Mubi: »The Sweet East«

»The Sweet East« (2023). © MUBI

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Satire? Märchen? Drama? Das eigenwillige Regiedebüt des Kameramanns Sean Price Williams wirft einen bitterbösen Blick auf das gegenwärtige Amerika

Als Stamm-Kameramann des hierzulande eher unbekannten Alex Ross Perry, aber ebenso als Kameramann von Michael Almereyda und den Safdie-Brüdern hat Sean Price Williams das amerikanische Low-Budget-Independentkino der letzten 15 Jahre mitgeprägt, mit einer Ästhetik zwischen grobkörnigem Realismus und radikaler Stilisierung. Diesen Hintergrund zu kennen, ist hilfreich, um sich der Welt seines eigenen Regiedebüts »The Sweet East« zu nähern.

Im Mittelpunkt steht Lillian, eine Highschool-Schülerin aus South Carolina, für die ein Schulausflug nach Washington, D. C., zu einem bizarren Trip ausufert. In einem Restaurant gerät sie in den Amoklauf eines bewaffneten Verschwörungstheoretikers, der im Keller die Kerker eines Pädophilenrings wähnt. Lillian flüchtet mit Hilfe eines Anarcho-Aktivisten, schließt sich dessen planloser Gruppe an und fährt mit ihnen aufs Land. Dort gerät sie in eine Versammlung von Neonazis und lernt einen rechtsradikalen Literaturprofessor (großartig: Simon Rex) kennen. Er sieht in ihr eine Seelenverwandte und nimmt sie in seinem Haus auf. Diese Episode bildet den längsten und faszinierendsten Abschnitt des Films, eine eigentümliche »Lolita«-Variation, voller interessanter Gedanken und moralischer Ambivalenzen.

Weitere Begegnungen Lillians sind ein überkandideltes schwarzes Filmemacher-Paar in New York, das sie für einen geschichtskritischen Kostümfilm engagiert, eine muslimische Untergrundmiliz im ländlichen Vermont, die auf Elektronik-Musik abfährt, sowie ein alkoholseliger Mönch (gespielt von dem Punkrock-Musiker Gibby Haynes).

Williams und sein Drehbuchautor, der Filmkritiker Nick Pinkerton, spielen bei diesem Reigen fortwährend mit Kontrasten und Zuspitzungen. Sie zeichnen das satirisch angehauchte Bild eines fragmentierten Amerikas zwischen Anarchos und Nazis, Muslimen und Christen, Intellektuellen und Verschwörungsfanatikern. Lillians Reise oszilliert zwischen »Alice im Wunderland« und »Der Zauberer von Oz«, voller surrealer Begegnungen und skurriler Weggefährten. Es gibt mehrschichtige Verweise auf D. W. Griffith und Edgar Allan Poe, die Ästhetik verbindet Mumblecore-Naturalismus mit verspielten Stummfilm-Zwischentiteln, Low-Budget-Action und märchenhaften Trickaufnahmen.

Doch so einfallsreich das alles gemacht ist und so charismatisch Talia Ryder die Hauptrolle verkörpert, fragt man sich irgendwann, worauf dieses Konvolut an Ideen und Motiven hinauslaufen soll. Williams spitzt jede Begegnung zu, ohne zu einer Pointe zu gelangen. Doch womöglich ist genau das die Idee: Lillian wird für alle Menschen, denen sie begegnet, zur Projektionsfläche, bleibt selbst aber eine Leerstelle – ein konturloses All-American-Girl, das fortwährend in neue Identitäten schlüpft, ohne einen Charakter zu entwickeln. Sie gerät immer wieder in Gefahr, durchläuft aber keine rites de passage, sie taucht in erwachsene Welten ein, doch ein »Coming-of-Age« bleibt aus. Oder wie es einmal heißt: »Für dich ist alles nur ein Witz«. Vielleicht gilt das am Ende für den ganzen Film.

OmiU-Trailer

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