Kritik zu Der Fremde

© Weltkino

2025
Original-Titel: 
L'etranger
Filmstart in Deutschland: 
01.01.2026
L: 
123 Min
FSK: 
12

Der gleichnamige Roman von Albert Camus gilt vielen als unverfilmbar, doch François Ozon gelingt es in seiner Adaption, neue Blickwinkel zu eröffnen

Bewertung: 4
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»Algerie Front de la liberté« steht in großen Lettern auf einer alten Steinmauer. Ein Graffiti, das in den 1930er Jahren die Unabhängigkeit Algeriens fordert. Dann Fes tragende Männer mit einem Plakat, auf dem sie proklamieren, Franzosen zu sein. »Vive la France«. François Ozon deutet gleich in den ersten Bildern den politischen Kontext von Kolonialherrschaft und aufkeimender Revolte an, in dem seine Albert-Camus-Adaption »Der Fremde« angesiedelt ist. Anders als im 1942 erschienenen Roman des späteren Nobelpreisträgers, der mit dem Satz beginnt: »Heute ist Mama gestorben«, zieht Ozon die Geschichte des Protagonisten Meursault von hinten auf, mit dessen Ankunft im Gefängnis, wo er der einzige Weiße in der überfüllten Sammelzelle ist. Auf die Frage, was er getan hat, antwortet er tonlos: »Einen Araber getötet.«

Lange galt Camus' Roman als kaum verfilmbar, selbst Luchino Visconti hatte sich mit seinem Versuch 1967 daran verhoben. Die radikale Subjektivität des Romans, sein unerschütterlich ichbezogener Blick, lässt sich nur schwer in Bilder übersetzen, ohne zur bloßen Illustration zu verflachen. Ozon begegnet dieser Herausforderung mit formaler Strenge und dem Verzicht auf psychologische Deutung. Seine Schwarz-Weiß-Bilder sind sorgfältig komponiert, der Kontrast ist scharf, das Spiel mit Licht, Schatten und Körpern präzise kalkuliert. Die Kühle der Form entspricht zunächst der Lakonie Camus', wirkt aber mitunter wie ein ästhetischer Filter, der die existenzielle Zumutung der Vorlage in stilisierte Oberflächen überführt.

Im Algier der Dreißiger folgt die Kamera Meursault (Benjamin Voisin) durch einen gleichförmigen Alltag aus Arbeit, Meer und beiläufiger Sinnlichkeit. Die Beziehung zu Marie (Rebecca Marder) ist von körperlicher Nähe bestimmt, nicht von innerer Regung; Ozon betont die Materialität der Welt – Wasser, Sand, Haut – als einzigen Bereich, in dem Meursault so etwas wie Intensität zulässt. Gegenfigur ist der schmierige Raymond (Pierre Lottin), dessen Gewalt gegen seine algerische Freundin Meursault in eine Konfliktspirale zieht, die im tödlichen Schuss auf ihren Bruder kulminiert. Die Tat erscheint zugleich zufällig und unausweichlich, ein Moment, in dem die Leere im Inneren sich mit der strukturellen Gewalt des kolonialen Systems kurzschließt. Der anschließende Prozess verhandelt, wie schon im Roman, weniger das Verbrechen als die Normabweichung. Meursault wird zum Gegenstand einer bürgerlichen Moral, die sich vor allem dafür interessiert, dass der Angeklagte bei der Beerdigung der Mutter nicht weinte.

Spannend ist, wie der Film mit den kolonialen Blindstellen der Vorlage umgeht. Ozon verleiht den algerischen Figuren zumindest punktuell eine Stimme: Die Schwester des Ermordeten klagt, dass sich niemand für ihren Bruder interessiert. Auf dem Grabstein am Ende steht erstmals ein Name, Moussa Hamdani. Damit orientiert sich Ozon sichtbar an postkolonialen Lesarten des Romans, bleibt dabei aber verhalten. Das Opfer ist nicht mehr anonym, aber dennoch primär Katalysator für den Erkenntnisweg des Protagonisten.

Benjamin Voisin gestaltet diesen Meursault als nahezu undurchdringliche Projektionsfläche. Seine sparsamen Gesten und der monotone Blick spiegeln den Kern der Figur, riskieren aber, sie dadurch charismatischer zu machen und so stellenweise das Gefühl radikaler Fremdheit abzuschwächen. Die berühmte »Gleichgültigkeit der Welt«, in die Meursault sich am Ende einfügt, ist weniger metaphysischer Schock denn die konsequente Pose eines Mannes, der beschlossen hat, sich nicht zu verstellen.

Im Kontext von Ozons bisherigem Werk erscheint »Der Fremde« zunächst wie eine asketische Übung, von ironischen Brechungen weitgehend befreit. Gleichzeitig schleichen sich vertraute Motive ein, das Interesse am Körper und an Figuren, die soziale Tabus überschreiten. Der Abspann mit »Killing an Arab« von The Cure setzt schließlich einen letzten Akzent. Der Song, seit seiner Veröffentlichung 1979 selbst Gegenstand von Missverständnissen und Kontroversen, schlägt eine Brücke zu heutigen Diskursen um Rassismus und Repräsentation. Und verdeutlicht mit diesem Schlussakkord den inneren Widerspruch eines Films, der zugleich historische Treue beansprucht und sanft Gegenwartssensibilität demonstriert.

Meinung zum Thema

Kommentare

Folgendes Experiment möchte ich empfehlen: Man nehme sich einen Tag Zeit, beginne am Vormittag den Roman „Der Fremde“ von Albert Camus, lese ihn des Nachmittags zu Ende und gehe am Abend ins Kino – natürlich in den Film „Der Fremde“ von Francois Ozon. Ich habe es selbst probiert (zeitlich durchaus zu schaffen) und konnte zwei außergewöhnliche Kunstwerke erleben: Ein Stück Weltliteratur zum einen und zum anderen die wunderbar passenden Bilder dazu, insbesondere was Figuren, Landschaften sowie die ganze Atmosphäre des von Frankreich kolonisierten Algier in der Mitte der 1930er Jahre betrifft.
An den ebenso rätselhaften wie realistischen Roman aber kann die Adaption allein schon deshalb nicht herankommen, weil Meursault – die von Benjamin Voisin ungeheuer eindrucksvoll gespielte Hauptperson – als Ich-Erzähler nahezu vollständig ausfällt. Er, der im Roman zwar wenig spricht – das hat er mit dem Film-Meursault gemeinsam – entwickelt indessen bei Camus von Anfang bis Ende eine unaufhörliche Gedankenflut, die ihn als exzellenten Beobachter der Welt um ihn herum ausweist und geradezu charakterisiert.
Ist das wichtig? Ich glaube ja. Weil im Grunde nur diese Rolle von Meursault als Ich-Erzähler dem Leser helfen kann, die Spur zur eigentlichen Idee der Geschichte zu finden. Der Protagonist ist nämlich gar nicht derart von absoluter Gleichgültigkeit geprägt, wie es fast alle literarischen Deutungen seit langem immer wieder behaupten, so dass manchen Rezensionen inzwischen mehr geglaubt wird als dem Original. Auch Regisseur Ozon und sein Film bleiben davon leider nicht verschont.
Einmal angenommen, Meursault wäre tatsächlich über die Maßen gleichgültig, wieso beobachtet er dann alles so genau? Denn wenn etwas (allerdings nur im Buch) an ihm hervorsticht und auch den ganzen unverkennbaren Stil des Textes zum Ausdruck bringt, ist es seine Beobachtungsgabe. Zeugen aber dergleichen präzise Beobachtungen eines Menschen (inklusive der dazugehörigen Fähigkeiten auf dem Gebiet von Wahrnehmung und Differenzierung) indes nicht viel mehr von außergewöhnlichem Interesse an der Welt als von Gleichgültigkeit?
Und mehr noch: Am Ende des ersten Teils, als er den „Araber“ erschießt (im Buch wohlgemerkt ein "Blaumann"-Träger, ein anonymer Arbeiter also, Meursault dagegen ein Büroangestellter mit Aufstiegschancen in Richtung Paris), ist es nicht nur Interesse, welches er zeigt, sondern darüber hinaus auch Gefühl, ja Anteilnahme, denn zumindest versteht er diese Welt insoweit, dass es in ihr Unheil gibt – "Zerstörung des Gleichgewichts des Tages" – und zwar ein Unheil, an dem er sich durch die Pistolenschüsse – "kurze Schläge an das Tor des Unglücks" – mitschuldig gemacht hatte.
Im zweiten Teil dann wird diese Schuld vom herrschenden Gericht konsequent umgedeutet - weg von der Ermordung des Arabers (der kaum jemand groß interessiert) hin zum Tod seiner Mutter im Altersheim, für den Meursault aber nichts kann. Nach und nach erkennt oder besser gesagt erahnt er das Unrecht, welches sich vor seinen Augen im Gerichtssaal abspielt, wird aber – entgegen seinem inneren Wollen – nach einer eigenen Meinungsäußerung nicht gefragt. Nur Richter, Staatsanwalt und Verteidiger führen das Wort, auch das anwesende Publikum ist mehrheitlich gegen ihn. Fast wie ein Gerichtsreporter lässt Meursault die Beobachtungen darüber während der ganzen Zeit des Prozesses durch seinen Kopf ziehen, wovon der Zuschauer im Film jedoch so gut wie nichts erfährt.
Am Ende steht sein Todesurteil und er erwartet in der Gefängniszelle (nachdem er zuvor den aufdringlich gewordenen Priester rausschmiss) - wie als letzten Wunsch - seine Hinrichtung unter Anwesenheit einer großen Menschenmenge, die ihn hasst. Nur unter solchen Bedingungen würde er sich nicht allein fühlen, wie Meursault zu sich selbst spricht, da einzig ein Szenario dieser Art ihm die Erfüllung seines - von ihm nun im Rückblick betrachteten insgesamt glücklichen Lebens – bringen könnte. Derart liest es sich fast Wort für Wort bei Albert Camus. Soll m.E. heißen – auch wenn ich die Ansicht nicht unbedingt teile: Der Hass der Gesellschaft ist das Glück des ihr Fremden!
Als einen Gleichgültigen sehe ich Meursault somit nicht an, jedenfalls nicht in erster Linie. Eher erscheint ihm die ihn umgebende Welt und deren Regeln als nicht gültig oder ungültig - und er wiederum erscheint dieser Welt ebenso. Das sind jedoch zweierlei Gleichgültigkeiten bzw. Ungültigkeiten – wobei allein die des Einzelnen, des Fremden gegenüber der auf ihn gerichteten Ausgrenzung seitens der Welt etwas Zärtliches an sich hat – und was Camus am Ende seiner Geschichte jene berühmt gewordene "zärtliche Gleichgültigkeit" nennt. Die andere, von Meursault durch eben die anderen erfahrene Gleich(un)gültigkeit dürfte dagegen alles andere als "zärtlich" zu benennen sein.

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