Amazon: »Belén«
Der Kampf um eine zu Unrecht verurteilte Frau im Norden Argentiniens
Nicht immer ist das Motto »Nach einer wahren Geschichte« im Vorspann eine Verheißung. Man kann es als den Versuch einer Vereinnahmung der Zuschauer empfinden, aber auch als ein Haschen nach Glaubwürdigkeit. Selten hat dieses Motto (bei »Belén« steht »Basada en hechos realos«, Amazon Prime zeigt den Film auf Spanisch mit englischen Untertiteln) aber besser gepasst als auf diesen Film über eine zu Unrecht Verurteilte. In der lateinamerikanischen Welt kennt man deren Fall, der, darauf weist der Abspann hin, zur Freigabe der Abtreibung in Argentinien führte.
Die argentinische Schauspielerin Dolores Fonzi hat in ihrer zweiten Regiearbeit diesen Fall wiederaufgerollt. Schon der Anfang ist atemberaubend. Die 24-jährige Julieta kommt mit Hilfe ihrer Mutter mit Unterleibsschmerzen in eine Klinik in Tucumán im Norden Argentiniens. Der Arzt schaut kaum auf, schreibt irgendwelche Berichte, verordnet ein paar Medikamente und viel Wasser, ohne sie näher zu untersuchen. Als sie auf die Toilette geht, erleidet sie eine Fehlgeburt – von ihrer Schwangerschaft wusste sie nichts. Und weil im Krankenhaus ein toter Fötus gefunden wird, kommt die Polizei und nimmt sie aus dem Operationssaal mit. Verbotene Abtreibung und Tötung eines Neugeborenen, lautet die Anklage. Sieben Minuten dauert diese Szene, die einem die Sprache verschlägt. Und in die Fonzi die Untertöne eingebaut hat, die ihren Film bestimmen: die patriarchale Selbstgerechtigkeit, die Willkür und Nachlässigkeit der Behörden und das Herabschauen auf Menschen aus den unteren Schichten.
Julieta wird ohne nennenswerte Verteidigung zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Hoffnung entsteht erst durch die Anwältin und Bürgerrechtsaktivistin Soledad Dezas (hervorragend gespielt von Fonzi selbst), die mit ihrem Team den Ungereimtheiten des schnell entschiedenen Falls hinterherspürt und ihn auf die Straße trägt, mit großem Erfolg. Und weil Julieta anonym bleiben will, gibt Dezas ihr den Namen Belén. »Somos Belén« (Wir sind Belén), so hieß auch das Bestseller-Sachbuch, das den Fall aufgriff. Fonzi erzählt den Fall Belén, der landesweite Solidarität auslöste, eher nüchtern, obwohl es ein klassischer Kinostoff ist: ein paar Aufrechte gegen ein übermächtiges System. Sie scheut sich auch nicht davor, in der Dramaturgie, die langsam einen Schritt vor den anderen setzt, die Rückschläge miteinzubeziehen. Und die Angriffe namenloser Rechter, die die Anwältin bedrohen. Zum Symbol der Behördenwillkür gerät der Umstand, dass sie die Ermittlungsakten erst durch eine List aus dem Archiv bekommen.
Belén lief im letzten Jahr im Wettbewerb von San Sebastián, Camila Plaate (Belén) wurde dort als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet, und der Film hat es auf die Oscar-Shortlist geschafft. Belén zeigt – wie übrigens Argentinien 1985 drei Jahre zuvor – den Höhenflug des argentinischen Kinos (den die Regierung Milei gerade ausbremst) und ist ein angenehm altmodischer und herzerwärmender Film über Mut, Widerstand und Solidarität.



Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns