Kritik zu Die Stimme von Hind Rajab

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Kaouther Ben Hania erzählt von den letzten Stunden eines eingeschlossenen Kindes in Gaza ­anhand authentischer Telefonmitschnitte und einer klassisch dramatisierten Spielfilm­inszenierung des ­Rettungseinsatzes. Die Reibung zwischen Dokument und Dramaturgie prägt Wirkung und moralisches Dilemma des Films

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Dass Filme immer auch eine Frage der Moral sind, ist so lange eine Binsenweisheit, bis es an die Praxis des Filmemachens und des Filmesehens geht. Dann wird es kompliziert.

Eine Frage der Moral ist das Filmemachen auf drei Ebenen: Erstens geht es um das Sujet und seine Behandlung, das heißt um die Frage, wovon und aus welcher Perspektive erzählt oder berichtet wird. Zweitens geht es um das Filmemachen selbst, also die Art, wie die Autorinnen, Regisseure und Produzenten miteinander umgehen, tyrannisch, solidarisch, ausbeuterisch oder respektvoll, und wie sie es mit der Welt tun, von der sie Zeugnis geben sollen. Und drittens geht es um die Wahl der eingesetzten Mittel, der Erzählweisen, der Genres, der Stile, also darum, wie von etwas erzählt oder berichtet wird.

Zum Zusammenhang dieser drei Ebenen der filmischen Moral gibt es zwei diametral entgegengesetzte Auffassungen. Die erste könnte man unter das Motto stellen: Der Zweck heiligt die Mittel. Wer also nach dieser Auffassung eine Wahrheit oder Wirklichkeit bezeugen will, der kann in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich sein. Und die Gegenthese, vielleicht nach etwas Walter-Benjamin-Lektüre, könnte lauten: Die Wahl der Mittel wirkt stets auf den Zweck zurück, unter Umständen auf durchaus toxische Weise.

Natürlich besteht die Praxis des Filmemachens, und andersherum des Filmesehens, in der Regel in einem Kompromiss. Es gibt wohl kaum vollkommen »unschuldige« Filme, und selbst in Filmen höchst unsympathischer Machart kann ein Wahrheitskern stecken. Aber das enthebt zumindest die Kritik nicht der Aufgabe, sich neben der Moral des Sujets auch Gedanken über die Moral der Erzählweise zu machen.

Vielleicht ist der Film »Die Stimme von Hind Rajab« von Kaouther Ben Hania so ein Fall, in dem man Widersprüche zwischen dem Sujet eines Filmes und seinen Stilmitteln diskutieren muss. Man kommt wohl nicht darum herum, auch wenn man die Notwendigkeit anerkennt, dass diese Geschichte erzählt werden muss: Während des Krieges in Gaza steckt am 29. Januar 2024 ein sechs Jahre altes Mädchen, Hind Rajab, im Wrack eines Automobils fest, das von der israelischen Armee zerstört wurde; ihre Angehörigen – ihr Onkel, ihre Tante und deren Kinder, mit denen sie die Flucht aus Gaza riskierte, sind tot, ihre einzige Verbindung mit der Welt ist das Mobiltelefon, mit dem sie flehentlich um Hilfe ruft. Bei der Hilfsorganisation Roter Halbmond wird nun versucht, das Mädchen zu retten, allerdings benötigt man dazu einen ausgehandelten Korridor, sonst wird auch der Krankenwagen beschossen. Nach vielen Anstrengungen scheint ein solcher Korridor schließlich ausgehandelt, doch weil eine Straße blockiert ist, gibt es eine kleine Abweichung. Und auch die Besatzung des Rettungseinsatzes verliert das Leben; Hind Rajab stirbt in dieser Nacht.

Es gibt kaum schrecklichere Episoden in diesem an Schrecken so reichen Krieg, und die Regisseurin hat vollkommen recht, wenn sie sagt, dass davon zu erzählen zugleich eine konkrete Erinnerungsarbeit ist und ein universales Sinnbild für die Gewalt des Krieges, die immer wieder die Schwächsten trifft. Um sie zu erzählen, lässt sie sich allerdings auf ein gefährliches Spiel mit einer Hybridform zwischen dokumentarischem Material und Spielfilmelementen ein. Das dokumentarische Material, das ist die Aufzeichnung von 70 Minuten der realen Telefonverbindung, die der Rote Halbmond der Regisseurin zur Verfügung stellte. Sie allein ist so eindringlich, dass man vor Mitleid und Zorn zu zerspringen meint. Um diese Aufnahmen aber baut die Regisseurin einen dramatischen Vier-Charaktere-Plot aus der Einsatzzentrale der Rettungsstelle auf, und bis kurz vor dem Schluss bleibt die nach­gebaute PRCS-Einsatzzentrale auch einziger Handlungsort.

Vier sehr unterschiedliche Charaktere, zwei Männer und zwei Frauen, kämpfen zwischen verzweifeltem Mut und psychischem Zusammenbruch darum, die Rettung für das Mädchen zu organisieren und sie zugleich, soweit es möglich ist, am Telefon zu trösten und ihr Hoffnung zu geben. Die Typen sind klar konturiert: Da ist der Leiter der Zen­trale, der immer mit Bürokratie und Verbindungen kämpfen muss, um einen sicheren Korridor für seine Mitarbeiter zu finden, die er auf keinen Fall opfern will, und da ist sein Widerpart, der junge Mann, der es nicht erträgt, dass nichts getan werden kann, und daher verbal und schließlich auch körperlich mit seinem Vorgesetzten aneinandergerät, der sich sogar in der Toi­lette einschließen muss, um ein sinnloses Opfer zu vermeiden. Da ist die junge Frau, die am Telefon eine intensive Verbindung mit dem Mädchen aufbaut, solange, bis sie zusammenbricht und von ihrer älteren, kontrollierteren Kollegin ersetzt werden muss. Immer wieder gibt es Hoffnungsschimmer, immer wieder Enttäuschungen. Das Ende ist bekannt. In einer Coda sehen wir die zerstörten Automobile und den Abschied der Mutter von ihrem Kind.

Die doppelte Situation von Klaustrophobie und Hilflosigkeit, noch einmal gesteigert durch den nahen Einbruch der Nacht, der das Kind so sehr ängstigt wie die Bewegungen und das Feuern der Panzer in der Nähe, die Absurdität der räumlichen Nähe und gleichzeitigen Unerreichbarkeit übertragen sich direkt auf das Zuschauen. Es bedarf keiner expliziten Gewaltabbildung, um die Grausamkeit der Situation zu empfinden. Die Schauspieler – Saja Kilani, Motaz Malhees, Clara Khoury und Amer Hlehel – agieren absolut überzeugend und intensiv.

Aber vielleicht beginnt damit auch das Problem. Die Szenen in der PRCS-Einsatzzentrale entsprechen bis in Kamerabewegungen und Montage hinein den emotionalen Codes eines Hollywoodthrillers, und die vier Charaktere in ihren Beziehungen und Konflikten untereinander sind fast lehrbuchhaft dem Repertoire des klassischen Katastrophenfilms entnommen. »Die Stimme von Hind Rajab« muss uns immer wieder daran erinnern, dass wir nicht in einer Genrefiktion, sondern in furchtbarer Wirklichkeit stecken. Selbst die Einführung – eine planmetrische Vorstellung der Crew – und das Ende – die Öffnung des Raumes und die Wiederkehr des Lichts – lassen an die Klassiker der Disaster Movies denken. Vielleicht steckt diese Erzählweise schon so tief in unserem Empfinden, dass wir sie als »wirklich« wahrnehmen.

Die Frage ist also, ob sich bei einer solchen Verbindung von Dokumentarischem und Genrefiktion nicht das eine zum anderen als Verräter verhalten muss. Wenn wir die Stimme von Hind Rajab hören, möchte man gelegentlich, dass man damit aufhört, sie in eine fiktionale Spannungsdramaturgie einzubauen, und in manchen PRCS-Szenen könnte man umgekehrt das Gefühl entwickeln, es wäre ein beliebig anderes Geschehen als das reale in Gaza als Auslöser einzusetzen. Ginge es nicht um ein solch schwerwiegendes Thema, würde man wohl von der Kombination einer realen Stimme mit einer Spielfilmhandlung als postmodernem »Effekt« sprechen.

»Die Stimme von Hind Rajab« ist ein ehrbares und nicht zuletzt mutiges Unterfangen, gewiss. Aber neben der Anwendung von Stilmitteln, die man fragwürdig finden kann, wenn man nicht den guten Zweck über alles setzt, ist auch der sonderbare schwarze Glamour, der den Film seit seiner Uraufführung bei den Filmfestspielen in Venedig umgibt, der Aufmarsch der Hollywoodprominenz und die überinszenierten Auftritte der Filmemacher, nicht ohne eigenartigen Nebengeschmack. Eine Traummaschine wie die Hollywooddramaturgie kann möglicherweise den Schrecken der Welt mit ihren Mitteln durchaus widerspiegeln, ob aber eine direkte Verschmelzung nicht die vermutlich ganz und gar nicht angezielte Wirkung von Trivialisierung und Gewöhnung auslöst – ich bin mir da nicht sicher. Ein Film kann eben nicht nur in ein ideologisches, sondern auch in ein ästhetisches Dilemma führen.

Es gehört zu den ästhetisch-moralischen Blasen dieser Zeit, dass die Unterscheidung zwischen dem Authentischen und dem Fiktiven immer unsicherer wird. Das erzeugt neue Möglichkeiten und neue Gefahren. Man wird sich ihnen stellen müssen, auf beiden Seiten der Leinwand.

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