Mubi: »The Piano Accident«
Mit »The Piano Accident« realisiert Quentin Dupieux eine Mediengroteske über den Schmerz – mit Adèle Exarchopoulos als provozierende Influencerin
»Mein Name ist Magalie Moreau. Ich teste jetzt die Nähmaschine.« Und schon sausen vor der Webcam – tack, tack, tack – die Nadeln über ihren Handrücken, derweil Magalie nicht mit der Wimper zuckt. Mit solchen Jackass-Videos avancierte die junge Frau zum Social-Media-Megastar. Wie schon in »Yannick«, in dem ein frustrierter Theaterbesucher aus Enttäuschung über eine miese Aufführung die Akteure und das Publikum in Geiselhaft nimmt, geht es im neuen Werk des Kunst-Trashfilmers Quentin Dupieux um ein Medienthema. »The Piano Accident« erzählt von einer Influencerin, die sich zur Freude ihrer Fans regelmäßig verstümmelt. Während sie sich in einem Schweizer Chalet von einer ihrer Torturen erholt, erpresst die Journalistin Simone (Sandrine Kiberlain) sie zu einem Exklusivinterview. Zu erfahren ist dabei, dass Magalie unter einer angeborenen Krankheit leidet. Genauer gesagt, leidet sie nicht. Aufgrund einer Analgesie ist ihr Körper physiologisch schmerzunempfindlich. Da sie am 12. März 1989 geboren wurde, dem Tag, der als Geburtsstunde des Internets gilt, machte sie aus ihrer Not eine Tugend. Gemeinsam mit ihrem devoten Assistenten ersinnt die launige, verzogene Göre immer drastischere Schockvideos.
Der Zusammenhang zwischen diesen Selbstzerstörungs-Szenarien und dem surrealen Eröffnungsbild des Films erschließt sich nicht sofort: Ein Konzertflügel hängt freischwebend an einem Kran. Ehe man an Jane Campions »Das Piano« denken könnte, fällt das Musikinstrument herab – Schnitt. Was hat es mit dem Klavier auf sich? Die Beantwortung dieser Frage ist ebenso enttäuschend wie der psychologische Erzählstrang. »The Piano Accident« erzählt die Geschichte einer betont nerdigen, einsamen Frau, die keinen physischen Schmerz empfindet, darunter aber seelisch leidet – weil sie auch keine Empathie für Mitmenschen aufbringt.
An der Vermittlung dieser inneren Leere ist der Film leider ebenso wenig interessiert wie an der Frage, was Schmerz überhaupt ist. Das zeigt sich in der dramaturgisch verrutschten Schlüsselszene, in der Magalie die ultimative Konsequenz aus ihrer Schmerzlosigkeit zieht. Adèle Exarchopoulos bemüht sich zwar, als burschikose Unsympathin zu erscheinen. Letztlich hat diese groteske Kunstfigur aber kein wirkliches Geheimnis. So flacht die Spannung in diesem Kammerspiel trotz der Splattersequenzen ab.
Diese Verweigerungshaltung ist intendiert. Dupieux erweist sich erneut als Spielverderber. Er will das Geschäft mit Social-Media-Phänomenen anprangern, deren zynischen Voyeurismus aber nicht bedienen. Also erzählt er seine Geschichte nur halbherzig. Wie in früheren Werken geht es ihm darum, mit einer am Dilettantismus orientierten Methode den Film zu zerstören, bevor er funktionieren könnte. Trotz poetischem Schlussbild wirkt »The Piano Accident« somit wie ein unfertiger Ideenbaukasten mit vielen losen Enden.


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