Kritik zu Wunder

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Geschichte einer letztlich geglückten Integration: Stephen Chbosky (»The Perks of Being a Wallflower«) verfilmt einen Bestseller von 2012, in dem ein kleiner Junge mit schweren Gesichtsfehlbildungen das Wagnis der Einschulung eingeht und es zunächst nicht leicht hat

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Die Geschichte ist erfunden, die genetische Anomalie, die ihr das Thema liefert, nicht. August »Auggie« Pullman, die zehnjährige Hauptfigur von Stephen Chboskys »Wonder«, ist mit dem Treacher-Collins-Syndrom geschlagen, auch als Dysostosis mandibulofacialis bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine erbliche Prädisposition, die zu erheblichen Gesichtsfehlbildungen führen kann. Nun sieht Auggie zwar nicht so schlimm aus wie Joseph Merrick, dem David Lynch 1980 mit »The Elephant Man« ein filmgeschichtliches Denkmal setzte, aber immerhin befremdlich genug, um seltsame Reaktionen hervorzurufen. Diese fallen zwar umso verhaltener aus, je älter die mit Auggies Anblick konfrontierte Person ist, aber »normal« sind sie eben auch nicht. Weil Auggie nicht »normal« ist. Weil er nicht »normal« aussieht. Mit Blick auf Merrick, der sich im Laufe seines kurzen Lebens (1862–90) unter anderem in einer Freakshow ausstellen ließ, lässt sich immerhin ein Wandel der Zeiten und der Sitten konstatieren. Allerdings ändert der Umstand, dass die Faszination des Menschen mit dem Andersartigen unter dem Vorzeichen der Political Correctness gedeckelt ist, auch nichts daran, dass für Auggie eine Phase des Leidens beginnt, als er zum ersten Mal eine von Durchschnittskindern bevölkerte Grundschule betritt.

Er tut dies, weil seine Eltern auf die Toleranz und das Verständnis der Gesellschaft vertrauen und finden, er müsse unter Gleichaltrigen eine ordentliche Bildung erhalten. Und Auggie wiederum fühlt sich genügend geliebt, um seinen Eltern zu vertrauen und dieses Risiko einzugehen. Also ist er da nun, ohne den Schutz seines Astronautenhelms, den er normalerweise in der Öffentlichkeit trägt, und wird angestarrt; es wird über ihn getuschelt, er wird als Monster tituliert, niemand will neben ihm sitzen, keiner mit ihm spielen, seine Berührung gilt als infektiös, der Kontakt mit ihm als uncool, und überhaupt läuft, wie im Grunde nicht anders zu erwarten, das ganze Programm kindlicher Grausamkeiten ab.

»Wonder«, mit dem Chbosky den gleichnamigen, 2012 erschienenen Bestseller von R.J. Palacio adaptiert, ist kein Rundum-Wohlfühl-Film komplett mit rosa Wolke und Zuckerguss – obwohl das natürlich sehr schön zu Weihnachten passen würde. »Wonder« ist vielmehr ein sprudelnder Quell mitunter recht unbequemer Fragen, die sich um Eigen- und Fremdwahrnehmung, Selbstbewusstsein und Selbstliebe, gesunden Egoismus, falsch verstandenen Altruismus, Vernachlässigung und Überfürsorge drehen. Im Gewand eines zwar unverhohlen sentimentalen, dabei aber nicht verlogenen US-amerikanischen Mainstream-Films. Der zudem mit Julia Roberts und Owen Wilson in den Rollen von Auggies Eltern mit zwei grundsympathischen, warm humorvollen Top-Schauspielern besetzt ist. Freilich ist es der gerade einmal elfjährige Kanadier Jacob Tremblay (vor Kurzem noch in »Room« beängstigend überzeugend), der hier allen die Show stiehlt. Nicht zuletzt, weil er die schwerste Last trägt – den komplexesten Charakter und die aufwendigste Maske – und mühelos schultert.

Allerdings übertreiben es Chbosky und seine Co-Autoren gegen Ende ein wenig mit der Selbstbeweihräucherung. Allzu insistierend wird da betont, dass es Auggies Umfeld ist, das diese Integrationsleistung letztlich glücken lässt, also all die aufgeklärten und toleranten und mitfühlenden Multikulti-Gutmenschen, die die Welt zu einem besseren Ort machen. Nun gerät »Wonder« zeitweise doch noch zu jener erbaulichen Weihnachtsware, die zu Jahresende gern die Leinwände einseift. Bei der Gelegenheit mag auch die Frage erlaubt sein, inwiefern es sich wohl auf diese Erfolgsgeschichte ausgewirkt haben mag, dass »Wonder« soziologisch im gehobenen intellektuellen Bürgertum von Manhattans Upper West Side angesiedelt ist, wo Auggie höchstwahrscheinlich eine Privatschule besucht?

Und während wir uns diese mäkelige Fragen stellen, schauen wir in das eigenartige Gesicht dieses tapferen und mutigen kleinen Jungen – so lange, bis uns an diesem Gesicht nichts mehr ungewöhnlich vorkommt. So schaut er halt aus, der Andere. Anders eben.

Meinung zum Thema

Kommentare

Meiner Meinung nach ist dieser Film nicht ab 6 Jahre alt. In dem Film werden viele Kriterien vielleicht von Kindern heutzutage falsch aufgefasst, weswegen der Film nicht so begeistert war. Außerdem stirbt der Hund was sehr traurig für Kinder ist und sie um so mehr Angst haben das, dass auch bei ihren Tieren geschieht.

Der Film Wunder ist cool aber an manchen Stellen ist der Film traurig .Der Film ist nichts für 6 Jährige!!!!

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