Interview mit Florian Henckel von Donnersmarck über seinen Film »Werk ohne Autor«

Florian Henckel von Donnersmarck am Set von »Werk ohne Autor« (2018). © Buena Vista International/Yves Borgwardt

Florian Henckel von Donnersmarck am Set von »Werk ohne Autor« (2018)

© Buena Vista International/Yves Borgwardt

Sein erster Langfilm »Das Leben der Anderen« (2007) wurde zu einem Überraschungshit: Der Film über einen Stasi-Offizier und die Observation eines Künstlerehepaars gewann unter anderem den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film. Donnersmarck studierte an der Münchner Filmhochschule, wo mehrere Kurzfilme entstanden. Sein zweiter Film, die Agenten­geschichte »The Tourist« (2010), war mit Angelina Jolie und Johnny Depp hochkarätig besetzt.

epd Film: Sind »Das Leben der Anderen« und »Werk ohne Autor« auch Erkundungen Ihres eigenen künstlerischen Schaffensprozesses?

Florian Henckel von Donnersmarck: Man kann ja immer nur von seinen eigenen Erfahrungen ausgehen. Ich habe gerade einen sehr schönen Text bekommen, für das Buch zum Film, das bei Suhrkamp erscheinen wird, ein Gespräch zwischen dem Künstler Thomas Demand und dem Regisseur Alexander Kluge, der da ein sehr schönes Bild entwickelt: Er sagt, dass eigentlich jeder Künstler einer Fledermaus gleicht. Man sendet ein Signal aus und macht sich aus dem Echo, das zurückkommt, ein Bild der Wirklichkeit. Das heißt, es ist wichtig, sich der Welt auszusetzen, zu senden, aber auch genau darauf zu achten, was zurückkommt. Letztlich hat man ja immer nur die eigene Wahrnehmung, weshalb im Grunde jede Form von Kunst autobiografisch ist. Weil sie im Idealfall den eigenen Sinnesapparat abbildet.

Lange durfte nicht offen ausgesprochen werden, dass es in »Werk ohne Autor« um Gerhard Richter geht. Warum hat sich das geändert?

Beides stimmt leider nicht. Weder geht es um Gerhard Richter, noch durfte je irgendetwas zu dem Film je nicht gesagt werden. Es geht um Kurt Barnert, einen Künstler, der frei erfunden ist, aber natürlich mit vielen unterschiedlichen Künstlern zu tun hat, dar­unter Gerhard Richter. Ich habe Elemente aus dem Leben von Piero della Francesca genommen, von da Vinci, von Tizian, von Rubens, von Caspar David Friedrich, bis hin zu Louise Bourgeois, Lorna Simpson und Yayoi Kusama und zahllosen anderen. Und einiges von David Hockney und Thomas Demand, mit denen ich viel zu tun hatte in der Zeit der Vorbereitung. Und auch natürlich aus dem Leben von Gerhard Richter, der bei der Vorbereitung auf das Drehbuch mir gegenüber sehr großzügig war mit seiner Zeit. Es hätte mich aber nicht interessiert, ein Biopic zu drehen, mich an einer konkreten Biografie abzuarbeiten. Mir geht es um eine innere Wahrheit. Und ich glaube, dass eine gute Fiktion beim Erkennen der Wahrheit hilfreicher sein kann als reine Tatsachen, und dass man der Wirklichkeit näher kommen kann, indem man Dinge verdichtet. Nehmen wir beispielsweise einen großen Klassiker, »Citizen Kane«: Der wäre für mich weniger interessant, wenn er »Citizen Hearst« hieße und nur diese konkrete Lebensgeschichte erzählen würde. Der Film berührt uns, weil wir eine ganze Epoche darin wiederfinden.

Sie sind ein großer Fan des Genius Loci: Wie stark konnten Sie das hier verwirklichen?

Mir ist es immer sehr wichtig, an Orten zu drehen, die mit tatsächlichem Geschehen aufgeladen sind. Wir hatten das große Glück, dass die beiden Kunstakademien in Düsseldorf und Dresden, die sonst eigentlich niemanden drehen lassen, ihre Häuser für uns geöffnet haben. Die »Entartete Kunst«-Ausstellung, die in Räumen stattfand, die nicht besonders interessant und auch zu stark modernisiert worden waren, haben wir dagegen hier in Berlin gedreht, im ehemaligen Atelier von Arno Breker. Das war zwar nicht der reale Ort, aber aus der Dialektik zwischen nationalsozialistischer und sogenannter entarteter Kunst entsteht etwas, das man auch Genius Loci nennen könnte.

Ist »Werk ohne Autor« ein Komplementärfilm zu »Das Leben der Anderen«?

In »Das Leben der Anderen« habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie die Kunst das Leben verändern und beeinflussen kann. Hier geht es in der Umkehr vielleicht darum, wie das Leben die Kunst beeinflusst und wie man furchtbare Ereignisse im Leben in etwas Wunderbares verwandeln kann. Elia Kazan hat über Genies wie Marlon Brando oder Arthur Miller, mit denen er gearbeitet hat, mal gesagt, dass deren künstlerisches Talent nur der Schorf auf den Wunden sei, die das Leben geschlagen hat. Das ist ein sehr starkes und schönes Bild, das ich in dem Film auch erforschen wollte.

»Werk ohne Autor« klingt so, als müsste das ein großer literarischer Klassiker sein, wie »Der Mann ohne Eigenschaften«. Ist das ein Hinweis auf Ihre literarischen Ursprünge?

Das filmische Erzählen ist die Kunst unserer Zeit, und ich habe stets den Ehrgeiz, in einen Film so viel zu packen wie einem ein großer Roman geben kann. Warum soll der Film nur eine Novelle sein? Von einem Film wünsche ich mir die gleiche Intensität und Komplexität, die ein Roman bietet.

Sie haben Philosophie, Ökonomie und Politik studiert: Erfüllt sich das in Ihrer Filmkarriere?

Ökonomie habe ich schnell abgewählt, aber Philosophie und Politik sind sicherlich wichtige Lebensthemen für mich. In jedem Film gehe ich auch der Frage nach, wie Menschen in einem Land und in einer internationalen Gemeinschaft in Frieden miteinander leben können und wie man das Glück finden kann. In beidem spielt die Kunst eine sehr große Rolle, sei es die Kunst, um die es in diesem Film geht, oder die Filmkunst selbst.

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