Interview mit Thomas Vinterberg über seinen Film »Die Kommmune«

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»Thomas Vinterberg«

Nach seiner Thomas-Hardy-Verfilmung »Am grünen Rand der Welt« wendet sich der Regisseur Thomas Vinterberg nun den siebziger Jahren und schildert die Gruppendynamik einer Kommune

Herr Vinterberg, Sie sind selber in einer Kommune aufgewachsen. Inwieweit ist dieser Film eine Auseinandersetzung mit Ihren eigenen Erfahrungen?

Ich muss vorausschicken: dieser Film ist nicht autobiografisch, er basiert nicht auf einer wahren Geschichte. Er basiert aber auf bestimmten Gefühlen, einer Reihe von Anekdoten und einer Scheidung. Die Geschichte basiert auf meinen Reflexionen über diese Zeit, aber nicht in einer direkt, autobiografischen Weise – es gab allerdings diesen Typen, der die Angewohnheit hatte, meine Schuhe zu verbrennen, wenn sie auf dem Boden herumlagen. Insgesamt ist es aber ein Stück Fiktion, zu dem die Schauspieler des vorangegangenen Theaterstücks etwas beigetragen haben, vor allem aber auch mein Co-Autor Tobias Lindholm, der inzwischen selber Karriere als Regisseur gemacht hat und dessen Film »A War« in diesem Jahr der dänische Kandidat für den Auslands-‚Oscar’ war.

Sie haben diesen Stoff zuerst für das Theater bearbeitet…

Meine Kindheit in einer Kommune hat immer die Neugier anderer Menschen auf sich gezogen. Zu diesen gehörte auch Matthias Hartmann, damals Direktor des Wiener Burgtheaters. Er frage mich, ob ich es nicht einmal andersherum versuchen wolle als bei »Das Fest«. Das war einer meiner frühen Filme, aus dem dann ein erfolgreiches Theaterstück wurde. "Warum testest Du nicht Dein dramatisches Material auf meiner Bühne und schaust, ob daraus ein Film werden kann?" Er sagte, er gäbe mir die besten Schauspieler der Welt und ich könne mit ihnen improvisieren. Und sie waren wirklich toll: ich schrieb, improvisierte mit ihnen, schrieb um und heraus kam ein Stück, bei dem ich selber miterleben konnte, wie das Premierenpublikum emotional mitging.

War das Theaterstück das erste Mal, dass Sie über Ihre Kommunejahre reflektierten?

Im Sinne einer künstlerischen Auseinandersetzung: ja. Aber ich habe immer darüber nachgedacht, es hat mich als Person und als Künstler geprägt.

Haben sich Ihre Auffassungen geändert? In den letzten Jahren gab es in Deutschland eine große Debatte über Kindesmissbrauch, die einherging mit negativen Einschätzungen der ganzen Epoche, im Besonderen von Kommunen und Kinderläden, in denen der Missbrauch gefördert worden sei. In Österreich gab es nachgewiesen vielfachen Missbrauch in der AAO-Kommune von Otto Mühl.

In unserer Straße gab es damals 32 Häuser, in sechs davon Kommunen. Otto Mühl ist sehr weit von dem entfernt, was ich erlebt habe. Ich versuche, eine gewisse Art von Loyalität gegenüber diesem Konzept aufrecht zu erhalten. Es gab Arschlöcher in den Kommunen, aber genauso in den bürgerlichen Kleinfamilien. Aber ich gebe zu, dass Menschen gelitten haben, dass Kinder allein gelassen wurden, weil man meinte, man solle sie wie Erwachsene behandeln. Das war prinzipiell eine gute Idee, wurde aber von manchen Eltern dahingehend umgedeutet, dass sie glaubten, sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern zu müssen.

Sie können dem Kommunekonzept immer noch etwas abgewinnen?

Ich halte es durchaus für sinnvoll, auch wenn es manchmal schmerzhaft sein kann. Heute sehe ich viele Leute alleine leben, sie sind einsam und fokussieren sich ganz auf ihre Arbeit, vernachlässigen ihre Gefühle. In einer Kommune könnten sie lockerer werden. Aber natürlich gab es in den frühen Siebzigern etwas, was wir heute nicht mehr haben: die Menschen reagierten auf etwas, den bürgerlichen Staat, überkommene Moralvorstellungen - das war ein befreiendes Gefühl. Das ist nicht länger möglich, heute in eine Kommune zu ziehen, käme mir wie ein Museumsstück vor.

Geht man nur aufgrund des Titels in Ihren Film, erwartet man möglicherweise einen vollkommenen Ensemblefilm, bei dem es ein Gleichgewicht aller Mitglieder der Kommune gibt. War für Sie von vornherein klar, dass sich diese Balance zugunsten einer einzigen Familie verschieben würde?

Die Balance lag für mich eher im Gleichgewicht von Humor und Tragödie. Aber ich hatte immer eine Familie vor Augen, die auseinander fällt. Ich war immer beschäftigt mit Annas Geschichte im Rahmen der Kommune. Sie lädt etwa die Geliebte ihres Mannes ein, mit in die Kommune zu ziehen, das wäre im Kontext einer Kleinfamilie undenkbar gewesen. Für mich war die Kommune so etwas wie der griechische Chor, durch den hier auch der Humor in den Film kommt.

Haben Sie in der Arbeit mit den Schauspielern versucht, etwas von diesem Kommune-Gefühl zu reproduzieren?

Ich versuche so etwas immer, es gibt bei mir immer eine intensive Probenarbeit. Hier lebten wir am Ende auch für einige Tage zusammen, zum Abschluss gab es ein großes Festmahl, das war eine so angenehme Atmosphäre, dass ich mich fragte, ob dies nicht viel besser den wahren Geist der Kommune repräsentiere als all die Dramatik zuvor.

In der Pressekonferenz der Berlinale erwähnten Sie, dass es die Rolle des kleinen Jungen in der Theaterversion noch nicht gab. Für mich verbindet sich mit dieser Figur eine gewisse Tragik, zumal am Ende des Films. Was waren Ihre Beweggründe, sie im Film hinzuzufügen?

Wir wollten zeigen, dass diese Gruppe alle Schicksalsschläge überleben kann, ja, am Ende sogar lachen kann.

Vor »Die Kommune« haben Sie mit der Thomas-Hardy-Adaptation »Am grünen Rand der Welt« Ihre erste internationale Großproduktion gedreht. Was war dabei der Hauptunterschied zu Ihren dänischen Filmen?

Der Mangel an Verantwortlichkeit. Das war eine Gruppenanstrengung, ich habe ja auch das Drehbuch nicht selber geschrieben. Ich bekomme viele Angebote aus Hollywood und ich muss sagen, ich schätze die Zusammenarbeit, die gemeinsame Anstrengung, die bei diesen Hollywood-Arbeiten so essentiell ist. Das hat für mich durchaus etwas Befreiendes, wenn ich nicht für alles verantwortlich bin – ich habe dabei auch nicht das Recht auf den Final Cut. Die Entscheidung hängt immer vom Drehbuch ab – wenn das verspricht, den Figuren Leben einzuhauchen, dann kann ich mich dafür begeistern und es ist mir egal, ob ich es selber geschrieben habe oder nicht.

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