie selbst belastet, und ihre Tagebücher sprechen davon offen. Dennoch stellt sich die Frage, ob dieser Fokus ihre eigentliche Sinnsuche und die religiöse Dimension eher verdeckt als sichtbar macht. Das positive Urteil von Herrn Snaider kann ich deshalb nicht teilen.
Der zweite Film trägt den Titel „Das Mädchen, das nicht knien konnte“. Im Tagebuch erscheint dieser Ausdruck zunächst als möglicher Titel einer Novelle. Der Regisseur nutzt ihn jedoch vor allem, um Ettys schriftstellerischen Ehrgeiz und ihre Unsicherheiten hervorzuheben. Am 22. November 1941 schreibt sie:
„Es ist interessant, dass ich in letzter Zeit voller Schöpfungsdrang bin und eine Novelle schreiben möchte: ‚Das Mädchen, das nicht knien konnte‘ oder so etwas in der Art …“
Doch schon im selben Eintrag wird deutlich, worum es ihr eigentlich geht: um den inneren Durchbruch zu einer neuen Wahrheit, um Menschenliebe und um Gott. Sie schreibt:
„Der plötzliche Durchbruch zu etwas, das meine eigene Wahrheit werden soll. Menschenliebe, für die es zu kämpfen gilt. Aber nicht in der Politik oder in einer Partei, sondern in mir selbst.“
Und wenig später formuliert sie den eigentlichen Kern:
„Das Mädchen, das nicht knien konnte und es dann doch lernte auf der rauen Kokosmatte in einem unordentlichen Badezimmer.“
Hier beginnt jene geistliche Bewegung, die ihr Tagebuch im Innersten prägt. Am Karfreitag 1942 notiert sie:
„Manchmal, in Momenten großer Dankbarkeit, ist es mir ein unaufhaltsames Bedürfnis niederzuknien … Ist denn überhaupt etwas so intim wie die Beziehung des Menschen zu Gott?“
Gerade diese Tiefe erreicht die Serie für mich nicht.
Ein weiterer Schwerpunkt des Regisseurs sind Ettys Beziehungen zu älteren Männern, insbesondere zu Han und Julius Spier. Sicherlich sind diese Beziehungen wichtig für ihr Leben und ihre Entwicklung. Doch auch hier entsteht der Eindruck, dass ihre eigentliche literarische und geistliche Suche hinter psychologischen und erotischen Motiven verschwindet.
Besonders deutlich wird das in einem Tagebucheintrag vom 20. Juni 1942. Nach einer stillen, vertrauten Begegnung mit Han beschreibt sie den Sommerabend und schreibt schließlich:
„Vielleicht kann ich meine heutige Verfassung am besten charakterisieren, indem ich sage, dass der Himmel in mir genauso weit aufgespannt war wie derjenige draußen an diesem vollkommen stillen Sommerabend.“
Und dann erreicht ihr Denken jene erstaunliche geistige Klarheit, die sie für mich so einzigartig macht:
„Zum Erniedrigen braucht es immer zwei. Einer, der erniedrigt, und einer, der sich erniedrigen lässt.“
Sie widerspricht damit jeder inneren Kapitulation. Trotz aller Verfolgung hält sie an der Freiheit des Inneren fest:
„Man kann uns nichts anhaben, man kann uns wirklich nichts anhaben.“
Diese Freiheit gründet nicht in Verdrängung, sondern in einer tiefen Gottesbeziehung und einer radikalen Menschenliebe:
„Ich glaube an Gott und ich glaube an die Menschen.“
Gerade diese geistige Größe und Menschlichkeit bleiben in der filmischen Umsetzung oft im Hintergrund.
Ähnlich verhält es sich mit dem Titel des fünften Films: „Vorstufe zu einer wirklich großen Liebe“. Dieser Satz stammt aus einem Gespräch mit Spier vom 25. September 1941. In der Serie scheint sich diese „große Liebe“ vor allem auf ihre Beziehung zu ihm zu beziehen. Doch wer ihre Tagebücher liest, spürt, dass sich ihre Liebesfähigkeit weit darüber hinaus entfaltet – hin zu den Menschen insgesamt und letztlich hin zu Gott.
Der Titel der sechsten Folge – „Ein Verband für viele Wunden“ – kommt diesem eigentlichen Anliegen Ettys näher. Am 13. Oktober 1942 schreibt sie:
„Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein.“
Darin zeigt sich ihre gereifte Menschlichkeit: nicht Selbstbespiegelung, sondern das Bedürfnis, Leid mitzutragen und Trost zu schenken.
Warum die Serie dem Thema Abtreibung einen so breiten Raum gibt, bleibt für mich ebenfalls fraglich. In den Tagebüchern selbst spielt dies kaum eine Rolle. Auch hier scheint ein modernes Deutungsinteresse stärker hervorzutreten als Ettys eigentliche innere Bewegung.
Am Ende bleibt für mich deshalb die Frage: Wo ist jene Etty Hillesum, die ich in ihren Tagebüchern kennengelernt habe? Die Frau, die inmitten von Verfolgung und Vernichtung zu einer erstaunlichen inneren Freiheit fand? Die trotz allem sagen konnte:
„Ich finde das Leben schön und ich fühle mich frei.“
Gerade darin liegt ihre eigentliche Größe – in einer tiefen Menschlichkeit, die aus ihrer Gottesbeziehung erwächst und selbst unter den dunkelsten Bedingungen nicht zerstört werden konnte.
Und darum gebe ich dem heutigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz recht:. "Aus meiner Sicht sollte das Tagebuch von Etty Hillesum Pflichtlektüre in den deutschen Schulen sein", sagte Bischof Wilmer seinerzeit. Eine Idee, die Regisseur Levi im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) unterstützt: "Es würde sich für junge Menschen heute sehr lohnen, Etty zu entdecken." Vielleicht kann die sechsteilige Serie ein erster Zugang zu ihrem Tagebuch sein.
Hubert Keßler
Kulturinitiative e.V.

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