Kritik zu Olfas Töchter

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Ein wahrer Fall: In einer gewagten Mischung aus Dokumentarfilm und Reenactment erkundet die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania den Einfluss des Islamismus auf verschiedene Generationen von Frauen im modernen Tunesien

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Vor mehr als sieben Jahren geriet eine Tunesierin in die Schlagzeilen. Öffentlich kritisierte sie ihre Regierung, nicht genug gegen den Einfluss des Islamischen Staates zu tun. Voll Wut und Verzweiflung klagte die geschiedene Frau an, dass zwei ihrer vier Töchter nicht ausreichend geschützt worden wären. Olfa hatte die beiden noch jugendlichen Mädchen an den IS verloren. In ihrem Film versucht die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania (»Der Mann, der seine Haut verkaufte«) nun, die Umstände zu ergründen – in einem ungewöhnlichen Mix aus Dokumentation und Fiktion. Sie legt dabei Traumata frei, die über Generationen weitergetragen wurden. 

Da sitzen drei Frauen in einem dunklen Raum, sorgsam ausgeleuchtet blicken sie in die Kamera. Olfa, umrahmt von ihren beiden jüngeren Töchtern Eya und Tayssir. Olfa erzählt, dass sie diese Doku will, um aufzuklären und ihrem Anliegen Gewicht zu verleihen. Wie schmerzhaft dieser Weg für sie sein wird, ahnt sie da vermutlich noch nicht. Denn Olfa muss sich nicht nur ihren Erinnerungen stellen, sondern auch eigene Fehler eingestehen. Die Strenge, die Gewalt, die sie als Kind und Ehefrau erfahren hat, gab sie an ihre Töchter weiter. »Du bist von der Sünde besessen«, wird später eine ihrer Töchter zu ihr sagen. Und: »Du hast mich die Idee von Vater fürchten gelehrt.«

Ben Hania lässt die drei Frauen erzählen, und sie lässt zwei Schauspielerinnen in die Rollen der beiden verschwundenen Töchter Rahma (Nour Karoui) und Ghofrane (Ichraq Matar) schlüpfen. In einem von vielen hochemotionalen Momenten treffen die fünf aufeinander. Olfas Töchter sind betroffen von der Ähnlichkeit der Schauspielerinnen mit ihren Schwestern. Auch an die Stelle Olfas lässt die Filmemacherin hin und wieder die Schauspielerin Hend Sabri treten. Die beiden treten in einen Austausch über Olfas Leben, das von Licht und sehr viel Schatten geprägt ist. Immer wieder hat sie die Macht des Patriarchats zu spüren bekommen, von vielen Frauen, aber auch von ihrem Vater, ihrem Ehemann und ihrem Geliebten. Die männlichen Figuren werden dabei von Majd Mastoura verkörpert. Es zeigt eindrücklich und sehr subtil, dass sich Regeln und Verhaltensweisen in Gesellschaften über viele Generationen weitertragen. 

Kunstvoll setzt Ben Hania ihre Protagonistinnen in Szene, die jungen Frauen meist in schwarzer, modischer Kleidung. Nur ganz selten treten sie aus den engen, fast kammerspielartigen Räumen ins Freie.

Es gibt viele Tränen in diesem ungewöhnlichen, auf vielen Ebenen funktionierenden Film. Aber es wird auch viel gelacht. Was aber kein Zeichen dafür ist, dass Olfas Familie sich mit dem Verlust abgefunden hätte. Eher dafür, dass sie mit ihren eigenen Gefühlen und Handlungen offener umgehen. Am Ende bleibt Ben Hania die Antwort auf die Frage schuldig, warum sich die älteren Töchter radikalisiert haben. Und doch zeigt sie eindrücklich, was weitergegebene Traumata, Gewalterfahrungen und schmerzhafte Verluste mit den Menschen machen. Ein Kommentar zur aktuellen Weltlage ist es allemal.

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