Kritik zu Carlos – Der Schakal

© Warner Bros.

Olivier Assayas' als TV-Dreiteiler produziertes Epos über den einstmals meistgesuchten Mann der Welt ist eine lange, wilde Reise durch den Terrorismus der 70er und 80er Jahre

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Fünfeinhalb Stunden dauert dieser Film in seiner vollen Länge. Fünfeinhalb Stunden, in denen er ungemein packend ein Panorama von Geschichte, Gewalt und internationalen Verflechtungen entfaltet. Olivier Assayas' Biopic über Ilich Ramirez Sanchez, genannt Carlos, den berüchtigtsten Terroristen der 1970er und 80er Jahre, ist zunächst einmal mitreißendes, sinnliches, großes Kino.

Sein episches Ausmaß und seine thematischen Dimensionen lassen an Werke der vergangenen Jahre wie Richets »Public Enemy No. 1«, Soderberghs »Che« und Spielbergs »München« denken, auch an den allzu sehr gescholtenen »Baader Meinhof Komplex«. Ähnlich wie diese Filme schildert Assayas seine Geschichte in einer teils stakkatohaften Folge von Planungen, Aktionen, Fluchtbewegungen. Doch sein Film schafft es wie vielleicht kein anderer, in diesem Sog aus äußerer Handlung niemals seine Konzentration zu verlieren. Actionszenen und intime Momente sind mit enormem Instinkt sowohl für den Rhythmus des Ganzen als auch für die Bedeutung jeder Einzelheit montiert. Und was Assayas über seine Rekonstruktion der OPEC-Geiselnahme sagt, trifft auf das Werk als Ganzes zu: »Sie folgt keiner Drehbuchlogik, sondern der Logik der Ereignisse und des Raums.« Sein Film ist darüber hinaus eine akribische historische Recherche, die ihre Wissenslücken mit so gewissenhafter wie selbstbewusster Fiktionalisierung füllt.

Die Handlung setzt damit ein, dass sich der linksrevolutionäre Venezolaner Anfang der 70er Jahre für die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) engagieren lässt, gefolgt von verschiedenen Anschlägen in Europa. 1975 wird er mit dem Mord an zwei Polizisten und einem PFLP-Kontaktmann in Paris und der spektakulären Geiselnahme bei der OPEC-Konferenz in Wien zum meistgesuchten Mann der Welt, zum Medienstar – und zum Mythos: Carlos, der Schakal, Carlos, das Phantom, ein internationaler Strippenzieher des Terrorismus. Berufsrevolutionär oder nur skrupelloser Söldner? Aus der Perspektive dieser Biografie zeichnet Assayas das komplexe Bild einer Epoche – der Spätphase des Kalten Krieges und Frühphase des modernen Terrorismus. Mit Details, die heute geradezu absurd erscheinen: Da werden Panzerfäuste problemlos in Flughäfen gebracht; Polizisten klingeln unbewaffnet bei Terrorverdächtigen; bis an die Zähne bewaffnete Terroristen spazieren einfach so in internationale Konferenzen. Doch so vorsintflutlich die Sicherheitsorgane agieren, so globalisiert erscheint hier bereits der Terror: die ganze Welt ein einziger großer Marktplatz der Interessen. Zahlreich wie Carlos' Verbindungen zu revolutionären Gruppierungen und Geheimdiensten sind auch die Schauplätze, die gesprochenen Sprachen und die Akteure des Films. Ein starkes Ensemble hält das Mosaik zusammen, allen voran Édgar Ramírez als Carlos, doch auch zahlreiche Deutsche wie Nora von Waldstätten, Alexander Scheer und Christoph Bach. Geradezu umwerfend ist Julia Hummer als halb wahnsinnige Terroristin Nada.

Wer aber war und ist der Mensch Carlos, der mindestens acht Morde begangen haben soll und sich selbst mit 83 Morden brüstet? Der Film zeichnet ein vieldeutiges, auch widersprüchliches Bild. Am Anfang kann man Carlos für einen überzeugten Revolutionär halten, doch seine Eitelkeit und Gier treten immer stärker hervor. Er ist autoritär und skrupellos, lebt wie ein Playboy und agiert wie ein Unternehmer – ein Kapitalist. Er ist Macho und Frauenheld. Nackt posiert er vor dem Spiegel, unendlich verliebt in seine eigene Männlichkeit. Dann wieder lässt er sich gehen, seinen Körper verfallen.

Carlos insinuiert zwar eine Art Déformation professionelle, aber er enthält sich jeder psychologischen Ausdeutung und moralischen Bewertung. Auch das macht ihn zu einem großen Film. Die Moral dieses Werks liegt in seiner Ausführlichkeit und historischen Akkuratesse. Und Carlos, der Schakal, muss wohl bleiben, was letztlich jeder Mensch ist: ein ungelöstes Rätsel.

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