Kritik zu Who Killed Marilyn?

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Großstadtkrimis sind vielleicht cooler, aber in Kleinstadtkrimis spürt man die Kälte mehr: In Gérald Hustache-Mathieus komödienhaftem Thriller geht ein Krimiautor dem vermeintlichen Selbstmord einer Kleinstadtschönheit nach

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Französische Filme spielen häufig in einer bestimmten Stadt oder einer markanten Gegend der Grande Nation. Auch der bislang weniger bekannte Gérald Hustache-Mathieu macht hier keine Ausnahme. Mit seiner Tragikomödie unternimmt er einen filmischen Ausflug nach Mouthe, dem kältesten Ort Frankreichs. Das nicht einmal 1000 Einwohner zählende Provinznest an der Schweizer Grenze ist so trostlos, dass man hier nicht tot über dem Zaum hängen möchte. Nahm sich die Provinzschönheit Candice Lecoeur, die in einem Stückchen Niemandsland zwischen Frankreich und der Schweiz erfroren aufgefunden wurde, tatsächlich wegen Depressionen das Leben?

Zumindest David Rousseau überkommen Zweifel. Den Krimiautor, der unter einer Schreibblockade leidet, hat es wegen einer Erbschaft in die Provinz verschlagen, als er im Vorbeifahren zufällig Zeuge wird, wie Candices Leiche abtransportiert wird. Von der Toten selbst ist nichts zu sehen bis auf eine platinblonde Haarsträhne, die von der Bahre herabhängt. Das grandiose, von verschneiten Tannen gesäumte Bild erweckt ein ganzes Feuerwerk an Assoziationen: Sofort wendet Rousseau  seinen Peugot 204 Cabrio, um vom heruntergekommenen Dorfhotel »Zur Flocke« aus das traurige Leben der geheimnisvollen Hinterwäldlerin zu rekonstruieren.

Erinnerungen an Laura Palmer aus »Twin Peaks« werden wach. Der französische Regisseur interessiert sich aber nicht nur für Kaffee und Doughnuts, sondern tatsächlich für diese Frau, deren Tragödie in der Rückblende entfaltet wird. Candice, die eigentlich Martine Langevin heißt, besitzt nichts außer körperlichen Reizen – um die sie andere Frauen beneiden. Von einem Fotografen entdeckt, avanciert sie zur Wetterfee eines kleinen Fernsehsenders. Doch die innerlich Zerrissene ist in psychologischer Behandlung und verstrickt sich in ein tödliches Intrigengespinst: Nachdem ein eitler Lokalpolitiker die ihm lästig gewordene Blondine abservieren will, outet sie ihn während eines öffentlichen Auftritts, bei dem sie als Marilyn Monroe´posiert, als ihren Liebhaber.

Mit der Geschichte dieser Landpomeranze, die sich nicht nur äußerlich für eine Reinkarnation der Platinblonden hält, gelingt Hustache- Mathieu ein erfrischender Kleinstadtkrimi. Dank einem guten Soundtrack und einer Fülle überraschender visueller Ideen wird dem Zuschauer keine Sekunde langweilig. Von ihrem hitzköpfigen Freund mit dem sprechenden Namen Materazzi wird Candice geschlagen. Im Fernsehen dreht die Eiskunstläuferin dazu eine Pirouette: Eines von vielen sprechenden Bildern. Diese traurige Komik hält der Regisseur konsequent durch – egal, ob die Alpen-Marilyn mit buchstäblicher Kuhhaut für regionalen Weichkäse wirbt oder vor splitternackten Feuerwehrleuten auf dem Sprungtuch posiert. Sophie Quinton als Tote, die auf ihr eigenes Leben zurückblickt, und der markante Jean-Paul Rouve als bärbeißiger Krimiautor sind dabei nett anzusehen. Ob dieser typisch französische Film voller kauziger Typen dem deutschen Publikum mit dem englischen Titel Who Killed Marilyn? nahegebracht werden kann, ist allerdings zweifelhaft.

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