Kritik zu Werk ohne Autor

© Walt Disney

Nach jahrelanger Funkstille meldet sich der deutsche Oscarpreist­räger Florian Henckel von Donnersmarck zurück. Mit einem Film, der in drei deutschen Staaten spielt, große Fragen zur Ästhetik stellt und unter anderem von der Biografie des bestbezahlten aktuellen Künstlers inspiriert ist – Gerhard Richter

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Nicht wegsehen! Das ist das Letzte, was Elisabeth ihrem Neffen Kurt noch zurufen kann, bevor sie in die Nazipsychiatrie verschleppt wird. Das Bild brennt sich in die Erinnerung des jungen Malers ein. Doch der sozialistische Realismus, dem der talentierte Künstler später in der DDR verpflichtet ist, bietet keinen Raum, um das furchtbare Erlebnis ästhetisch umzusetzen. Nach seiner Flucht in den Westen stehen Kurt alle Möglichkeiten offen – dennoch brütet er eine gefühlte Ewigkeit vor der weißen Leinwand. Erst die schmerzliche Rückbesinnung auf das Schicksal der Tante bringt die ersehnte Inspiration.

Kunst, Faschismus, Sozialismus, junge BRD: Mit diesem Themenkomplex greift Florian Henckel von Donnersmarck auf das bewährte Sujet deutscher Geschichte zurück, das ihm mit »Das Leben der Anderen« den Oscar einbrachte. »Werk ohne Autor« stützt sich auf Jürgen Schreibers Biografie über den berühmten Maler Gerhard Richter. Hinter dessen Gemälde »Tante Marianne«, so fand der Reporter heraus, verbirgt sich eine erschütternde Geschichte. Nachdem ein NS-Psychiater bei der labilen Frau Schizophrenie diagnostiziert hatte, galt ihr Leben als »unwert«. Sie wurde zwangssterilisiert und im Februar 1945 ermordet. Für diese Tat war Richters Schwiegervater Heinrich Eufinger, der als Nazigynäkologe 900 Zwangssterilisationen vorgenommen hatte, zwar nicht verantwortlich. Dennoch verdichten sich Richters Familiengeschichte und seine Kunst zu einem gespenstischen Gruppenbild mit Täter. Im Film heißt der Maler Kurt Barnert – aber es ist überdeutlich, dass es hier um ein Richter-Biopic geht. Auf der Grundlage von Schreibers Recherchen rekonstruiert von Donnersmarck die Entstehungsgeschichte des Gemäldes »Tante Marianne«, eine unbekannte Grisaille-Arbeit, die 1965 gerade mal 1 000 Mark einbrachte – und durch die Veröffentlichung von Schreibers Recherchen für zwei Millionen Euro versteigert wurde. Dass der Film gerade diesen medialen Hype verschweigt, bei dem Kunst zum Spekulationsobjekt wird, ist problematisch.

Immerhin spannt er einen weiten Bogen, der drei deutsche Staaten umfasst und deren unterschiedliche Ästhetiken thematisiert. Es beginnt mit einem Rundgang durch die »Entartete Kunst«-Ausstellung in Dresden, deren Verdammung der Moderne ein gespenstisches Echo findet im sozialistischen Realismus, an dem der junge Kurt sich als Kunststudent in der DDR abarbeitet. Diese beiden Diskurse werden gespiegelt in einen bemerkenswerten Monolog von einem ­Joseph Beuys nachempfundenen Professor, der dem aus der DDR geflüchteten Kurt am Ende erzählt, wie er als abgeschossener Bomberpilot 1944 nur überlebte, weil er in Fett und Filz gewickelt wurde – seine späteren Werkstoffe.

Als kunstgeschichtliches Sittenbild setzt der Film durchaus interessante Akzente. ­Seine Figuren überzeugen indes nur teilweise. Tom Schilling als Kurt nimmt man die Suche nach seiner ästhetischen Wahrheit ab. Sebastian Koch zeigt als eisiger Nazigynäkologe gar seine bislang beste Darstellung. Die weiblichen Charaktere dagegen sind ähnlich defizitär wie schon in »Das Leben der Anderen«. In der Rolle der Tante Marianne sitzt Saskia Rosendahl als überdrehte Frau nackt am Klavier und erblickt im zweifach gestrichenen A die Weltharmonie: eine Szene zum Fremdschämen. Und Paula Beer dient als Muse des Künstlers nur dazu, dekorative Sexszenen ins Bild zu setzen.

Gerhard Richter wird diesen Film wohl ebenso wenig mögen wie Schreibers Biografie, von der er sich distanzierte. Beide spiegeln Leben und Werk bruchlos ineinander. Dabei wusste der Künstler, als er seine Tante verewigte, von deren Qualen nur vage. Seine Kunst funktionierte – bis zum Erscheinen von Schreibers Biografie – unabhängig von diesem nachträglich entdeckten biografischen Hintergrund. Trotzdem erweckt der Film den Eindruck, als sei die künstlerische Eingebung der logische Endpunkt eines Prozesses, in dem biografische und ästhetische Puzzleteile sich auf magische Weise fügen. Der Regisseur erklärt uns, was der Künstler eigentlich sagen wollte. Und er spekuliert darauf, dass das Grauen der Gaskammer, das er kitschig ins Bild setzt, im Werk Richters zum Ausdruck kommt. An dieser Abbild­logik scheitert der Film. Autos der Nazizeit sind blank gewienert wie aus dem Museum, die fotorealistische Ruinenlandschaft des zerbombten Dresden wirkt digital und steril. Ein Film, der großes Kino sein will, mit seiner dramaturgischen Konzeption aber oft auch ins Leere läuft.

Meinung zum Thema

Kommentare

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit langer Zeit habe ich nicht mehr einen solch tollen Film gesehen. Ich war total überwältigt, weil "Werk ohne Autor" mich sehr berührt hat. Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll. Ich bin Jahrgang 1949, mein Vater kam blind aus dem 2. Weltkrieg zurück, sein Vater war im 1. Weltkrieg gefallen, so dass diese verhängnisvollen Zeiten und ihre Folgen meine Kindheit und eigentlich mein ganzes Leben geprägt haben. Ein weiterer wichtiges Aspekt ist, dass mein Wohnort und mein Geburtsort in der Nähe von Hadamar liegen, wo ich auch zur Schule ging. Dort wurden während der NS-Zeit mehr als 13.000 behinderte Menschen umgebracht, weshalb mich auch die im Film zweimal gezeigte Szene mit dem "Krankenwagen" so berührt hat, dass sie mir nicht mehr aus dem Kopf geht.

Außerdem fand ich die eigentliche Handlung, nämlich das Leben Gerhard Richters und das Verstehen seiner künstlerischen Laufbahn und seiner Aussage, äußerst gut dargestellt.

Ein großes Lob für alle Schauspieler und den Regisseur.

Viele Grüße

Hans-Georg Heftrig

Autor ohne Werk
Anmerkungen zur Rezeption des Kinofilms „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck

Schon immer konnte es vorkommen, dass Publikumsakzeptanz und Kritikerurteil erstaunlich weit auseinander lagen. In jüngster Zeit scheint das jedoch von der Ausnahme zur Regel zu werden – was jeden Filmjournalisten eigentlich alarmieren müsste. Man hat aber bisher nicht den Eindruck, als ob sich irgendjemand in den Feuilletons und Filmzeitschriften darüber Sorgen macht. In vielen Fällen ist ja auch die professionelle Filmkritik selbst tief gespalten, wie man immer wieder auf den Filmfestivals erfahren kann, wo die Bandbreite häufig von euphorischer Zustimmung bis zu völliger Ablehnung reicht. Zuletzt beispielsweise auf der diesjährigen Berlinale bei „Utøya 22. Juli“ von Erik Poppe, der ernsthaften und respektvollen Verfilmung des entsetzlichen und tief verstörenden Massenmordes auf der norwegischen Insel. Im Zusammenhang mit der aktuellen Frage nach der problematischen Ästhetisierung des Terrors sind hier die kontroversen Urteile noch nachvollziehbar. Irritierender war die Lage schon bei „Toni Erdmann“ von Maren Ade, dem deutschen Beitrag für den Wettbewerb in Cannes 2016, in ungewöhnlicher Einmütigkeit von fast allen Kritikern hoch gelobt, der aber am Ende, für alle überraschend und für viele enttäuschend, von der Jury überhaupt nicht beachtet wurde. Eine Festival-Jury besteht eben meistens nicht aus Filmjournalisten.
Man hat sich daran gewöhnt, dass Hollywood-Blockbuster oder besonders erfolgreiche deutsche Komödien von Schweiger oder Schweighöfer von der Kritik entweder ignoriert oder verrissen werden. Selten aber war die professionelle Filmkritik so einhellig ablehnend, und das breite Publikum wiederum so begeistert, wie im Fall von „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck. Was ist da eigentlich los?
Der Film bekommt in den normalen Publikumsvorstellungen – die jeder Kritiker unbedingt neben der Pressevorführung auch besuchen sollte - anhaltenden Beifall, für den sich von Donnersmarck auf seiner Promotion-Tour höflich und bescheiden bedankt. Von einem wunderbaren, vollkommenen Film wird da unter den Zuschauern geraunt, während der „filmdienst“ von einer „Schlaghammer-Botschaft“ und einer „antiquierten Soap-Opera“ spricht, und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt: „Wer so erzählt, hält der sein Publikum für einen Haufen Vollidioten?“ (30.9.2018)
Da wird es nun richtig interessant, denn (nicht nur) angesichts der Kinocharts mit den immer gleichen Superhelden-Sequels könnte man ja dem bildungsbürgerlichen Kulturpessimismus recht geben, und das Massenpublikum tatsächlich für ziemlich schlicht halten. Aber so einfach ist die Sache eben nicht, da muss man schon mal genauer hinschauen und fragen, warum dieser an seiner eigenen Ambition, dem schlichten Geniekult, einem reaktionären Frauenbild und einer Neigung zum Größenwahn gescheiterte Film eben auch durchaus klugen und gebildeten Menschen gefällt.
Vielleicht weil sich hier trotz der schwer melancholischen Künstlerseele und der furchtbaren deutschen Geschichte am Ende doch alles ganz wunderbar zum Guten wendet? Und weil er völlig ironiefrei daher kommt, ohne Scheu vor schalem Pathos?
Der Regisseur ist klug genug, vor den berauschten Zuschauern die negativen Kritiken nicht unerwähnt zu lassen, aber er argumentiert geschickt dagegen: In Deutschland sei es eben gar nicht mehr möglich, große, authentische, wahre Gefühle ungeschützt, also unironisch (Sloterdijk-Schüler würden wahrscheinlich sagen, reflexiv nicht abgefederte Gefühle) direkt darzustellen. Und da spricht von Donnersmarck tatsächlich einen interessanten Punkt an: Der Umgang mit den großen Gefühlen ist im Kritikerbewusstsein tatsächlich mindestens so kompliziert, wie der mit dem deutschen Liedgut oder der Nationalhymne – das hat manchmal neurotische Züge.
Der Regisseur weiß um das gefährliche Defizit, das durch die ständige Anrufung der kritischen Vernunft entstehen kann, aber er zieht die falschen Schlüsse daraus, er wählt die einfache, plakative Darstellung und glaubt vielleicht sogar wirklich, dass er den großen Gefühlen damit gerecht wird. Er suche immer nach der Wahrheit des Menschen, hat er einmal gesagt, und er habe sich sogar ein Mikrofon im Beichtstuhl gewünscht. Abgesehen davon, dass auch im Beichtstuhl nicht immer die Wahrheit gesagt wird, passt das sehr gut zu seinem Anti-Intellektualismus und einem erstaunlich ungebrochenen Hang zur ganz großen Geste.
Der Film ist ein gutes Beispiel für die allerdings besorgniserregend zunehmende Entfremdung zwischen der Filmkritik und dem Publikum, gerade weil er ständig nach Größe strebt, sie aber nicht einlöst. Man kann sich leicht von seinen Bildern verführen lassen, aber irgendwann merkt man, dass diese simple Dramaturgie keine eigenes Werk ist. Vielmehr scheint das Drehbuch geradezu berechnend nach den gängigsten Erfolgskriterien geschrieben, so dass auch die besten, hier versammelten Schauspieler nur noch chargieren können. Das breite Publikum will das große Gefühlskino, will ungestört schwelgen, der Filmjournalist aber weiß, dass die Zeiten von „Dr. Schiwago“ oder „Vom Winde verweht“ für immer vorbei sind. Der naive Versuch, heute noch so zu erzählen, führt zur Ästhetik des Groschenromans, und die ist zwar erfolgreich, aber alles andere als wahr oder realistisch. So entsteht kein Kunstwerk sondern nur klischeehafter Eklektizismus – denn auch die großen Gefühle sind alles andere als einfach.

© Oktober 2018 Thomas Neuhauser

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