Sky: »Lord of the Flies«

»Lord of the Flies« (Miniserie, 2026). © Eleven Film Ltd.

© Eleven Film Ltd.

Vom Südseeparadies zur grünen Hölle, vom Kinderspielplatz zum Schlachtfeld: Die BBC-Miniserie nach William Goldings berühmtem Roman trumpft mit berückenden Bildern auf.

Die 30 Jungs, die einen Flugzeugabsturz überlebten, hätten es schlimmer treffen können. Sie landen auf einer menschenleeren Insel mit Traumstrand und einem Dschungel, in dem ihnen die Früchte quasi in den Mund fallen. Die gefährlichsten Tiere bestehen aus Schweinen – ebenfalls essbar, sofern man den Mut aufbringt, sie abzuschlachten. Es ist angerichtet: In William Goldings berühmtem Roman wird eine paradiesische Südseeinsel zum Schauplatz eines barbarischen Spiels um Leben und Tod. Die wohlerzogenen 6- bis 13-jährigen Knaben, anfangs um Zusammenarbeit bemüht, bilden Rudel und regredieren zu Wilden, und zwar nicht von der edlen Rousseau'schen Art. Zuerst machen sie Jagd auf Schweine, dann auf ihresgleichen. In einer durch die noch frischen Gräuel des Zweiten Weltkriegs geprägten Epoche traf der 1954 veröffentlichte Roman des englischen Autors exakt den Zeitgeist und wurde als Parabel über die menschliche Natur und die ihr inhärente Gewalt gefeiert. Kultbuch und Schullektüre, fand »Herr der Fliegen« 1963 und 1970 auch ins Kino. Die vierteilige BBC-Miniserie bleibt nah an der Romanvorlage und weist eine ähnlich hochklassige Optik auf wie eine weitere Bestsellerroman-Verfilmung der BBC, die Serie »His Dark Materials«.

Anders als im Roman wird das Geschehen pro Episode jeweils aus der Perspektive einer der Hauptfiguren geschildert. Rückblenden auf Schlüsselmomente ihres Lebens dienen als psychologische Vertiefung der Charaktere. Gedreht in den Regenwäldern Malaysias, trumpft die Serie auf mit berauschenden Bildern voll Schönheit und Schrecken, changierend zwischen der Naturromantik eines Terrence Malick und dem wissenschaftlichen Lupenblick eines Sir David Attenborough. Eiland und Ozean machen, zwischen Enge und Weite, das Gefangensein spürbar. Mit psychedelischen Infrarotaufnahmen, Geistern unter Palmen und einem verwunschenen, von engelhaftem Chorgesang durchzogenen Soundtrack wird eine unheimliche Stimmung erzeugt. Wenn die unschuldigen Gesichter von Sechsjährigen direkt in die Kamera schauen, wird die vierte Ebene durchbrochen. Und wenn dieselben Kinder mit der Kriegsbemalung von Steinzeitmenschen mit selbstgebasteltem Speer durchs Unterholz stürmen, hört man fast die raunende Stimme von Werner Herzog.

Trotz des Colorblind-Castings mit PoC-Held Ralph als Vertreter von Demokratie und Anstand wird in der Schurkenrolle die Tradition hochgehalten. Jack, Anführer des Jäger-Teams, ist ein anmutiger Ephebe mit rosa Kussmund, blonden Locken und eisigen blauen Augen: jener »arische« Phänotyp, dem nicht nur Regisseure in Hassliebe verfallen sind. Tatsächlich wird Darsteller Lox Pratt, dessen erster Auftritt sofort an »Draco Malfoy« gemahnt, auch in der kommenden »Harry Potter«-Serie die blonde Bestie verkörpern. Mit Jacks verleugnetem Freund, dem sensiblen Simon, kommt, anders als im Roman, eine homosexuelle Unterströmung ins Spiel. Der eigentliche Held aber ist Jacks Antagonist Nicky, genannt Piggy. Der bebrillte, kränkliche und altkluge Junge, der vergeblich an Gesetz und Ordnung appelliert, wäre in einem Kinderfilm die nerdigwitzige Spaßbremse. Hier aber erscheint er als Schmerzensmann, dessen Martyrium mit Nahaufnahmen auf blutige Wunden ein wenig zu ausgiebig vorgeführt wird.

Gerade in der auf vier Folgen ausgebreiteten Geschichte erkennt man eben auch, dass bereits die Romanvorlage mit ihrer Anti-Robinson-Botschaft arg vordergründig und didaktisch aufgeblasen ist. Dass die anfangs unschuldigen Spiele der Jungs zu dionysischer Raserei ausarten, wirkt mehr behauptet als psychologisch schlüssig hergeleitet. Diese Plattheiten können auch von der theatralisch-opernhaften Inszenierung nicht gänzlich überdeckt werden. Insgesamt ein ambitioniertes Mystery- und Horrordrama mit Kindern für Erwachsene, das mit seinen grandiosen Bildern auch im Kino gut aufgehoben wäre.

OV-Trailer

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