Nahaufnahme von Tom Schilling

Oh Man!
 »Werk ohne Autor« (2018). © Walt Disney

»Werk ohne Autor« (2018). © Walt Disney

Dem Schauspieler Tom Schilling konnte man regelrecht beim Erwachsenwerden zusehen: von »Crazy« über »Oh Boy« bis zu finsteren Zeitgeschichtsfilmen. Jetzt ist er in Florian Henckel von Donnersmarcks »Werk ohne Autor« zu sehen

Durchdringende blaue Augen, sanfte, aber selbstbewusste Züge, schlank, aber nicht schlaksig: Rein äußerlich betrachtet gehört Tom Schilling in die Kategorie Schönling. Weiter zugespitzt: der perfekte Schwiegersohn. Da passen auch die Anzüge gut ins Bild, die er seit seinem 18. Lebensjahr trägt. Die Boulevardpresse feiert ihn dafür als einen der bestgekleideten Schauspieler Deutschlands. Dass es gerade der Anzug geworden ist, hat schon etwas Ironisches, schließlich war Schilling in seinen wilden Jahren als Satanist unterwegs, als Punk und als Skater, wie er in Interviews gern erwähnt. 1982 in Ostberlin geboren, wuchs er in einer Zeit auf, als Subkulturen noch nicht glattgebügelt waren. Ach ja, die frühe Generation Y mit ihren knapp über den Kniekehlen hängenden Baggypants und den Iros, die täglich eine Monatsration Haarspray brauchten.

Aber das sind Oberflächlichkeiten. Für Tom Schilling ist der Anzug lediglich das aktuelle Mittel zur Abgrenzung, er spricht von einem »Schutzschild«. Das macht insofern Sinn, als Schilling nicht der expressive Egozentriker ist, weder bei seinen öffentlichen Auftritten noch in seinen Rollen. Gern verkörpert er Zweifler, fragile Typen und stille Außenseiter, spielt sie mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Impuls. »Meine 50 Sozialstunden bestanden darin, eine Stadt sauberzumachen, die mich nicht wahrnahm«, raunt er als Hacker Benjamin in »Who Am I – Kein System ist sicher« aus dem Off. Baran bo Odars temporeicher Thriller erzählt denn auch von der Sichtbarwerdung des Nerds, dem Schilling eine Aura des Unscheinbaren gibt. Stille Wasser sind tief.

Schilling hatte viel Zeit, sein Schauspiel zu kultivieren, man konnte ihm regelrecht beim Erwachsenwerden zuschauen. Mit seinen gerade mal 36 Jahren kann er bereits auf 30 Jahre Erfahrung zurückblicken. Als Sechsjähriger brachte seine Mutter ihn zu einem Casting, das zu seiner Nebenrolle in dem DDR-Film »Die Stunde der Wahrheit« führte, später spielte er am Berliner En­semble und war in weiteren kleinen Rollen in Fernsehfilmen zu sehen, etwa in Kinder der Gewalt, einem Kölner »Tatort«.

Der wirkliche Senkrechtstart in Sachen Karriere ereignete sich allerdings im Jahr 2000. In dem Teeniefilm »Crazy«, Hans-Christian Schmids anspruchsvollerer Antwort auf die damals omnipräsenten amerikanischen Highschoolkomödien, buhlen er und Hauptdarsteller Robert Stadlober um dasselbe Mädchen. Der Film wird ein Erfolg und für viele zum Teil des kulturellen Gedächtnisses, nicht zuletzt wegen jener berühmten Szene, in der die pubertierenden Jungs um die Wette auf einen Keks onanieren. Dass der junge Schilling mit seinen wuscheligen Haaren auf Postern landete und umschwärmt wurde, kann man sich vorstellen.

Schilling und Stadlober waren in den Nullerjahren die Buddies im deutschen Jugendfilm, standen auch in »Verschwende deine Jugend« und »Schwarze Schafe« gemeinsam vor der Kamera. Was man als filmische Adoleszenz beschreiben könnte, vollzieht sich bei Schilling nicht nur an der Oberfläche, sondern ist durchzogen von einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit dem Film. »Der Beruf des Schauspielers ist ja in erster Linie die Fähigkeit zur Hingabe unter merkwürdigen Umständen«, beschrieb Schilling seine Profession einmal im Interview. Und vielleicht steckt darin so etwas wie der Kern seines Spiels: Er gibt sich seinen Figuren hin und stellt sein Ego hintan.

Tom Schilling ist kein Freund von Improvisation, und er bereitet sich gern ganzheitlich auf einen Dreh und einzelne Takes vor, weiß Regisseur Jan-Ole Gerster in der Sendung »Zimmer frei« zu berichten. Mit seinem furiosen Regiedebüt »Oh Boy« jedenfalls hat er seinem Kumpel einen Film geschenkt, der dem so gut passt wie seine Anzüge. Wie Schilling da als unentschlossener Endzwanziger Niko, ein Slacker, wie er im Buche steht, auf der Suche nach einer Tasse Kaffee und sich selbst durch Berlin streunt: Man könnte fast versucht sein, »Oh Boy« als den Tom-Schilling-Film schlechthin zu sehen. Mit seiner trockenen und nuancierten Beiläufigkeit verleiht er Niko den tragikomischen Blues des Müßiggängers, der fluffige Jazzsoundtrack und das in existenzialistischem Schwarz-Weiß eingefangene Berlin tun das Übrige. In sechs Kategorien räumte »Oh Boy« beim Deutschen Filmpreis ab, Schilling wurde mit einer Lola als bester Schauspieler ausgezeichnet.

Anders als sein fast gleichaltriger Kollege Matthias Schweighöfer, der sich komplett der seichten Unterhaltung verschrieben zu haben scheint, bewegt Tom Schilling sich bei seiner Rollenauswahl in anspruchsvolleren Gefilden. ­Perfekt in sein Portfolio der brüchigen Figuren passt etwa Büchners Woyzeck, den Schilling in Nuran David Calis' Neuinterpretation für das Fernsehen gibt. Wieder ein fragiler Charakter, hier allerdings am Rande des Zusammenbruchs, dessen existenzielle Not und Wahn durch den schlafwandlerisch durch die Szenen schlurfenden Schilling ­erfahrbar werden.

Schilling steht für größere und kleinere Produktionen für Fernsehen und Kino in Haupt- und Nebenrollen vor der Kamera und präsentiert sich vielseitig. Er kann lustig und ernst, spielte in Filmen zur deutschen Zeitgeschichte (»Der Baader Meinhof Komplex«), schlüpfte mehrfach in Soldatenuniformen (»Unsere Mütter, unsere Väter«, »Napola – Elite für den Führer«) und – ein augenzwinkernder Flashback? – in die Uniform seiner Jugend in Oskar Roehlers Klamauk »Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!«.

»Tod den Hippies!! Es lebe der Punk« (2014). © X-Verleih

Auch neben seiner Schauspielkarriere ist er agil, hat einen gern beschmunzelten, wenn nicht gar verpönten Schritt gewagt: Als Tom Schilling & The Jazz Kids hat er mit seiner Band im letzten Jahr das Debütalbum »Vilnius« herausgebracht. Die Gitarre schenkte ihm Jan-Ole Gerster, die Band hatte den Soundtrack zu »Oh Boy« beigesteuert. Das Ergebnis ist nicht herausragend, kann sich aber hören lassen. Keine schnöde Anbiederung an den deutschsprachigen Mainstream-Pop wie vom Kollegen Schweighöfer, sondern ein Sound im Geiste der deutschen Chanson-Rocker von Element of Crime. Wieder nichts Seichtes, sondern Texte um Randexistenzen, der Modus: getragen. Da versteckt sich einiges unter dem Anzug.

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